Der Kerryway 8. Etappe Sneem – Kenmare

Blackwater Bridge

Als ich heute Morgen den Voucher beim Hausherren abgebe, ist dieser schon viel freundlicher als gestern Abend, etwas spröde aber durchaus zu Scherzen aufgelegt. Er scheint nur einen etwas schrägen Humor zu haben, den ich als Sprachunkundiger wahrscheinlich nicht so richtig verstehe. Er kommt jedenfalls seltsam rüber. Die Chefin, die ich nun zum ersten Mal sehe, umgibt dagegen diese Freundlichkeit, die wir hier bisher kennen lernen und genießen konnten. Alles gut also…. Die Schuhe sind auch noch da und wegen der Stöcke gab es kein weiteres Palaver. Nur eben die Zeit ist schon so weit fortgeschritten für einen langen 30 Kilometer Tag. Also haben wir kurzerhand beschlossen, bis zur Blackwater Bridge zu fahren. Der Transport ist bestellt und wir stehen vor dem Haus und warten.


Tschüß Sneem

Ein Kleinbus kommt auf den Hof gefahren. Und drinnen sitzen schon Christine und Arno. Sie hatten also die gleiche Idee. Der Bus ist gleichzeitig der Gepäcktransportdienst. Wir laden also neben uns auch noch das große Gepäck ein und ab geht die Post. Wir kürzen so etwa 14 Kilometer ab, haben also noch 20 heute vor uns. Nach dem, was ich auf der Karte sehe und entsprechend der bisher gemachten Erfahrungen aus der Wirklichkeit, wird der restliche Weg uns wieder vollkommen ausfüllen und fordern am heutigen Tag.

Vorsicht auf der Blackwater Bridge!

Sehr zügig prescht der kleine Bus über die kurvenreiche Strecke der N70. Der Fahrer erzählt unablässig irgendetwas da vorn. Ich gebe mir bald keine Mühe mehr, ihm zu folgen und schaue mir lieber die Gegend an. Er spricht ziemlich schnell und nuschelt wie fast alle Iren. Das strengt mich zu sehr an. 14 Kilometer in diesem grünen Tunnel fühlen sich ganz schön lang an. Und ich stelle mir gerade vor, dass heute auch noch laufen zu müssen.

der Weg zum Meer

Ich habe eigentlich immer ein ungutes Gefühl, wenn ich Strecken mit dem Auto verkürze, könnte man doch unterwegs etwas Wichtiges verpassen. Der Weg verläuft oberhalb der Straße und so sehe ich, dass wir kaum etwas verpassen. Es geht fast auf er ganzen Strecke in leichtem auf und ab ziemlich geradeaus. Erst nach der Blackwater Bridge gelangt man direkt ans Meer hinunter. Hier kreuzt an einer sehr schmalen Stelle der Kerryway in einer engen Kurve die viel befahrene N70. Und deshalb sollte man hier besonders aufpassen. Wir steigen direkt vor der Brücke aus, bedanken uns beim Fahrer und geben ihm jeder 10 Euro – ein Schnäppchen!

Lackeen Point

Christine und Arno ziehen schon mal los, während wir noch unsere sieben Sachen ordnen und einige Fotos machen. In Richtung Lackeen Point verlässt der Weg kurz nach der Brücke zum Glück die Straße wieder nach rechts unten, verläuft noch einige Meter parallel zu ihr, bevor er zum Meer hin abzweigt. Der Wald hier ist wieder sehr üppig und feucht. Rechts von uns schimmert bereits die glatte Wasseroberfläche einer kleinen Bucht durchs Geäst. Vorbei an umgestürzten Bäumen und einer großen gerodeten Fläche erreichen wir das Ufer des Kenmare River. So wird diese tiefe, fjordartige Bucht zwischen Beara- und Iveragh Halbinsel auch genannt. Das Ufer ist felsig und  die Bäume ragen teilweise sogar bis über das Wasser.

