Ein besonderes Wochenende auf dem ökumenischen Pilgerweg – Samstag 26.08.2017

vor der Herberge in Keinliebenau

Es ist wie immer, wenn wir pilgern gehen. Die Tagesabläufe ähneln sich eigentlich und man ist sehr schnell im Kopf dem Alltag entflohen. Der Körper will dagegen noch nicht so ganz. Man merkt ihm sein Alter zunehmend an. Und so räkele ich mich noch etwas auf der Matratze, um zu prüfen, was heute weh tun könnte. Und dabei bin ich heute noch keinen Schritt gelaufen! Irgend jemand, der wahrscheinlich noch älter ist als ich, hat mir mal gesagt: Was nicht weh tut, ist wahrscheinlich schon abgestorben – schöne Aussichten! Also schnell hoch vom Schlaflager, bevor was abstirbt und ab in den Tag!

Leichter gedacht als getan. Denn der Geist ist willig… doch der Körper will liegen bleiben…. Und dann werden die anderen auch noch angesteckt von meinem versuchten Aktionismus. Wenn dann auf der kleinen Empore 4 Leute versuchen, ihre Matratzen zurück in die bereitgestellte Kiste zu befördern und ihre Klamotten zu ordnen, geht es dann doch etwas eng da oben zu. Die Nacht verlief dagegen ruhig – für mich jedenfalls. Es beschwert sich allerdings niemand darüber, dass ich geschnarcht habe. Oder traut sich nur niemand aus Anstand?? Wir kennen uns ja noch nicht so lange. Ein zwei vorwurfsvolle Blicke glaube ich aber doch zu erkennen.

Frühstück in Kleinliebenau (Foto Thomas Barth)

Ich steige die schmale Treppe herunter und bestücke die Kaffeemaschine. Während die Zahnbürste durch meinen Mund kreist, wird der Kaffee fertig. Gut für Andrea, denn sie braucht den glaube ich am nötigsten von uns am Morgen. Es ist ein Ritual. Ohne Kaffee geht bei ihr Garnichts am Morgen. Bei Isabelle und Thomas ist sofort zu erkennen, dass sie auch nicht zum ersten Mal auf Pilgertour sind. Jeder nimmt auf jeden Rücksicht. Denn nur so ist das morgendliche Gewusel in geordnete Bahnen zu lenken, damit jeder rechtzeitig fertig ist zum (hoffentlich gleichzeitigen) Aufbruch. Das Frühstück ist schnell erklärt – der Rest von gestern und Tee bzw. Kaffee. Wir frühstücken drinnen, da es draußen angefangen hat zu nieseln. Na prima! Auch das noch! Ich habe es hier schon mehrfach geschrieben: Ich bin ein leidenschaftlicher Schönwetterpilger. Dabei stört mich eigentlich gar nicht so sehr der Regen. Aber die Sicht ist nicht so gut, wodurch man einen ganz anderen Eindruck von der Landschaft oder den Ortschaften bekommt und damit fehlt mir eigentlich auch die sonnige Stimmung auf den Fotos. Für Fotos ist allerdings heute vorrangig Thomas zuständig. Da soll er doch sehen, wie er das hin bekommt, uns ins rechte Licht zu rücken. Er hat mit Abstand den schwersten Rucksack von uns. Denn so ne professionelle Fotoausrüstung wiegt schon einiges. Ein Grund, weshalb ich schon seit der ersten Pilgerreise auf Kompaktkameras umgestiegen bin. Thomas ist ziemlich überladen. Also übernehmen wir in Teilen seine Verpflegung, worüber er richtig froh ist. Wir haben aus Erfahrung mit unserer ersten Tour auf dem ÖP ja genügend mit genommen von zu Hause, um über mindestens einen Tag zu kommen. Isabelle geht dagegen voll in ihrer Aufgabe als Journalistin und Fragestellerin auf.

abmarschbereit (Foto Thomas Barth)

