Der Kerryway 5. Etappe Cahersiveen – Waterville

Da habe ich heute Morgen etwas Verwirrung gestiftet. Wir hatten ja gestern gefragt, ob man uns bis zum Abzweig bringen kann. Und prompt steht da nach dem Frühstück ein Taxi vor dem Haus. Ich verbreite Hektik und lade schon mal unsere Rucksäcke und Stöcke ein. Aber nein! Das Taxi ist für eine Truppe aus Ohio bestimmt, die ebenfalls hier übernachtet hat. Ich lade also wieder alles aus und übe mich in Geduld. Breda Moran, die Hausherrin beruhigt mich, indem sie ihr Auto vor fährt. Andrea und Marion haben von einem Fauxpas glaube nichts mit bekommen. Wir schnappen also unsere kleinen Rucksäcke und ich stehe natürlich wieder an der falschen Seite des Autos. Da werde ich mich wohl nie dran gewöhnen.


Breda hat einen recht zügigen Fahrstil. Und die Fahrbahn ist hier wirklich nicht sehr breit. Wir fahren die gleiche Strecke, die wir gestern entlang gelaufen sind. Ich bin ein lausiger Mitfahrer. Nicht dass ich kein Vertrauen hätte. Aber ich trete da gerade bei jedem Entgegenkommer Beulen in das Blech des Fußraumes. Da komme ich aus meiner Haut nicht raus. Die Büsche auf meiner (linken) Seite rauschen nur so vorbei. Man hat als Rechtsfahrer einfach das Gefühl für diese Seite nicht. Dann bremst Breda ab und wir wälzen uns mit Gestöhn aus dem Auto. Die gestrige lange Tour steckt noch etwas in den Knochen. Wir kürzen deshalb und wegen des trüben Wetters heute etwas ab und haben uns an der alten Schule von Coars absetzen. Von dort sind es immer noch fast 20 Kilometer und die sollten es in sich haben. Wir verabschieden uns hier von Breda und bedanken uns mit einem Sponsoring ihrer Tankfüllung.

Ja, wo geht’s denn hier weiter? Natürlich über einen Zaunüberstieg…. und danach aber richtig aufwärts! An einigen Stellen muss ich sogar die Hände zu Hilfe nehmen. Einen richtigen Weg gibt es wieder nicht. Es ist mehr so eine Art Wegedelta, in dem sich in den vielen Verzweigungen zwischen den Wurzeln, Steinen und Grasballen seinen Weg sucht. Man muss halt selbst entscheiden welcher Pfad der Beste ist. Das ist nicht nur körperlich anstrengend wegen des steilen Geländes, man muss sich auch ziemlich konzentrieren. Auf dieser kurzen Strecke müssen wir gleich mal 200 Höhenmeter überwinden, um auf den Kamm dieser Bergkette zu gelangen. In einem weiten Bogen zieht sich diese aus dem Landesinneren bis fast ans Meer. Endlich oben!! Doch Pustekuchen – wir sehen nach einem kleinen Sattel nur den weiteren Aufstieg. Nach weiteren 500 Metern und 100 Höhenmetern erreichen wir den ersten Gipfel heute, den Knockavahaun.