der Küstenweg

Dieser Weg hier erinnert mich sehr stark an den West Highland Way am Loch Lomond entlang, jedenfalls an die erste Hälfte. Die zweite war dann (na sagen wir mal) etwas alpiner. Hier befindet sich das Wasser allerdings auf der anderen Seite ist. Wie zwischen Slalomstangen windet sich der Weg um die dicken von Efeu umrankten Baumstämme. Hier und da ergeben sich Lücken im Wald, die grandiose Ausblicke auf das Meer zulassen. Auch Bänke entdecken ich hier, die eigentlich dazu einladen würden zu verweilen. Doch ich hänge schon wieder hinterher.

Gute Fotos brauchen Zeit und filmen muss ich ja auch ab und zu. Marion und Andrea hole ich nur ein, weil sie eine ganze Weile mit einem Spaziergänger mit Hund gequatscht haben. Nach etwa anderthalb Kilometern entfernen wir uns leider wieder von der Küste und gehen in einem etwas verworrenen hin und her auf Schotterwegen bis zur N70 hinauf. Das ist jetzt der wenig schöne Teil der heutigen Strecke. Bis Templenoe geht es ohne Randstreifen an der Straße entlang. Stellenweise gibt es sogar Mauern, so dass man nicht mal nach rechts ausweichen kann bei Gegenverkehr. Ich gehe so schnell ich kann. Zum Glück ist die Strecke nicht lang und man kann das Ende bereits sehen.

An der Kirche von Templenoe, die übrigens zum Verkauf steht, finde ich auf der anderen Straßenseite einen Wegweiser zu einer Nebenstraße, die nach Norden von der Küsten weg führt. Die Stelle ist etwas schwer zu finden gewesen. Die Alternative wäre, hier an der Haupstraße geradeaus weiter zu gehen bis nach Kenmare und so einige Kilometer und Höhenmeter sich zu ersparen. Aber wer will das schon, wenn man dagegen durch die Natur wandern kann? Na gut, dieser Abstecher hier geht ausschließlich auf einer kleinen Asphaltstraße moderat bergauf zwischen sehr schönen Grundstücken entlang.

Aussicht mit Kuh

Mir gefällt der Baustil hier in Irland. Und die Grundstücke wirken mit ihrer geschmackvollen Gestaltung durch die Klimaverhältnisse hier fast mediterran. Hier scheinen sich aber auch Leute angesiedelt zu haben, die das entsprechende Vermögen mitbringen. Denn die riesigen Grundstücke hier werden wohl einiges kosten – kein Wunder bei dieser Aussicht, für die man eigentlich Eintritt verlangen könnte.

Wegen der Golfplätze müssen wir einen großen Bogen um die Siedlung machen. Nach dem höchsten Punkt ist lange kein Wegweiser mehr zu sehen gewesen. Andrea steht plötzlich etwas unschlüssig am Straßenrand, weil sie sich nicht mehr sicher war, richtig zu sein. Wir hatten und wegen der vielen Kurven etwas aus den Augen verloren. Nee, wir sind richtig, was ich ihr auf dem Handy beweise. Ich stehe einmal – ein guter Zeitpunkt, um sich mal die Regenjacke über zu steifen. Ja, es hat begonnen, etwas zu regnen, nicht stark, so eher sehr feiner Sprühregen.

Midges!!

Als der Regen wieder nachlässt, finden wir ein trockenes Plätzchen am Waldrand, um eine kurze Pause einzulegen. Es geht schon geraume Zeit bergab. Dieser harte Asphalt lässt den Stoß jeden Schrittes bis zur Schädeldecke vordringen. Das verlangt nach Pausen. Doch lange halten wir es hier nicht aus. Andrea fängt an, wild mit den Händen zu fuchteln. Midges!! Diese kleinen Biester haben uns bisher verschont. Nun sind sie sofort da, wenn man sich längere Zeit an einem Ort aufhält. Alles Schlagen hilft nicht. Wir kapitulieren vor ihrer zahlenmäßigen Übermacht. Also alles wieder auf und weiter. Wir müssen wirklich wieder fast ganz hinunter bis zur N70. Erst kurz vorher zweigt der Weg nach links auf einen Waldweg ab.