Bereits zum Frühstück fragt sie uns die berühmten Löcher in den Bauch. Einiges haben wir schon x mal beantwortet. Für mich ist es ein Zeichen, dass ich meinen Dialekt etwas unterdrücken muss, damit sie als Französin alles auch richtig versteht. Dabei ist sicher nicht so sehr die Aussprache das Problem, sondern die speziellen Ausdrücke für bestimmte Dinge oder Tätigkeiten, die es eben nur hier in unserem Sprachraum gibt. Und so muss ich oft neu ansetzen mitten im Satz, wenn ich ihren fragenden Blick bemerke. Sie befürchtet glaube ich, dass sie nervt. Das tut sie überhaupt nicht. Zudem ihr Interesse an unserer Geschichte wirklich echt ist und nicht aufgesetzt oder geheuchelt, wie man es bei einigen unserer weiter westlich lebenden Landsleute manchmal bemerkt. Schnell stellen wir fest, dass es ihr für ihren Artikel vor allem darum geht, wie es dieser Weg vermag, Menschen in seinen Bann zu ziehen und sie zu verändern, Menschen die ihn gehen und solche, die an ihm wohnen. Wir haben sicher viel zu erzählen und schweifen manchmal weit ab. Isabelle ist bemüht und es gelingt ihr auch immer wieder zu ihren Themen zurück zu kehren.

Unterdessen ist die Herberge aufgeräumt, das Geschirr abgewaschen und wir stehen bepackt mit unseren Rucksäcken und in unseren Regenjacken vor der Tür. Thomas kommt zu seinem ersten Einsatz. Er drapiert uns für sein erstes Foto und da bemerke ich schon einen faszinierenden Unterschied zur Art wie er und wie ich fotografiere. Während ich eher dem Schnappschuss vertraue, inszeniert er das Foto. Ich will nicht sagen, dass mich das stört. Aber es ist ungewohnt für mich, ein Modell zu sein. Ich stehe viel lieber hinter der Kamera und kann mich auf Fotos schwer ertragen. Da muss ich nun durch! Schließlich habe ich dem Unternehmen sofort zugestimmt. Aber es ist schon eine schwere Prüfung für mich.

Endlich hat Thomas seine Bilder im Kasten und wir können los. Wir sind bereits an der nächsten Ecke, als ich unschlüssig werde, ob ich die Herbergstür auch verschlossen habe. Also kehrt Marsch zurück…. Ja sie ist zu. Aber der Schlüssel steckt noch. Also ziehe ich ihn ab und werfe ihn wie vereinbart in den Briefkasten. Ich renne den anderen hinterher und bemerke, dass ich doch ganz schnell kurzatmig werde. Ein bissl aus der Übung der Dicke!! Also vermeide ich solche Aktionen erst mal und verhalte mich ganz still, bis ich wieder bei Atem bin, damit niemand mein Schnaufen bemerkt.

Hordorf

Die Landstraße entlang bis Horburg  benötigen wir erst mal, um das Lauftempo untereinander abzustimmen. Und da Isabelle wieder viele Fragen hat, gehen wir etwas langsamer als üblich, um nicht außer Puste zu geraten. Ich erzähle ihr, wie mir damals, als wir das erste Mal hier entlang liefen auffiel, wie laut doch die Autobahn ist und in welch großer Entfernung sie man noch deutlich wahrnimmt. Der Weg durch den Wald hinter Horburg entlang des Goseweges ist noch recht sumpfig. Es hat aber inzwischen aufgehört zu nieseln. In Dölkau interessiert Thomas besonders ein verlassener Vierseitenhof. Man kann schon fast von einem herrschaftlichen Anwesen sprechen. Er macht etliche Fotos. Wobei mir auch hier auffällt, dass er ein gutes Auge für’s Detail hat. In Zweimen hat man die Brücke über die Luppe instand gesetzt. Dort wo wir noch vor wenigen Jahren unter einem Flatterband hindurch krochen, um über die gesperrte Brücke zu gelangen, gibt es nun einen gefahrlosen Durchgang.

entlang der Luppe

Der Weg entlang der Luppe nördlich von Zweimen hat mir schon damals sehr gut gefallen und auch diesmal mache ich Fotos. Einige Zeit und Kilometer später erreichen wir den Raßnitzer und Wallendorfer See. An letzterem gibt es einen Badestrand und einen schönen Steg. Daran kann ich mich noch erinnern. Und da Isabelle wieder viele Fragen hat und Thomas wieder eine Fotosession einschieben möchte, steure ich genau diesen Badestrand an, der nur 100 Meter entfernt vom Weg liegt. Ich erzähle Isabelle, dass dies genau wie nördlich und südlich meiner Heimatstadt Delitzsch ebenfalls alte ausgekohlte Braunkohlentagebaue sind und ich mir genau vorstellen kann, wie das früher, als die Grube noch in Betrieb war, hier aussah, wie es riecht und welche Geräusche die riesigen Maschinen machen, die den Abraum bewegen und die Kohle fördern. Ich erzähle ihr auch, dass die Bagger wahrscheinlich bis auf wenige Hundert Meter an mein Haus heran gekommen wären, wenn der politische Umbruch in der DDR nicht stattgefunden hätte. Nach der Wende hatten wir Zugang zu Plänen, die voraussagten, dass es nach Norden und Süden nur noch einen schmalen Streifen von uns aus gegeben hätte, der nicht vom Tagebau okkupiert worden wäre.

