West Highland Way 2015 – die Anreise

Flughafen Berlin Schönefeld

Flughafen Berlin Schönefeld

Endlich hat die Warterei ein Ende. Heute geht es los. Wir fliegen nach Schottland. Alle Vorbereitungen sind erledigt und wir fahren zusammen mit Ines und Steffen zum Flughafen Berlin Schönefeld. Mit dem Auto braucht man dafür von uns aus etwa 1,5 Stunden. Genügend Zeit, um etwas runter zu kommen. Denn vor so einer Reise entsteht halt doch etwas Hektik, obwohl wir ja nun schon einige Erfahrungen haben mit derartigen Unternehmungen. Letztendlich leben wir genau wie auf einem Pilgerweg über Tage aus dem Rucksack und müssen/wollen die Strecken zwischen den Etappenzielen zu Fuß zurück legen. Sicher ist der West Highland Way ein touristischer Weg aber ein so großer Unterschied zu den spanischen Pilgerwegen ist das auch nicht mehr, seit dem das Pilgern als Event vermarktet wird. Letztendlich kommt es einzig und allein auf die innere Einstellung an, mit der man einen solchen Weg erleben will. Das haben wir während der vielen Hundert Kilometer auf den verschiedenen Pilgerwegen gelernt. Daraus beziehen wir auch unsere Erfahrungen in Bezug auf die Vorbereitung und die Ausrüstung.

Unsere Begleiter Ines und Steffen besitzen diese Erfahrungen noch nicht. Sie gehen zum ersten Mal wandern. Und so waren wir zusammen bei Decathlon einkaufen und mussten ihnen im Anschluss so einiges ausreden, von dem was sie glaubten auf dem Weg zu brauchen.

DSC08330Trotzdem schleppt Steffen seinen riesigen Taucherrucksack ins Abfertigungsgebäude des Flughafens. Ein wenig sieht es aus, als wenn er einen Kleiderschrank auf dem Rücken hat. Die 20 kg Aufgabegepäck wird er wohl fast auslasten. Wir geben auch einen Rucksack auf. Er hat stolze 11,5 kg. Das ist für unsere Gewohnheiten auch recht schwer. Resultiert aber daraus, dass man eben ein wenig mehr einpackt, wenn der Rucksack von Unterkunft zu Unterkunft transportiert wird. Diese Leistung ist im Preis inbegriffen, genau wie die Unterkünfte in ausgewählten B&B Häusern oder Hotels. Wie sich alsbald heraus stellt, war es eine sehr gute Entscheidung, diesen Trip als Pauschalangebot bei einem Reiseveranstalter zu buchen. Doch ich greife voraus. Also immer der Reihe nach….
Mit etwas Verspätung hebt die EasyJet – Maschine ab und nach einem angenehmen Flug landen wir pünktlich auf dem Flughafen Glasgow. Schon beim Aussteigen erspähen wir unser Gepäck, welches gerade ausgeladen wird. In hohem Bogen fliegt es auf den kleinen Transporter. Na wird schon gut gehen. Hauptsache es ist mit uns angekommen. Die Riemen hatte ich schon zu Hause kurz gemacht und zusammen geschnürt. Darüber kam die Regenhülle und alles habe ich mit Panzertape verklebt. So habe ich schon mehrfach Rucksäcke aufgegeben und nie Probleme damit gehabt. Für den Rückflug befinden sich ein paar Meter von dem Klebeband im Rucksack. Ich werde heute zum zweiten mal darauf hingewiesen, dass mein Personalausweis bald abläuft. Doch man lässt mich rein ins Land. Vorher laufen wir auf dicken Teppichen durch einen Tunnel. Vögel zwitschern und rings herum erzeugen Tapeten mit Naturaufnahmen die Illusion, durch einen Wald zu gehen. So kann man auch willkommen geheißen werden in einem Land. Hier wird Werbung gemacht für den Nationalpark Loch Lomond, durch den wir schon übermorgen laufen werden.
Schnell haben wir unser Gepäck bekommen und schon stehen wir vor dem Flughafengebäude und halten Ausschau nach der Buslinie, die uns in die Innenstadt bringen soll. Alle 10 Minuten wird diese Linie bedient – Wahnsinn! Und vor dem Einstieg stehen zwei Mitarbeiter der Gesellschaft und weisen uns darauf hin, dass wir etwas Geld einsparen könnten, wenn wir eine Gruppenkarte bei ihnen kaufen – was für ein Service!
Nun muss ich dazu sagen, dass niemand unter uns ist, der wirklich gut Englisch sprechen, schreiben oder lesen kann. Bei uns hat man halt eher russisch gelernt. Ich hatte nicht mal fakultativ Englisch in der Schule, da meine Eltern der Meinung waren, dass Französisch schöner klingt – welch eine Zeitverschwendung! Mein Englisch ist also eher rudimentär und selbst angeeignet. Wenn ich hier also was falsch schreibe, bitte ich um Nachsicht. Ich stelle auch hier bereits fest, dass dieses schottisch eingefärbte Englisch weit weg von unserem Schulenglisch ist. Man nuschelt, betont meist auf der letzten Silbe und spricht bemerkenswert schnell. Und so sollen meine Worte:“please speak slowly!“ zu meinen ständigen Begleitern werden, genau so wie: „my English is very bad“. Damit komme ich aber ganz gut durch. Meist tue ich aber so, als ob ich verstehe – mehr aus Höflichkeit. Wenn man den Zusammenhang kennt, dann klappt das auch ganz gut und man bekommt allerhand mit. Missverständnisse bleiben jedoch nicht aus. Das werden wir noch zu spüren bekommen. Ich weiß ja, dass ich in dieser Hinsicht sehr faul bin. Auf der anderen Seite aber faszinieren mich immer wieder Menschen, die mehrere Fremdsprachen beherrschen.
George Square