Bergauf zuerst an einem Fluss entlang lichtet sich das Gelände bald wieder. Zusammen mit Christine und Arno, die wir hier eingeholt haben, steigen wir in einigen Serpentinen hinauf und die Aussicht auf den Kenmare River ist wieder großartig. Inzwischen ist auch wieder mal die Sonne raus gekommen und treibt einem die Schweißperlen auf die Stirn. Doch bald ist wieder etwas Schatten – von Wald und Wolken. Der sehr steinige Weg durch den Wald ist recht anstrengend, obwohl er ziemlich eben ist.

Glitschige Felsbuckel schauen durch den Boden, auf denen man entlang balancieren muss, da sich dazwischen Wasserlachen befinden. Nach dem Wald folgt eine kleine Straße, auf der die Schlammbrocken wieder aus dem Profil der Wanderschuhe fliegen. Doch vergebens, der Belag unter uns wechselt heute regelmäßig. Nach der kleinen Brücke über den Reen River folgt die nächste Viehweide bergauf, natürlich wieder mit viel Morast und den obligatorischen Überstiegen. Mitten auf der Wiese steht eine Bank, auf der wir eine kurze Pause machen.

Das dramatische Wolkenspiel über den Bergketten der Beara Halbinsel und dem Kenmare River bringt mich auf die Idee, hier ein paar Zeitraffer Aufnahmen zu machen. Und da das etwas Zeit in Anspruch nimmt, wird die Pause etwas ausgedehnt. Christine und Arno sind längst wieder enteilt. Die sehen wir aber sicher in Kenmare in irgendeinem Pup wieder.  

Es ist sehr wechselhaft heute. Und vor dem letzten Anstieg für heute, beginnt es schon wieder zu regnen. Also wieder drüber mit der Kapuze. Zum Glück hat meine neue Regenjacke große Reißverschlüsse unter den Armen, die für ausreichend Belüftung sorgen.

dramatische Wolkenstimmung

Den Weg über die Viehweiden müssen wir uns heute wieder suchen. Auf dem Pfad, der zum Gipfel des Gortamullin (205 m) hinaufführt, ist es nicht besser. Man bin ich fertig heute. Die Abkürzung mit dem Bus heute Morgen war eine sehr gute Entscheidung. Es ist nicht sonderlich steil und auch nicht sehr hoch. Aber wenn man glaubt endlich oben zu sein, folgt immer wieder noch eine Kuppe, auf die man hoch muss. Das ist nicht gerade motivierend. Da endlich freie Sicht! Es geht nur noch bergab bis zum Stadtrand. Andrea und Marion verschwinden langsam aus meinem Blickfeld. Bald sehe ich nur noch schwarze Punkte und einen leuchtend gelben von Andrea´s Regenüberzug.

der Abstieg

Ich muss auf dem steilen Weg wieder sehr vorsichtig mit meinem linken Knie umgehen. Unten angekommen warten dann noch zwei schöne hohe Überstiege, als Abschluss heute sozusagen. Es werden jedoch die letzten auf dem Kerryway bis Killarney sein. Die keine Asphaltstraße bis zur N70 zieht sich noch ganz schön und nun setzt auch heftigerer Regen ein. An der Einmündung der N70 nur noch einmal links herum und nach einigen Metern stehen wir vor unserem B&B. Kenmare Rose Garden heißt es.