am Wallendorfer See

Etliche Dörfer hätten weichen müssen. Unser Wohnort wäre wahrscheinlich durch die Nähe zur Kreisstadt noch mal davon gekommen. Doch genau wusste man das nie. Jeder Tagebau hinterließ riesige Abraumhalden und um eine Renaturisierung kümmerte man sich wenig. Man pflanzte einfach anspruchslose Pappeln und überließ alles seinem Lauf. Die sogenannten Restlöcher, die durch die Abbaggerung der Kohle natürlich übrig bleiben, wurden mit dem abgepumpten Wasser aus den in der Nähe liegenden Neuaufschlüssen geflutet. Schon als Kind sind wir fast jedes Wochenende mit dem Fahrrad zu solchen künstlichen Seen gefahren, um zu baden. Wie gefährlich das eigentlich war, zeigen die schweren Unfälle wie z.B. im ehemaligen Tagebau Nachterstädt, wo drei Menschen ums Leben kamen, als  4,5 Millionen Kubikmeter Erde ins Rutschen gerieten und Wohnhäuser in den sanierten, mit Wasser gefüllten Tagebau stürzten. Die Restlöcher, in denen wir damals badeten, waren nicht saniert. Da wurden keine Böschungen verfestigt oder abgeschrägt. Da ging es einfach nur steil runter zum Wasser. Nicht auszudenken, was hätte da alles passieren können. Isabelle hört angespannt zu und

Rast am Wallendorfer See (Foto Thomas Barth)

Thomas nutzt die Gelegenheit Fotos zu machen. Ich erzähle Isabelle aber auch, dass die ganze Region vom Bergbau und der Folgeindustrie gelebt hat und dass der Wegfall der Arbeitsplätze durch Schließung vieler Tagebaue und großer Betriebe von heute auf morgen große soziale Probleme hervorrief. Wer konnte, wanderte ab. Und die, die da blieben, mussten Umschulungen über sich ergehen lassen oder gingen zu großen Teilen in die Arbeitslosigkeit. Auf der Strecke blieben jene, die dazu nicht oder nicht mehr in der Lage waren. Und das sieht man vor allem in den Städten im ehemaligen Revier Halle/Leipzig. Uns fiel das besonders in Merseburg auf, welches wir bald erreichen werden. Es fällt ins Auge, dass sich augenscheinlich am sozialen Rand der Gesellschaft befindliche Menschen in der Stadt leben. Alkoholisiert standen sie an vielen Stellen herum – ein Bild, was sich mir eingeprägt hat, weil es hier deutlicher als anderswo wahrnehmbar war. Merseburg hat fast die Hälfte seiner Einwohner verloren. Seine Infrastruktur war so aufgebaut, dass Merseburg vorwiegend Berg- und Chemiearbeiter aus dem nahen Bergbau und aus den Leuna- und Bunawerken beherbergen konnte. Eigentlich über Nacht wurde der Stadt das Leben fast ausgehaucht. Und so spricht man heute, wie uns damals eine Kellnerin sagte, mit der wir über das Thema sprachen, von der „Stadt der drei A: Alte, Arbeitslose, Ausländer“. Das klingt alles sehr drastisch. Aber so war es eben. Der Ausverkauf der maroden Wirtschaft war nicht zu stoppen. Und in großen Teilen war es natürlich auch eine Marktbereinigung. War man doch scharf auf den lukrativen Ostmarkt, der inzwischen durch die Einführung der D – Mark völlig zusammen gebrochen war. Und deshalb stieß es vor allem in Ostdeutschland auf Unverständnis, wie man sich um die paar Arbeitsplätze bei Opel sorgte, den Konzern versuchte mit Steuergeldern zu stützen, um ihn dann doch an GM zu verhökern, statt ihn in die Insolvenz zu führen. Wie das ganze ausgegangen ist, wissen wir inzwischen. Damals gab es hier keine Sozialpläne für mehr als Einhunderttausend Menschen, die von heute auf Morgen ihren Job verloren hatten. Das dies Frust hervorruft, darüber muss sich niemand wundern.

