West Highland Way 2015 Tyndrum – Inverornan

Wegweiser in Tyndrum

Wegweiser in Tyndrum

Ja, ihr habt richtig gelesen. Heute gehen wir nach Inverornan. Vorgestern waren wir in Inverarnan. Es fiel mir bei der Vorbereitung auch recht schwer, diese vielen Inver´s auseinander zu halten. Nun klappt das aber ganz gut.

Für 8 Uhr haben wir Frühstück angemeldet. Heather werkelt schon wieder singend in ihrer Küche. Sie strahlt eine solche Energie aus, dass man unweigerlich auch gute Laune bekommt – soo früh am Morgen! Natürlich fragt auch sie nach Porridge. Ich lehne dankend ab und sage, dass mir Schinken mit Ei genügt. Auch die kleinen Würstchen, die immer mit zum schottischen Frühstück angeboten werden, sind nicht mein Ding. Die sind mir zu fettig und schmecken recht fade. Hier auf diesem Weg ne Bude aufmachen mit Thüringer Rostbratwürsten, so in der Mitte der Etappen – dass da noch keiner drauf gekommen ist? Ne Rosterbude in den Highlands mit Radeberger Pils – das wäre ne Goldgrube.

Hier der Link zum GPS Track dieser Etappe auf GPSies: Klick

 

Wenn nur der Transportweg nicht so lang wäre! Na und bei Regen und Sturm oder im Winter macht das sicher auch keine richtige Freude. Wir verwerfen die Idee mal lieber wieder.

Ortsausgang von Tyndrum

Ortsausgang von Tyndrum

Heather gibt sich alle Mühe, dass wir zügig unser Essen bekommen. Sie kennt das sicher aus Erfahrung mit den vielen Wanderern, die sie schon beherbergt hat. Die wollen am Morgen nicht lange rum sitzen, die wollen los. Wir bedanken uns herzlich für diese tolle Unterkunft. Wenn ihr mal dort sein solltet – ich kann Tigh na Fraoch nur empfehlen, auch wenn ich mir den Namen überhaupt nicht merken kann – ist sicher Gälisch.

der Weg hinunter zum Eisenbahntunnel

der Weg hinunter zum Eisenbahntunnel

Aus Tyndrum heraus geht man lange parallel zur A 82 und der Eisenbahnlinie (ich nehme an die nach Fort William). Der Weg, den wir benutzen, ist wiederum eine alte Militärstraße, die Mitte des 18. Jahrhunderts bereits angelegt und bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts auch als Fahrstraße genutzt wurde. Danach entstand dann die neue  A 82, die wir zu unserer Linken haben, und deren Verkehrslärm doch etwas störend ist.

alte Militärstraße nach Bridge of Orchy

alte Militärstraße nach Bridge of Orchy

Unser Weg führt an der Westflanke des Bein Odhar entlang. Wir teilen ihn uns mit der eingleisigen Eisenbahnlinie, die wir nach einem steilen Abstieg durch einen schmalen niedrigen Tunnel unterqueren müssen. Die Eisenbahnlinie klettert dann rechts von uns am Hang des Bein Odhar weiter in die Höhe und macht einen weiten hufeisenförmigen Bogen über mehrere Viadukte durch das Seitental „Auch Gleann“. Wir laufen durch üppig gelb blühenden Ginster. Von rechts stürzen mehrere Wasserfälle in die Tiefe und links unter uns windet sich in vielen Mäandern der Fluss Allt Coire Chailein durch das satt grüne Tal. Ich kann die Finger nicht von der Kamera lassen. Leider passen die Fotos hier nicht alle rein. Ich werde am Ende aber noch einen Link zu den restlichen Fotos veröffentlichen.

Der Weg steigt nun stetig weiter an und wir erreichen bald die Auch Farm. Vorher jedoch überschreiten wir eine schöne alte Steinbrücke über den Fluss Allt Kinglass.
ein Austerntaucher

ein Austerntaucher

An den Ufern des Flusses machen merkwürdige Vögel viel Lärm als wir uns nähern. Sie sind schwarz – weiß, ähnlich einer Elster und auch etwa so groß, haben jedoch lange leuchtend orangefarbene Beine und einen ebenso Orange leuchtenden spitzen Schnabel. Später erfahre ich, dass es Austerntaucher sind, die da Rabatz machen.