Diesem 371 Meter hohen Hügel sollten heute noch einige folgen. Aber die Aussicht ist schon mal klasse von hier. Wir sehen aber auch, was uns noch erwartet, ein ständiges Auf und Ab über diese Hügelkette. Als ich den Weg auf den Karten bei der Vorbereitung verfolgte, erwartete ich eigentlich einen entspannten Wandertag. Wie man sich doch täuschen kann. Auf einem gut begehbaren Weg wäre diese Strecke sicherlich überhaupt kein Problem. Denn die Höhenunterschiede halten sich in Grenzen. Aber dieses ständige Gehüpfe zwischen nassen Grasbatzen, kleinen Felsen und Löchern an einem Weidezaun entlang, der sich über den gesamten Kamm erstreckt ist doch sehr anstrengend und zeitraubend. Wir sind hier bereits ganz glücklich über die gemeinsame Entscheidung heute den Weg etwas abzukürzen. Die vielen Zaunüberstiege tun natürlich ein Übriges. Man hat den Gipfel gerade erklommen, da warten zur allgemeinen Erheiterung auch noch diese Leitern. Wir hätten sie mal zählen sollen. Ob das wohl jemand mal gemacht hat? Im Netz habe ich nichts darüber gefunden. Ich verheddere mich jedenfalls regelmäßig in meinen Stöcken beim Umsteigen auf die andere Seite. Aber ohne diese Stöcke hätte ich in diesem Gelände erhebliche Schwierigkeiten. Bei Regen möchte ich hier eigentlich nicht entlang gehen. Das bisschen von gestern hat schon dafür gesorgt, dass heute immer noch viele Stellen ziemlich aufgeweicht sind. An einigen Senken liegen deshalb wieder alte Bahnschwellen oder Steinblöcke im Schrittmass. Eine Stelle hat man sogar mit  Schotter, der hier aussieht wie Kohle aufgefüllt. Das muss erst vor kurzem passiert sein. Die Spuren sind noch ganz frisch. Die kümmern sich hier also um den Weg, obwohl er sicher auch hier über Privatgelände verläuft. Tiere sind hier oben heute kaum anzutreffen. Weder Kühe noch diese bunt angesprühten Schafe lassen sich sehen. Nur ihre Hinterlassenschaften liegen auf dem Weg und ein einsames Pferd steht am Zaun und schaut etwas traurig in die Landschaft. Ja, und es scheint sich sogar zu freuen über unsere Anwesenheit. Als ich mich umblicke schaut es wieder in die gleiche Richtung. In dieser Richtung sieht man von hier bereits die Küste und unser Ziel Waterville. Der Weg dahin ist allerdings noch weit. Wir müssen erst das Tal des Inny durchqueren und gegenüber geht es wieder hinauf auf eine weitere Bergkette. Nun geht es erst mal steil nach unten. Zuerst über Wiesenwege, dann über einen Schotterweg vorbei an einigen Standing Stones und eine Ruine erreichen wir im Tal bei Foildrenagh eine kleine Straße. Hier geht es nach Links über die Inlandsroute auf 17,2 Kilometer nach Waterville oder nach rechts auf 12,5 ans gleiche Ziel. Unnütz hier zu schreiben, welchen Weg wir wählen….

Ich empfinde nach diesem Steigen über Wurzeln, Steinen und Grasballen diese Asphaltstraße als Erholung. Zudem kommen wir hier auch mal etwas schneller voran. Wir überqueren vor dem Ort Mastergeehy die Foildrenagh Bridge über den River Inny und zweigen kurz darauf nach links ab. Die kleine Straße steigt bis zur ehemaligen Kirche von Mastergeehy etwas an und verläuft dann weiter oben parallel zur Hauptstraße bis zu einer weiteren Abzweigung nach links. Hier machen wir eine kurze Pause. Ne Banane aus der Tanke von Cahersiveen lässt sich noch finden im Rucksack und natürlich Wasser! Es ist ziemlich schwül geworden und geschwitzt haben wir heute schon heftig. Ein Auto biegt recht zügig in den kleinen, durch ein rotes Gatter abgegrenzten Weg ein. Drin sitzt eine Frau, die freundlich grüßt. Die Sache mit dem Kaffee, den man bekommt, wenn an der hiesigen Poststation anklopft, habe ich leider zu spät gelesen.