Es gibt viel zu erzählen und viele Menschen in den alten Bundesländern können sich das nicht vorstellen oder sie interessiert es nicht. Und deshalb sehe ich das so, dass die Unterschiede zwischen Ost und West vorwiegend in den Köpfen zu suchen sind. Erst mit dem Aussterben der Generation, die diesen Umbruch erlebt haben, werden diese Schranken in den Köpfen fallen.

Thematisch zurück auf den Pilgerweg kommend, bin ich der festen Überzeugung, dass dieser immer mehr als Bindeglied für unser ehemals geteiltes Heimatland angesehen werden kann. Viele, die noch nie im Osten waren, haben hier die Möglichkeit hautnah Land und Leute kennen zu lernen, das Land, welches oft geschunden aber wieder erblüht ist und die Leute, die offener, herzlicher, direkter und meist auch gastfreundlicher sind, als in anderen Teilen Deutschlands. So haben wir es erlebt und so waren wir oft erstaunt darüber, wie es in diesem Land noch möglich ist, Fremden so viel Vertrauen entgegen zu bringen. In einem Land mit der Kultur der privaten Abschottung durch Zäune und Knallerbsensträucher gibt es tatsächlich noch Menschen, die ihre Türen öffnen. Und das macht zuversichtlich. Ich kann nur jedem raten, sich mal auf einen Pilgerweg zu begeben, egal ob religiös, spirituell, sportlich oder touristisch. Man erlebt seine oder eine fremde Umgebung neu bzw. auf ganz andere Art – auf alle Fälle aber intensiver. Man lernt Meschen kennen und redet mit ihnen – nicht über sie. Man erhält die Zuversicht, die einem die Welt voller Hass und Neid erträglich macht. Es geht auch anders!

Ich mache mir langsam Sorgen, dass ich Isabelle überfordere mit meinem Redeschwall. Doch da muss sie jetzt durch. Sie hat mich heraus gefordert. Isabelle macht sich Sorgen alles richtig zu erfassen, was ich da so von mir gebe und hinterfragt oft, weil sie offenbar einiges nicht versteht. Ich gebe ihr immer wieder zu verstehen, dass sie ruhig fragen soll, wenn ihr was unklar ist. Schließlich hoffe ich, richtig zitiert zu werden im Artikel. Ich bringe da viel Vertrauen zu ihr auf, sonst könnte ich das so nicht erzählen.

Merseburg Blick über die Saale zum Dom

So im Gespräch vergeht die Zeit wie im Fluge. Wir sind längst am Stadtrand von Merseburg angekommen, nachdem wir den schönen, von großen Bäumen gesäumten Weg von Löpitz zur B181 hinter uns hatten. Die Stadt empfängt uns mit Regen, was die Vorstadt sicher nicht schöner macht. Vorbei an der Neumarktkirche, in der wir das vorige Mal die Nacht verbracht haben, geht es auf die Saalebrücke. Dort ist vor der Kulisse des Domes und des Schlosses wieder Foto – Time by Thomas. Einmal Andrea, dann ich allein, dann beide zusammen usw. – alles sehr ungewohnt. Im Dom hole ich mir einen Stempel im Pilgerpass. Auch Isabelle schaut mal kurz ins Foyer, hat aber keine Lust hinein zu gehen. Schade eigentlich, denn der ist wirklich sehenswert. Aber sie war schon mal hier und wir müssen weiter. Denn wie bereits geschrieben, haben wir erst in Frankleben eine Herberge. Den Weg durch die Domstraße kennen wir nun ganz genau. Denn Thomas will uns in Bewegung. Und so schickt er uns einige Male zurück, weil ihm irgendwas an der Aufnahme nicht passt oder das Blitzgerät nicht auslöst, da es noch nicht wieder aufgeladen ist oder einer von uns blöd guckt…. Die Leute beleiben schon stehen und schauen neugierig zu uns rüber. Das gleiche Spiel einige Meter weiter vor dem „Krummen Tor“. Hier kommt erschwerend hinzu, dass direkt neben dem Tor ein Sperrmüllhaufen liegt, der natürlich nicht mit aufs Bild soll. Ich zähle schon nicht mehr mit. Immer wieder schickt er uns zurück zur Ausgangsposition und wir sollen ganz ungezwungen schauend, locker auf ihn zu laufen. Mach das mal, wenn dir schon die Füße weh tun! Nein! Ein Pilger hat mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Welt zu schauen! No Pain – no Glory!