Brücke über den Allt Kinglass

Brücke über den Allt Kinglass

Die Auch Farm besteht wiederum nur aus einem kleinen Wohnhaus und ein paar Schafställen. Blickt man zurück, sieht man die Bahnlinie, wie sie sich um den pyramidenförmigen Bein Odhar windet. Ach die zwei Viadukte sieht man von hier viel besser. Zu meinem großen Vergnügen kommt dann auch noch ein Zug gefahren. Laut sind die Schienenstöße durch das Tal zu hören. Wie auf einer Spielzeugeisenbahn mit vortrefflicher Kulisse kommt der Zug näher, während ich ihn im Visier meiner Kamera verfolge. Was für Aufnahmen! Ich freue mich schon auf zu Hause, wenn ich mir das in Groß ansehen kann.

der höchste Punkt des Weges nach Bridge of Orchy

der höchste Punkt des Weges nach Bridge of Orchy

Am höchsten Punkt des Weges überschreiten wir die Grenze der Regionen Strathclyde und Central. Nun geht es bis nach Bridge of Orchy leicht bergab. Wir kreuzen diesmal über eine Brücke die Eisenbahnstrecke. Kurz vor Bridge of Orchy entdecken wir einen alten Wohnwagen und das Stahlgerippe eines alten Autos. Das hat wohl diesen Weg nicht ganz heil überstanden. Steffen schnappt sich einen alten Plastikstuhl, der daneben liegt und setzt sich hinter´s Lenkrad. Die Geräusche, die er dabei macht, kann ich leider nur auf dem Video wieder geben.

Da kommt´s wieder zum Vorschein – das Kind im Manne….
das Kind im Manne...

das Kind im Manne…

Am Ortseingang von Bridge of Orchy sehen wir linkerhand den Bahnhof und sind erstaunt über die sauberen Bahnhofsanlagen. Zwei Bahner putzen eifrig die Ortsschilder mit Wasser, Eimer und Schrubber. Das muss auf´s Video! Im Ort treffen wir dann noch auf die Premier High School, eine winzige Baracke und die ortsansässige Feuerwehr, vor der ein kleines rotes Auto steht. Alles ist hier irgendwie idyllisch ländlich. Der winzige Ort wird beherrscht von einem strahlend weißen Hotelgebäude an der A 82, das für diesen Ort, so scheint mir, etwas überdimensioniert ist. Sie haben vor dem Haus Bänke und Schirme aufgestellt – nichts wie hin.

ja, im Flachmann ist noch ein Tröpfchen Whisky

ja, im Flachmann ist noch ein Tröpfchen Whisky

Noch ehe der Kellner kommt, holen wir den Kaffee und das Guinnes selbst nach draußen. Am Nachbartisch gesellt sich noch das junge Pärchen zu uns, das wir auch schon auf der Auchtertyre und der Beinglass Farm getroffen haben. Wir grüßen wieder mit englischem Akzent: „Hellow“. Da höre ich, wie sich die beiden in tiefstem Bayrisch unterhalten. Ja so ist das. Man bricht sich einen ab und in Wirklichkeit ist es manchmal so einfach, mit netten Menschen in Kontakt zu kommen.

Bridge of Orchy Hotel

Bridge of Orchy Hotel

Auf solchen Wegen ist das sowieso viel leichter als sonst. Man hat den gleichen Weg, das gleiche Ziel, das gleiche erlebt, die gleichen Erwartungen und die gleichen Schmerzen. Wir kommen etwas ins Gespräch und ich staune, welche Lasten die beiden Bewältigen müssen. Sie haben eine vollständige Camping – Ausrüstung auf dem Rücken.

Wegweiser nach der Brücke

Wegweiser nach der Brücke

Na ja, sind ja auch nur halb so alt, entschuldige ich mich innerlich. Irgendwie habe ich immer noch das schlechtes Gewissen wegen der Rucksacktransporte nicht abschütteln können, komme mir wie ein Weichei vor. Dabei habe ich, wenn er auch nur halb voll ist, wenigstens einen 35 Liter Rucksack auf dem Kreuz. Der passt mir eben besser als der 20 Liter Tagesrucksack, habe ich zu Andrea gesagt, damit ich ihn mitnehmen darf. Stimmt ja auch!