George Square

Und so kann ich auch gerade so verstehen, was eine ältere Frau von uns will, als sie uns unvermittelt mit den Worten „can I help you?“anspricht. Sie hat wohl beobachtet, dass wir etwas unschlüssig und orientierungslos auf dem Gehsteig stehen, nachdem uns der Bus ausgespuckt hat. Ich habe keine Ahnung, ob wir hier richtig sind. Irgendwas von Central- oder Queen Street Station hatte ich mir gemerkt. Nun tauchen hier aber ganz andere Namen im Tableau des Busses auf. Hier sieht es aus wie im Zentrum – also schnell raus! Ja, und so stehen wir hier und schauen uns um. Noch ehe wir das nette Angebot der Dame annehmen müssen (wir hätten sicher eh nur einen Bruchteil verstanden) entdecke ich ein Schild mit dem gesuchten Namen: Queen Street Station – Glück gehabt! Von hier wollen wir mit dem Zug nach Milngavie, einem kleinen Vorort von Glasgow fahren. Hier ist unsere erste Unterkunft gebucht und hier beginnt der West Highland Way. Und hier auch gleich eine weitere Hürde. Denn wenn man nach Milngavie fragt, wird man hier nur kopfschüttelnd angeschaut. Auch das noch! Viele Namen werden völlig anders ausgesprochen. Da wirkt das Gälische, die alte Sprache der Schotten nach. Auch wenn Englisch in Schottland Amtssprache ist und Gälisch nur noch sehr selten gesprochen wird, besitzen hier die Ortseingangs- und Hinweisschilder oft einen englischen und einen gälischen Namen. Milngavie, so haben wir bereits zu Hause erfahren, wird so ähnlich wie „Mullgai“ ausgesprochen. Na mal sehen, was uns da noch so erwartet bei diesen unaussprechlichen Zungenbrecherortsnamen, die unterwegs auf uns warten.

Denkmal vor dem Rathaus

Denkmal vor dem Rathaus

Wir haben noch jede Menge Zeit, ohne wirklich zu wissen, wann der nächste Zug nach Milngavie fährt. Und so nutzen wir die Gelegenheit, uns etwas in der näheren Umgebung um zusehen. Der Verkehr ist der Wahnsinn! Jede Menge von diesen typischen alten Taxis und viele Busse rauschen durchweg auf der falschen Seite an uns vorüber. Das macht einen als Rechtsfahrer und – Läufer erst mal ganz meschugge im Kopf. Die Überquerung einer Straße wird zum Abenteuer, weil man ständig in die falsche Richtung schaut. Ständig stehen Leute vor einem, denen man nach rechts ausweichen wollte. Interessanterweise entschuldigen die sich für den Rempler, obwohl ich es ja war, der gerempelt hat. Irre, wir höflich die hier sind.

Wir laufen einmal über den „George Square“ und entschließen uns dann doch, bereits jetzt zum Zug zu gehen. Beruhigt bin ich, als ich die Fahrkartenschalter entdecke, hinter deren Sprechlöcher noch echte Eisenbahner sitzen. Ein Automat hätte mich jetzt überfordert. Für ein paar Pfund bekommen wir unsere Fahrkarten und einen netten Hinweis, auf welchen Bahnsteig wir gehen sollen. Das war ja einfach.
Das Publikum dieser Vorstadtbahnen sieht wohl in unserem Kulturkreis weltweit gleich aus. Alle starren teilnahmslos in die Gegend oder in eine Zeitung. Nur einer fällt auf: Ein offenbar betrunkener Jugendlicher, der seine Beine auf dem Sitz gegenüber ausstreckt und irgend etwas ekliges von einer Pappe isst. Er muss nicht nur betrunken, sondern scheinbar auch sehr müde sein. Denn er schläft über seinem Essen immer wieder für Sekunden ein und irgend etwas, wahrscheinlich geschmolzener Käse, kleckert in langen Fäden auf seinen Bauch. Es sieht grotesk aus. Und obwohl es eklig ist, muss ich immer wieder hin sehen. Ich denke für einen kurzen Moment daran, die Kamera raus zu holen. Lasse es aber lieber. Der Schaffnerin, die unsere Tickets kontrolliert, entgeht dieser Anblick natürlich auch nicht. Selbst bei der Suche nach seiner Fahrkarte schläft der Kunde immer wieder ein. Wir müssen lachen. An der nächsten Station verlässt der bekleckerte Jüngling das Etablissement nicht ganz freiwillig, wie es scheint.
Endstation Milngavie