Und in der Tat umgibt den Flachbau ein schöner Garten. Wir flüchten vor dem immer stärker werdenden Regen erst mal unter einen Baldachin, unter dem eine Sitzgruppe steht. Einige Biker sitzen schon hier, während ihre Harleys auf dem Parkplatz nass werden. Arno winkt bereits hinter dem großen Fenster seines Zimmers. Sie sind also auch hier und haben die Suite abgefasst. Mit einem kleinen Sprint erreiche ich den Eingang, wo uns eine junge Frau an der Rezeption empfängt. Die Zimmer sind schnell bezogen, die Dusche hat mir wieder Entspannung gegeben und nun habe ich aber erst mal Durst. Leider gibt es hier das Guinness nur aus der Flasche – geht aber…. Wir sitzen in der Veranda und schmieden den Schlachtplan für heute Abend. Das B&B liegt nur etwa einen Kilometer vom Zentrum entfernt. Kein Problem, wenn man Hunger hat.

Kenmare (irisch An Neidín, „das Nestchen“) hat nur etwa 2500 Einwohner, wirkt aber bedeutend größer. Das mag am Tourismus liegen. Es gibt wahrscheinlich mehr Gästebetten als Einwohner hier. Die Lage am Ring of Kerry und die Nähe zur benachbarten Beara Halbinsel machen es möglich. Es gibt massenweise Geschäfte und Pups an den drei im Zentrum aufeinander treffenden großen Straßen. Wir suchen nicht lange und finden einen freien Tisch für uns sechs im P.F. Mc Carthy´s, ohne zu ahnen, dass dies der älteste Pup hier in Kenmare ist. Es ist Rappel voll und ein Stimmengewirr schlägt uns entgegen. Junge Leute in Kellner – Kluft schwirren durch den Raum und bemühen sich um ihre Gäste. Alles geht zack – zack. Laut geben sie ihre Bestellungen am Küchenfenster auf und ebenso wird von dort verkündet, wenn eine Speise zur Abholung bereit steht. Gemütlich ist irgendwie anders und ich habe zunächst den Eindruck, man will hier in kurzer Zeit möglichst viele „abfüttern“. Erst als ganz weit vorn am Fenster die Lifemusik einsetzt, verebbt das Stimmengewirr etwas, da wohl doch einige zuhören wollen. Unweigerlich wippt das Knie mit im Takt. Vielleicht ist es auch die Wirkung des rabenschwarzen Getränks hier vor mir, das es mir möglich macht, mich an dieses Gewirr hier irgendwie zu gewöhnen. Das Essen ist wieder ausgezeichnet, die Stimmung ausgelassen und dieser irische Folk, dessen Flöten- und Geigenklänge den ganzen Raum durchschneiden bringt mich dazu, mich zurück zu lehnen um die Situation und die Stimmung endlich zu genießen.

Morgen ist der letzte Tag auf dem Kerryway. Endlich Schluss mit dem Gelaufe – endlich Schluss mit der morgendlichen Hektik nach dem Aufstehen – endlich Schluss mit den Schmerzen, die sich im Laufe der Tage immer wieder in Erinnerung gebracht haben – endlich Schluss mit den unzähligen Überstiegen, die die schlammigen Schafweiden voneinander trennen.

Wirklich ENDLICH???

Nee, schade eigentlich!!

Denn wie immer auf solchen langen Fußwegen, überwiegt ganz deutlich die Freude am Laufen, am Entdecken neuer Gegenden, am Bewältigen mancher Auf- und Abstiege, am Kennenlernen neuer Freunde, am Genuss der Gastfreundlichkeit der Einheimischen und vor allem an der Überwindung des inneren Schweinehundes. Und so kommt auch immer etwas Wehmut auf, wenn das Ende eines Weges naht. Man war noch vor wenigen Tagen sehr gespannt auf diesen Weg, hatte Bilder im Kopf, die in Wirklichkeit bestätigt, übertroffen oder völlig anders waren, jedoch nur selten enttäuschten. Auf alle Fälle Bilder, die wieder sehr lange nach wirken werden, den Horizont erweitern und das Leben bereichern.

 

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