Auf dem Jakobsweg waren mir diese laut schwatzenden Tagestouristen mit ihren winzigen Rucksäcken ein Graus, wenn sie an uns schwer schleppenden vorüber rannten. Toleranz musste ich zu diesem Zeitpunkt auf dem Jakobsweg noch lernen. Heute ist es mir eigentlich Wurst, wie jemand diesen Weg geht. Muss jeder selbst wissen.
Wir wissen, dass wir nun weiter müssen. Die zwei wollen heute noch bis zum Kingshouse Hotel. Das ist noch ne ganze Ecke und erst morgen unser Ziel.
Orchy River

Orchy River

Gleich nach dem Hotel in Bridge of Orchy überqueren wir die Namensgeberin, ebenfalls eine schöne alte steinerne Bogenbrücke. Der Orchy unter uns gilt als einer der spektakulärsten Flüsse der Highlands und ist berühmt für seine Stromschnellen und sein Wildwasser. Hier plätschert er nur träge vor sich hin. Das Panorama von der Brücke aber ist sensationell. Gleich danach verschwindet der Weg halb rechts im Wald. Das heißt, was davon noch übrig ist. Denn auch hier hat man großzügig abgeholzt und die Baumstämme liegen lassen – eine unerschöpfliche Quelle an Stämmen zum werfen für jeden Highland – Gamer!

der Weg auf den Mam Carraigh

der Weg auf den Mam Carraigh

Der Weg steigt nun unaufhörlich immer weiter an. Oberhalb des Waldes geht er in Serpentinen über. Wir besteigen gerade den Mam Carraigh. Der ist zwar nur 325 Meter hoch, aber derart ausgesetzt, dass er zu den schönsten Aussichtsgipfeln direkt auf dem WHW gehört (falls die Sicht gut ist!!). Na wir sind gespannt. Denn um die Sicht müssen wir uns auch heute wieder keine Sorgen machen. Das Wetter ist wie gestern – hervorragend. Hervorragend ist auch der Ausblick, als wir endlich neben dem kleinen Steinhaufen, der den Gipfel krönt stehen. Im Süden können wir fast bis Tyndrum sehen. Nur der riesige Bein Dorian steht da etwas im Weg. Den Westen und Norden beherrschen die steilen Zacken der Black Mounts und davor erstreckt sich im Tal der Loch Tulla – ein tolles Panorama.

Panorama vom Mam Carraugh

Panorama vom Mam Carraugh

Und wieder sind wir dem Wetter dankbar. Denn eigentlich befinden wir uns hier in einem der regenreichsten Gebiete der britischen Insel. Hier kommen jährlich bis zu 4000 mm Regen runter und die Berge hüllen sich an 300 Tagen des Jahres in Wolken. Zum Vergleich: Im als Regenhauptstadt Deutschlands bekannten Hamburg kommen jährlich gerade mal 750 mm runter. Das verdeutlicht, welches Glück wir hier gerade haben.
Cottage von Ian Flemming

Cottage von Ian Flemming

Und nicht nur wir, bald hecheln auch andere Wanderer den steilen Weg hier hinauf, darunter 4 Jungs aus der Steiermark, die sich hinter ihrer Landesfahne vor dem Panorama von mir fotografieren lassen und die zwei Bayern aus Rosenheim (Ich dachte, die wären schon längst über alle Berge.). Von hier ist unser heutiges Ziel, das Inverornan Hotel bereits sichtbar. Weiter rechts, direkt am Loch Tulla, sehen wir ein nettes Cottage, welches nach Auskunft der Rosenheimer dem Erfinder von James Bond, Ian Flemming gehören soll. Mit dem entsprechenden Vermögen, hätte ich mir sowas hier auch gebaut. Am Seeufer erkenne ich Pinienwälder. Ich wusste gar nicht, dass es Pinien so weit nördlich noch gibt. Muss wohl eine spezielle Art sein.

Quellgebiet des Allt Tolaghan

Quellgebiet des Allt Tolaghan

Doch es „nützt nüscht“ wie wir Sachsen sagen, wir müssen weiter. Also reißen wir uns los von diesem Ausblick, raffen uns auf und beginnen den langen Abstieg, der ohne Trekkingstöcke sicher noch viel länger wäre. Nach etwa 45 Minuten sind wir unten und stehen vor dem Hotel. Dieses ist eines der ältesten, wenn nicht sogar das älteste Hotel am West Highland Way und hat seinen Ursprung in einer Viehtreiber – Unterkunft. Neben dem Tresen in der winzigen Rezeption liegt ein großer Haufen Rucksäcke, unter dem ich auch unsere erkenne.