Endstation Milngavie

Wir können beruhigt sitzen bleiben. Denn Milngavie ist Endstation. Und so verlassen wir wenige Sationen später mit allen anderen den Zug. Schon vor dem Bahnhofsgebäude entdecken wir ein Schild „West Highland Way“. Wir jedoch müssen heute erst mal zum Premier Inn, unserem ersten Hotel in Schottland. Ich bemühe das Smartphone mit seiner GPS App und schnell ist die Richtung gefunden. Bereits zu Hause habe ich die App AlpineQuest gekauft und die für Schottland notwendigen Karten und den GPS -Track des WHW aus dem Internet heruntergeladen. So ist es überflüssig, für Schottland einen Datentarif für´s Handy zu kaufen oder teure Roaming Gebühren zu zahlen. Die App kann ich uneingeschränkt empfehlen. Diese gibt es im Play Store (Android) für ganze 6 Euro.

Hotel Premier Inn

Hotel Premier Inn

Das Premier Inn ist ein 2,5 stöckiges langgestrecktes weißes Haus, welches anscheinend gut gebucht wird. Denn der Parkplatz davor ist recht gut gefüllt. An der Rezeption schwadroniert die Hausdame heiter drauf los, so dass ich umgehend meine zwei Standardsätze anbringe. Sie bemüht sich nun zumindest etwas deutlicher und langsamer zu sprechen. Schnell haben wir unsere Schlüssel und betreten unser Zimmer – recht nett – ein typisches Vorstadthotel, welches auch in Deutschland stehen könnte – für eine Nacht völlig ausreichend. Nach einer Tasse Kaffee, die wir mit dem im Zimmer vorhandenen Wasserkocher brühen (Ich bin zum ersten Mal froh darüber, dass ich den kleinen Reisetauchsieder, den Andrea gern mitgenommen hätte, zu Hause vergessen habe.), gehen wir noch mal ins Zentrum der kleinen Stadt. Gleich neben dem Bahnhof befindet sich ein großer Tesco Markt, in dem wir einiges an Proviant für die erste Etappe kaufen – etwas Käse, Wurst ist schwierig, da wenig Auswahl, Brot und Butter. Natürlich wandern auch ein paar Büchsen Bier in den Rucksack. Große Erwartungen haben wir nicht daran. Der „gute Ruf“ des britischen Bieres ist auch bis zu uns nach Sachsen durchgedrungen. Aber gegen den Durst wird es schon gehen.

der Anfang des West Highland Way

der Anfang des West Highland Way

Anschließend gehen wir noch schnell zum Obelisken, der am Anfang des Weges, mitten in der Fußgängerzone steht. Im Park setzen wir uns auf eine der Bänke und machen uns strafbar. Denn, was wir da noch nicht wissen, in Schottland ist der Genuss von Alkohol auf offener Straße mit hohen Straßen belegt – auweia! Das erklärt auch die Blicke der Passanten, die unsere fröhliche Truppe da sitzen sehen, mit der Bierbüchse in der Hand. Das hätte teuer werden können. Am Abend besuchen wir gleich neben dem Hotel ein Restaurant. Hier soll es morgen das Frühstück geben. In Schottland sind die meisten Gasthäuser geteilt. Eine Hälfte ist der Pub (die Bar) und die andere das Restaurant.

Fußgängerzone in Milngavie

Fußgängerzone in Milngavie

Während im Pup nur kleine Speisen angeboten werden und das Hauptaugenmerk auf dem Bier liegt, kann man im Restaurant besser essen. – bei entsprechendem Preisunterschied natürlich. Schottland ist nicht billig und auch nicht preiswert. Das betrifft besonders das Essen. Für das, was da serviert wird, muss man ganz schön tief in die Tasche greifen und ein Pint (0,5 Liter Bier ohne Schaum) bekommt man nicht unter 5 Euro. Doch wir haben Urlaub und so wollen wir nicht weiter darüber nachdenken. Heute wählen wir was aus, was wir glauben zu kennen. Aber irgendwann auf dem Weg gibt´s Haggis…..versprochen!

Gute Nacht bis morgen!

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