sächsischer Jakobsweg Oederan – (Chemnitz)

der Markt und die Stadtkirche von Oederan

der Markt und die Stadtkirche von Oederan

Das Wetter hat nun heute ein weiteres seiner Register gezogen, leider eins in Moll und nicht in Dur. Nach dem Regen kommt heute auch noch eine steife Briese hinzu, die einem die Regentropfen so richtig ins Gesicht peitscht. „Nützt ja nüscht!“ denke ich, als ich die Tropfen am Morgen auf das Dachfenster trommeln höre. Die paar Kilometer bis Chemnitz werden wir nun auch noch schaffen. Und „es ist nur Wasser“. Letzterer ist der Spruch, den ich mir meist selbst einrede, um mir das Wetter schön zu reden. Genau so wie: „Es gibt kein schlechtes Wetter, wenn man die richtigen Klamotten hat!“ Nee, Nee, ich gebe es ja zu, ich bin ein Schönwetterpilger. Mistwetter verdirbt mir mächtig die Stimmung. Aber wie geschrieben: „Nützt ja nüscht!“ Hier sitzen bleiben und auf besseres Wetter warten, bringt uns auch nicht weiter. Also packen wir unsere sieben Sachen, trinken noch einen Kaffee, essen etwas und verlassen das Haus.

Der Tag schafft es nicht so recht die Dämmerung abzustreifen und so trotten wir im Regen durch die düstere Stadt. Bei Sonne würde die sicher auch schöner wirken. So bleibt mir nur der trübe Eindruck von Oederan. Ja, ja, ich höre ja schon auf zu meckern. Denn: „Es könnte ja noch schlimmer kommen!“ Und um es vorweg zu nehmen: „Es kam schlimmer!“

der Weg aus der Stadt heraus

der Weg aus der Stadt heraus

Doch alles der Reihe nach. Den kleinen Stadtrundgang, den wir am Abend des Wetters und der fehlenden Lust wegen nicht gemacht hatten, holen wir nun nach. Der Weg bringt uns an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Kleinstadt vorbei. Herausragend natürlich die Stadtkirche. Der spätgotische Bau prägt mit seinem hoch aufragenden Turm das Stadtbild. Auch hier wirkte Orgelbaumeister Gottfried Silbermann. Ein paar Fotos vom Markt und der Kirche müssen aber genügen, denn wir sind bereits auf der Suche nach dem weiteren Weg. Dieser führt uns leicht bergauf durch Eigenheimsiedlungen aus der Stadt. Von Fern ist bereits der Lärm einer riesigen Gänsefarm zu hören. Hunderte schneeweißer Gänse rennen über eine riesige Wiese. Das nenne ich mal artgerechte Haltung! Die heißen allerdings alle Martin und ihnen geht es sicher bald an den Kragen.

Blick zur Augustusburg

Blick zur Augustusburg

Der Weg biegt bald nach rechts ab und steigt immer noch. Rings herum kein Baum, kein Strauch, nur freies Feld. So hat der Wind freie Bahn und zerrt tüchtig an meinem kleinen Regenschirm. Der erweist sich als stabiler als gedacht und schützt zumindest den Kopf vor dem peitschenden Regen. Trotz des Wetters bietet sich hier oben aber ein imposantes Panorama. In der Ferne ist noch einmal die Augustusburg zu sehen. Auf dem Foto sieht das Wetter doch gar nicht so schlimm aus, oder? Dann geht es endlich wieder bergab auf ein Waldstück zu. Und wie bestellt steht da am Waldrand sogar eine Schutzhütte. Nichts wie rein! Der Wind nervt ganz schön. Und so ist es ganz angenehm, hier drinnen die Ruhe eine Weile zu genießen.

Panorama hinter Oederan

Panorama hinter Oederan

Doch auf besseres Wetter zu hoffen und abzuwarten bis es aufhört, bringt heute gar nichts. So viel verstehe ich vom Wetter. „Das hört heute nicht mehr auf! Komm wir gehen weiter.“ sage ich. Gustav schnappt sich seinen Karren und stapft vor mir her. Der Waldweg ist recht steinig und sein Wagen poltert hoch und runter, hin und her.
ach du Schreck!! Gustav hat ein Rad ab!

ach du Schreck!! Gustav hat ein Rad ab!