Ohne Kaffee stehe ich wieder als erster auf, während noch Marion ihre Schuhe wechselt. Und wenig später erkenne ich die Frau aus dem Auto wieder. Sie steht am Zaun ihres Hofes in der einen Hand ihren keinen weißen Hund, in der anderen einen gefüllten Wassereimer. Sie wird doch nicht…. Doch ehe sie den armen keinen Kerl mit kaltem Wasser übergießen kann, spreche ich sie an. Freundlich, wie die Iren sind, beginnt sie sofort ein Gespräch. Ich verstehe zwar wieder nur die Hälfte, zeige ihr aber auf meinem Handy ein Foto von unserem Bodo. Hundebesitzer unter sich haben immer ein Thema. Als dann noch die Frauen nachkommen, entwickelt sich ein etwas längeres Gespräch. Sie scheint viel Zeit zu haben und in dieser einsamen Gegend, ist sie sicher auch über diese Begegnung erfreut. Sie will wissen, wo wir her kommen. Marion sagt wie immer „Black Forrest“, obwohl sie ja mittlerweile eigentlich in der Schweiz wohnt. Den Schwarzwald kennt hier anscheinend jeder. Aber wenn ich Leipzig sage, schauen die Meisten nur verwirrt. Dabei versuchen wir es erst gar nicht mit Delitzsch und glauben, dass doch Leipzig eigentlich recht bekannt sein müsste. Ist es aber anscheinend überhaupt nicht.

Irgendwann schaffen wir es, uns zu verabschieden, um weiter und wieder nach oben zu steigen. Schnell lassen wir den kleinen Wald hinter uns und die Gegend ist wieder Baumlos. Wir schauen, als wir nach 250 Höhenmetern den Kamm erreichen auf eine ausgedehnte Seenlandschaft, eingerahmt von dunklen Bergen. Der Lough Currane liegt unter uns und weiter rechts ist der Atlantik und Waterville zu erkennen. Schade, dass das Wetter heute den ganzen Tag recht trübe ist und sich nur ab und zu die Sonne zeigt. Diese Aussicht hier ist wieder umwerfend. Umwerfend ist auch der Weg wieder. Und zwar wenn man nicht aufpasst. Während bis zum Kamm ein breiter Schotterweg uns den Aufstieg leicht machte, ist nun wieder suchen und steigen angesagt. Steigen über Steine, Felsplatten, Wurzeln, Grasballen, Löcher und natürlich über jede Menge Überstiege. Hier gibt es besonders viele, habe ich den Eindruck. Und wir beginnen, auf ihnen vor diesem Wahnsinns Panorama zu posieren. Uns überholen die drei Amerikaner. Ihre Gesichter sind schon viel freundlicher, als sie uns begegnen. Der Comduff Hill ist mit seinen 244 Metern unser nächster Gipfel, jedoch immer noch nicht der letzte.

Jetzt muss es doch irgendwann wieder runter und nach Waterville hinein gehen. Doch hinter dem Comduff Hill verbirgt sich nur noch ein weiterer Aufstieg. Nimmt denn das gar kein Ende? Das weiße Shirt des Ami´s sehe ich nur noch als kleinen sich bewegenden Punkt. Also entweder sind die sehr in Eile oder wir sind entsetzlich langsam. Da endlich, wir haben mit dem Knag den letzten Gipfel erreicht.

Wir blicken von 208 Metern über dem Meer mit freier Aussicht hinunter nach Waterville und den Atlantik. Ganz weit draußen sieht man die Umrisse der Skelligs. Skellig Michael ist davon die bekannteste Insel. Auf ihr befinden sich die Reste eines Klosters, welches man über 600 Steinstufen erreicht. Seit dem 6. Jahrhundert soll dieses Kloster mit den Bienenkorb – Hütten bestanden haben. Später wurde die Insel als Drehort für den Film „Star Wars“ „Das Erwachen der Macht“ bekannt und zum Touristenmagnet. Seit 1996 ist Skellig Michael Welterbestätte. Wir haben eigentlich nicht vor dahin einen Abstecher zu machen, obwohl von Caherdaniel oder Kenmare aus dort hin Boote ablegen. Die etwas abenteuerliche Anlandung ist jedoch nur bei relativ ruhiger See möglich. Man müsste dafür die Wanderung für einen Tag unterbrechen, was bei unserem Zeitplan nicht möglich ist, ohne eine Etappe auszulassen – obwohl es schon interessant wäre, die Insel zu besuchen. Wir wollen aber den kompletten Weg gehen. Und so begnügen wir uns mit der Silhouette der Inseln am Horizont.