Auf den Fotos sehen wir trotzdem ziemlich fröhlich aus. Das liegt vielleicht auch daran, dass Thomas beim fotografieren recht artistische Positionen einnimmt. Geduldig machen wir das Spiel mit. Doch nun habe ich Durst! Am Bahnhof finden wir einen Imbiss, der was brauchbares anbietet. Von den Aluminiumstühlen wischen wir die dicken Wassertropfen weg. Es hat aufgehört zu regnen und wir können draußen sitzen und die Leute beobachten. Verändert hat sich das Stadtbild in den letzten Jahren nicht bemerkbar. Nun ja, wir sind am Bahnhof. Und da treiben sich in jeder Stadt ein paar zwielichtige Typen rum. Ich genieße indes ne kleine Flasche Bier und mein belegtes Brötchen. Die Sonne kommt sogar raus, wärmt Hände und Gesicht. Hier freue ich mich noch darüber.

In Merseburg haben wir noch nie ein Muschelzeichen gesehen, welches uns durch die Stadt führen könnte. Auch heute halte ich vergeblich danach Ausschau. Und so nehme ich mein Smartphone zur Hand. Mein Instinkt sagt mir, dass wir bereits falsch sind. Es sind jedoch nur 200 Meter, die wir uns vom Weg entfernt haben. Nun erkenne ich die Stelle wieder, an der man durch den Tiergarten aus der Stadt kommt.

der lange Weg nach Frankleben (Foto Thomas Barth)

Im anschließenden Sumpfgebiet durch die Geiselniederung piesacken uns auch diesmal wieder die Mücken auf dem fast zugewachsenen Pfad durch hohes Gestrüpp. Hier gibt es keine Pilgerautobahnen. Hier muss man sich seinen Weg oft selbst bahnen. Endlich raus aus dem Busch öffnet sich die Landschaft und es beginnt der ewig lange Betonweg nach Frankleben. Hier bedaure ich wieder, dass heute nun doch noch die Sonne raus gekommen ist. Mann ist das heiß! Mitten auf dem Weg muss ich mich kurz ausruhen und die letzten Reste aus der Trinkflasche saugen. Irgendwie bin ich ziemlich kaputt und das Stechen in der rechten Seite macht sich wieder schmerzhaft bemerkbar. Doch nützt ja nüscht…. wir müssen weiter um anzukommen.

Schloss Frankleben

Frankleben ist schon in Sicht und auch das Schloss, in welchem unsere heutige Unterkunft sein soll. Mit dem neuen Schlossherren Franz Pacher von Theinburg, einem Österreicher, der das Schloss 2007 erworben hat und nun nach und nach saniert, hatte ich per Mail Kontakt und ich weiß deshalb, dass er selbst nicht da ist an diesem Wochenende. Aber er meinte, dass sich schon alles finden werde und wir natürlich im Schloss übernachten können. Er hatte es sehr bedauert, dass er nicht mit uns sprechen und das Schloss zeigen könne, als ich ihm den Zweck unserer Reise mitteilte. Mit etwas Mühe finden wir nach einem kleinen Umweg durch das Dorf den Eingang zum Schlosshof. Wir gehen durch ein großes geöffnetes Gittertor über grobes rundes Kopfsteinpflaster auf das Schloss zu. Von Außen wirkt es schon mal sehr imposant. Ich versuche es zuerst am Haupteingang, welcher über eine große Freitreppe erreichbar ist hinein zu gelangen – der ist zu! Ich gehe weiter nach rechts – da befindet sich aber nur der mit Wasser gefüllte Schlossgraben. Auf der linken Seite des riesigen weißen Gebäudes sehen wir dann endlich eine Tür mit dem uns gut bekannten Herbergszeichen. Und …. sie ist offen!

Gespannt treten wir ein und kommen in einen düsteren etwas modrig riechenden großen Raum mit einer Knüppeldecke. Einige Betten aus Holz oder Stahlgitter unterschiedlichster Herkunft und ein großer Tisch mit Stühlen stehen verteilt im Raum. An der Wand steht eine große Truhe und im Raum verteilt wurden alte Werkzeuge drapiert. Alles sieht sehr rustikal und etwas morbide aus. In den winzigen Fenstern hängen hinter ausgeblichenen Plastikblumen uralte Spinnweben. Die Wände sind notdürftig verputzt und gekalkt und dort wo er dicker ist, droht er bei jeder Berührung herunter zu rieseln. Der Fußboden ist mit gebrannten Lehmziegeln belegt. Barfuß gehen von der Dusche zum Bett ist also nicht. Ich bin überwältigt. Das hat was! Und als wir endlich den Lichtschalter finden, breitet sich von den an den Wänden hängenden Lampen ein warmes Licht im Raum aus. Also ich finde das klasse hier! entfährt es mir und sofort mache ich mich auf der linken Seite (an der Tür) des großen Ehebettes breit. Thomas nimmt ein Drahtgitterbett in der rechten hinteren Ecke und Isabelle ein mit Bauernmustern bemaltes Holzbett, in welches Thomas sowieso nicht rein gepasst hätte. Neugierig betrete ich den nächsten Raum. Hier ist also die Küche. Da können wir uns morgen Früh wenigstens einen Kaffee kochen und etwas Brot und Käse haben wir auch noch.