Inverornan Hotel

Inverornan Hotel

Daneben steht ein Schuhregal für die Wanderschuhe. Ich bedaure den, der hier an der Rezeption Dienst tun und den Geruch ertragen muss. Deshalb ist sie vielleicht auch gerade nicht besetzt. Ich haue auf die Klingel und schon findet sich eine junge Frau ein, die unsere Namen auf der Liste sucht, was immer gar nicht so einfach ist. Kleinsteuber ist hier sicher ein Zungenbrecher (grins). Schnell halten wir unseren Zimmerschlüssel in der Hand. Die Formalitäten hier in Schottland werden auf ein Mindestmaß beschränkt. In keiner Unterkunft außer der ersten in Milngavie musste ich irgend etwas unterschreiben oder gar den Ausweis zeigen oder hinterlegen, wie das oft in Hotels üblich ist. Die Gänge und Treppen sind mit dicken Teppichen belegt. Aha, deshalb das Schuhregal! Die Zimmer sind winzig aber sehr gemütlich. Es ist halt ein altes Haus. Es stammt aus dem Jahre 1708, ist also über 300 Jahe alt.

der Salon

der Salon

Ich blicke aus dem Fenster und sehe zu meiner Überraschung ganz in der Nähe einige Hirsche im Wald. Wie stand im Reiseführer?: Sie benötigen nicht viel Glück, um hier in der Gegend Hirsche zu beobachten. Wie recht dieser Reiseführer hat. Ich nahm jedoch an, dass man sich entsprechend ruhig verhalten und ran pirschen muss an die eigentlich scheuen Tiere. Hier kommen sie von selbst. Sie haben wohl bisher keine schlechten Erfahrungen gemacht mit dem Menschen oder sind einfach nur verfressen. Das Hotel verfügt über einen Salon. Ich bin immer sehr angetan von dieser „very britisch“ Atmosphäre und habe die britische Tea-Time Kultur vor Augen – alles mit viel Plüsch und Holz – gediegen eben. Ach ja, einen Pub haben die hier auch. Der ist zwar winzig aber sehr gemütlich. Wo die Einheimischen her kommen, die hier zahlreich sitzen, ist mir ein Rätsel. Denn außer dem Hotel, habe ich hier nur noch zwei Häuser gesehen. Wir nehmen unser Bier mit raus (hier wird doch kein Bobby kommen und uns bestrafen?) und setzen uns in die Sonne.

die verfressenen Hirsche

die verfressenen Hirsche

Die Hirsche, die ich eben von oben noch im Wald gesehen habe, stehen nun am Haus, von uns höchstens 20 Meter entfernt. Ein Lieferwagen kommt. Und als das Gattertor zum Hof geöffnet wird, wagt sich das Rudel sogar noch weiter vor. Und dann taucht des Rätsels Lösung auf. Ein junger Mann kommt mit einer Schüssel voller Gemüseabfälle. Da gibt es kein Halten mehr. Er verrät uns dann auch noch den Namen der Hirschkühe. Die sind nicht zahm, die sind einfach nur verfressen. Nach der Fütterung verschwinden sie einfach wieder im Wald.

abgestorbene Pinie

abgestorbene Pinie

Wir verschwinden noch mal auf die Straße und gehen noch ein Stück am Ufer des Loch Tulla entlang. Auch hier sehen wir Hirsche zwischen den imposanten Pinien. Einige der Pinien haben das raue Klima hier offensichtlich dann doch nicht überlebt. Sie stehen als gespenstische grauweiße Gerippe am Straßenrand. Nach etwa 2 Kilometern drehen wir rum und gehen zurück zum Hotel. So langsam bekommen wir Hunger. Man bietet hier auch Abendessen an, was wir gern nutzen möchten. Wir suchen also den Tisch im netten keinen Speiseraum, auf dem unsere Zimmernummer steht und werden schnell fündig. Länger dauert es, wieder das passende in der Speisekarte zu finden, oder besser das, was wir dafür halten. „Das klingt gut!“ Oder besser das?“ „Das klingt wie…“ Zum Schluss liegt wieder was ganz anderes auf dem Teller als das, was wir erwartet haben. Wir finden es trotzdem lustig. So lustig, dass die beiden Frauen einen Lachanfall bekommen.

„Ach komm, hau mor das Zeuch nei!“

Später im Pub wissen wir dagegen genau, was wir wollen: Guinnes und einen 12 jährigen Bowmore. Andrea nimmt den 12 jährigen Glengoyne, währen Ines Capain Morgen bevorzugt. Es wird ein schöner Abend.

 

Bowmore 12 Jahre

Bowmore 12 Jahre

 

Bis Morgen!


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