Ich bleibe erst mal hier auf einem breiten Felsentisch sitzen und genieße die Aussicht. Marion und Andrea gehen voraus. Über bequeme Wiesenwege geht es die 200 Höhenmeter relativ steil bergab bis zum Ort Spunkane. Hier wechselt Marion wieder ihre Schuhe. „Ich geh schon mal langsam voraus…“

Aus dem „langsam“ wird dann immer schneller und bald sind die ersten Häuser von Waterville erreicht. Im Zentrum gehe ich in den ersten Supermarkt und kaufe mir ein Bier. Auf den Stufen davor setze ich mich und lasse die Büchse zischen. Passanten schauen mich etwas seltsam an. Hier wird doch nicht wie in Schottland der Genuss von Alkohol auf offener Straße verboten sein? Ich beeile mich, dass ich die Büchse leer bekomme, ehe es Ärger gibt. Da kommen auch schon Andrea und Marion. Fast wären sie an mir vorbei gelaufen.

Da unsere Unterkunft ziemlich weit draußen liegt – etwa 1,6 Kilometer – wollen wir erst mal was für morgen einkaufen und einen Pup fürs Abendessen aufsuchen. Den haben wir im „Fisherman´s Bar“ recht schnell gefunden. Leider macht die Küche erst 18 Uhr auf – noch eine Stunde! Mir knurrt der Magen. Die Küche hier scheint aber gut zu sein. Alle Kellnerinnen sind hier etwas stark gebaut in der Mitte ihres Körpers – um es mal charmant auszudrücken. Ob die auffällige Körperfülle vom kosten des hiesigen Essens herrührt, bleibt jedoch eine Vermutung.

Wir rufen schon mal im „Golf Links View B&B“ an, um unsere verspätete Ankunft mitzuteilen. Mary bot uns sofort an, uns abzuholen. Doch wir lehnten freundlich ab. Denn erstens wissen wir noch nicht wann und zweitens haben wir nun viel Zeit für einige Guinness, die auf dem Marsch sich sicher wieder neutralisieren 🙂

Und so sitzen wir hier in der Bar auf einer Bank in einer Reihe und schauen uns auf einem großen Bildschirm einen Bericht über Pferderennen an. Das ist so ein Sport, der mich aber auch gar nicht interessiert und hinter dem ich Tierquälerei sehe. Es geht um sehr viel Geld und da hört Menschlichkeit und Tierliebe meist auf. Und so fließen dann doch zwei Guinness durch meine Kehle, bevor endlich die Speisekarte auf dem Tisch abgelegt wird. Der Kellner ist übrigens spindeldürr… 🙂

Die Auswahl fällt mir nicht schwer. So nah am Meer muss natürlich Fisch auf den Teller. Ich weiß gar nicht, warum so viele bei „Fish and Ships“ die Nase rümpfen? Ich finde das, was ich hier bisher vorgesetzt bekam ausgezeichnet. Und so ist es auch diesmal. Gegen 19 Uhr machen wir uns auf den Weg zum B&B. Dieser führt uns direkt an der schon bekannten N70 entlang. Die Straße ist recht breit für hiesige Verhältnisse und die Entgegekommer zeigen uns wie üblich durch Blinken an, dass sie uns gesehen haben. Aufpassen muss man trotzdem höllisch, könnte doch einer dabei sein, der gerade trieft.

Es ist das letzte Haus an der Straße und wir werden von Mary herzlich begrüßt. Wieder gibt es dicke Teppiche im Gang und wir ziehen die Schuhe am Eingang aus. An deren Sohlen sollte nun der Schlamm vom Tage im Profil getrocknet sein und es besteht die objektive Wahrscheinlichkeit, dass wir nun diesen Schlamm in dicken Krümeln auf den schönen Teppichen verteilen.

Das Zimmer ist der Wahnsinn. Wir haben glaube ich die Suite erwischt. Vor der Nachtruhe setzen wir uns noch mal vor´s Haus. Jetzt am Abend flaut der Verkehr auf der N70 etwas ab. Und so können wir die Ruhe genießen. Es beginnt jedoch bald zu regnen. Und auch für morgen bietet der Wetterbericht nicht viel Gutes. Wir ziehen uns zurück, in der Hoffnung, dass der Wetterbericht wieder mal übertreibt.

Gute Nacht.

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