Da plötzlich kippt er zur Seite und das rechte Rad bleibt auf dem Weg liegen. Gustav schnallt seinen Wagen ab und dreht sich erschrocken um, da er ebenfalls gleich gemerkt hat, dass da ein Rad im Dreck schleift – äh liegt. Na so ein Mist. Völlig bedeppert stehen wir neben dem Korpus Delicti und können es nicht fassen. Die Achse ist direkt neben dem Holm glatt durch gebrochen. Schnell haben wir aber den Konstruktionsfehler entdeckt. Es ist so, dass die Achse gerade an der Stelle, an der sie am meisten belastet wird, ein Loch für eine Sicherungsschraube hat. Das wirkt bei der dauerhaften Belastung wie eine Sollbruchstelle. Die Achse ist aus einem leichten Aluminium – Rohr und Alu ist dafür bekannt, dass es dazu neigt, Risse zu bilden und zu brechen, wenn man es immer wieder an der gleichen Stelle verbiegt oder belastet. Aber Gustav kann der Situation auch was gutes abgewinnen. Denn diese 4 Tage sollten auch als Test für den Wagen dienen, dessen Erkenntnisse er nutzen will, wenn er von zu Hause aus auf den Jakobsweg will. Bis an die spanische Grenze will er nämlich durch Deutschland und Frankreich damit laufen. „Besser es passiert hier als dann weit von zu Hause weg.“ sagt er. Doch was nun? So können wir auf keinen Fall weiter. Ich schlage vor, den Wagen im Wald zu verstecken und ihn am Nachmittag mit dem Auto hier abzuholen. Gustav ist aber trotzdem der Meinung, dass er den Wagen mitnehmen kann. Also baut er seine Konstruktion auseinander, schnürt sie mit samt seinem Transportsack zusammen und nutzt einige Riemen, um das ganze Bündel auf den Rücken zu hieven. Ich sehe es ihm aber an, dass das so nicht lange gehen wird. Es ist nicht nur unbequem, es ist auch viel zu schwer. Bis Falkenau laufen wir dann noch durch den Wald, auf einem Weg, der wenigstens bergab führt. Unterwegs beschließen wir jedoch hier abzubrechen, uns entweder von Gustavs Frau abholen zu lassen oder mit dem Bus oder der Bahn nach Chemnitz zu fahren. Gustavs Frau scheidet schon mal aus, weil wir sie nicht ans Telefon bekommen. Also bleibt nur der ÖPNV. In Falkenau fragen wir eine Frau nach der Bushaltestelle. Sie bietet aber kurzentschlossen an, uns mit nach Flöha zu nehmen, denn dort gibt es einen Bahnhof. Und sie muss eh gerade dort hin zur Arbeit. Wir nehmen natürlich dankend an und sind erstaunt über so viel Glück im Unglück. Sie hat wohl etwas Mitleid mit uns wegen des Missgeschicks und vielleicht auch wegen des Wetters.

auf dem Weg zum Bahnhof in Flöha

auf dem Weg zum Bahnhof in Flöha

Vielleicht sehen wir auch sehr hilfsbedürftig aus zum Sonntag Morgen und sie will heute noch eine gute Tag vollbringen. Es braucht etwas Mühe, all unser Gepäck und uns selbst in den kleinen Renault zu zwängen. Doch es gelingt und wir werden wenig später in Flöha abgesetzt. Auf dem Weg zum Bahnhof reden wir uns die Situation dann schön. „Wer weiß, wozu es gut ist?“ „Wer weiß, was noch passiert wäre, wenn wir weiter gegangen wären?“ Na ja, man kennt das ja, wenn man sich so richtig ärgert, sucht man nach Trost. Es gibt zwar noch einige Probleme mit dem Fahrkartenautomaten aber wir erreichen noch rechtzeitig einen Zug nach Chemnitz. Es sind nur drei Stationen und wenig später holt uns Gustavs Frau, die wir nicht erreicht hatten, weil sie mit den Kindern in der Schwimmhalle war, vom Bahnhof ab. Ich nutze dann noch die Gastfreundschaft von Gustav und seiner Familie schamlos aus, wofür ich ihnen sehr dankbar bin und fahre am nächsten Morgen zurück nach Hause.

Blick nach Chemnitz

Blick nach Chemnitz

Ja und was bleibt? – die Erinnerung an einen sehr schönen Weg, an nette Menschen, viele Fotos, viele Minuten Video und der Gedanke, einmal den ganzen Weg zu gehen. Man muss nicht nach Spanien, um das ganze Flair eines Pilgerweges zu erfahren. Sowas gibt es auch vor der Haustür. Ich rate jedem, das mal auszuprobieren, wenn er sich für das Thema erwärmt. Glaubt mir, es lohnt sich. Ich für meinen Teil habe mir fest vorgenommen, im nächsten Jahr einen weiteren Teil des sächsischen Jakobsweges an der Frankenstraße zu laufen.
Vielleicht trifft man sich ja.
Ultreia und buen Camino, euer Gert.
der sächsische Jakobsweg an der Frankenstraße (Quelle: http://www.saechsischer-jakobsweg.de/)

der sächsische Jakobsweg an der Frankenstraße (Quelle: http://www.saechsischer-jakobsweg.de/)

 

 

 

 

 

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