Ich klinke an der nächsten Tür – auch offen. Hier gelange ich in ein Treppenhaus, welches ich hinauf steige. Aus den Fenstern des Rundgangs erkenne ich den fast quadratischen Innenhof des Schlosses. Dieser ist mit Kieselsteinen gepflastert und es stehen zwischen einigen Grünpflanzen Tische und Stühle. Der Bereich, in dem sich die Pension befindet, ist dann doch verschlossen – nicht so die untere Etage des Schlosses. Ich gehe durch mehrere Zimmer und mache Fotos. Liebevoll ist die Deckenbemalung teilweise wieder restauriert worden und viele alte Möbel schmücken die Räume. Auch ein Musikzimmer mit einem Flügel gibt es. In einer kleinen Ausstellung erfahre ich was zur älteren und jüngeren Geschichte des Hauses. Hier gibt es also neben der Pension und der Pilgerherberge auch ein Hochzeitszimmer, in dem man standesamtlich heiraten kann. Hier steckt bereits viel Arbeit und Geld drin, ohne dass es protzig wirkt. Ich bin beeindruckt.

Es wird aber Zeit, dass wir was zum Abendessen finden. Um die Ecke habe ich vorhin ein Eiskaffee gesehen. Ohne auf die anderen zu warten, gehe ich erst mal dort hin. Als ich eintreten will, wird jedoch gerade geschlossen. Ich erfahre jedoch noch, dass es unweit eine Gartenkneipe gibt, die gutes Essen anbietet. Man geht wenn man aus dem Schloss kommt nach rechts die Straße hinauf und trifft nach einer langgestreckten Rechtskurve auf das Gartenlokal. Es wird von Vietnamesen betrieben, was unschwer an der kitschigen und knallbunten Ausschmückung zu erkennen ist. Das Lokal scheint sehr beliebt zu sein. Der Gastraum ist mit einer Gesellschaft voll besetzt. Das Wetter lässt es aber zu, dass wir es uns auf der mit Weinreben überrankten Terrasse bequem machen. Auch diese ist bald voll besetzt. Und so hat das Personal alle Mühe, es allen recht zu machen. Und die sind wirklich flink hier und sehr freundlich. Das Essen ist richtig gut (chinesische und deutsche Küche) und ich kann es nur empfehlen.

Uns gehen indes immer noch nicht die Gesprächsthemen aus und Isabelle denkt sogar hier noch an ihren Artikel und stellt gezielte Fragen. Verwunderlich nur, dass sie sich nichts aufschreibt? Ich hatte es bereits bei ihrem Besuch bei uns zu Hause bemerkt, dass sie erst nach den Gesprächen (Interview will ich es nicht nennen) alles aus ihrem Gedächtnis hervor kramt und zu Papier bzw. in den Computer bringt. Was sie glaubt nicht verstanden zu haben, fragt sie dann später nach. Und sie fragt viel. Ich muss mich bemühen noch deutlicher zu sprechen!! Die Zeit hätten wir längst vergessen, würde uns nicht die Müdigkeit einholen. Es war ein sehr anstrengender und intensiver Tag. Und das liegt nicht nur an der zu Fuß zurück gelegten Strecke.

Also zahlen wir und trollen uns in „unser“ Schloss. Die Handtücher hängen wir lieber draußen auf. Und die Schuhe kommen auch auf die Treppe. Der Schlafraum scheint wirklich recht feucht zu sein. Und das ist vielleicht das einzige, was mich hier etwas stört. Bei Regenwetter bekommt man hier wahrscheinlich seine Klamotten kaum trocken. Doch das tangiert mich jetzt nicht mehr. Ich bin so müde, dass ich mein eigenes Schnarchen, von dem ich manchmal aufwache, nicht höre. Ich schlafe wie ein Stein…..

wird fortgesetzt….

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