von Porto nach Muxia – 14. Etappe – von Olveiroa nach Muxia

Das Beste kommt immer zum Schluss, sagt ein Sprichwort. Und wir sind nun gespannt ob das stimmt, als wir uns in stockdunkler Nacht auf den Weg machen zu unserer letzten Etappe auf dem Weg von Porto nach Muxia.
die neue Bar in der Herberge Horreo in Olveiroa

die neue Bar in der Herberge Horreo in Olveiroa

Zuvor jedoch frühstücken wir in der neuen Bar der Herberge. 2012 haben wir uns dazu noch in dem kleinen Raum gedrängt, in dem wir in diesem Jahr die Nacht verbracht haben. Die Blicke der drei Spanier verraten mir, dass ich in der Nacht geschnarcht haben muss. Nun ja, ich meine, sie sind die Letzten, die sich darüber aufregen sollten. Zum Glück hatte ich meine Ohrenstöpsel. Heute geht beim Frühstück alles etwas ruhiger und lässiger zu. Die meisten, die hier mit uns in dem großen hellen Raum frühstücken werden wir wohl nicht wieder sehen. Denn der überwiegende Teil geht von hier erfahrungsgemäß in Richtung Finisterre weiter. Da wir dort bereits 2012 waren, haben wir vor, diesmal nach Muxia zu laufen. Die Streckenführungen, die ich im Internet gefunden habe widersprechen sich etwas. Vor allem im dritten Drittel, also etwa 10 Kilometer vor Muxia weichen einige Beschreibungen erheblich voneinander ab. Ich hoffe also, dass auch dieser Weg gut gekennzeichnet ist. (im Nachhinein kann ich Entwarnung geben: Der Weg ist ausreichend gekennzeichnet.) Auch heute werden es wieder weit über 30 Kilometer werden, wenn alles gut geht. In Muxia wird Jörg auf uns warten, der heute mit dem Bus von Santiago dorthin fährt.
Hier die Strecke, wie wir sie gegangen sind: Klick
QR Code für diese Strecke bei GPSies

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Als kleinen Service gibt es hier einen Link zu einem Informationsblatt über die Wege nach Finisterre und Muxia.

am Morgen in Olveiroa

am Morgen in Olveiroa

Auch an diesem Morgen ist es wieder nebelig, als wir den Ort verlassen. Die neue, etwas futuristisch anmutende Wegbeleuchtung wirkt auf mich wie die Startbahn eines Flughafens. Dagegen ist es gleich nach dem Ortsausgang Zappen duster und die Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Meine Kopflampe hat wieder viel zu tun, um wenigstens ein wenig Licht vor meine Füße zu befördern. Ganz gelingt ihr das nicht mehr. Die Batterien gehen zur Neige. Und so stolpern wir mehr oder weniger durch eine schmale Schlippe, die links und rechts von hohen Büschen gesäumt ist. Das weiß ich aber nur, weil ich die Strecke noch in Erinnerung habe. Auch den langen Aufstieg nach Logoso bewältigen wir noch im Dunkeln. Von links unten hören wir einen Fluss rauschen. Hier hat man eigentlich eine prima Aussicht auf das tiefe Tal des Rio Xallas, der hier zwischen seinen Staustufen zum reißenden Gebirgsbach wird und sich in wilden Kurven durch das Tal schlängelt. Wer das sehen will, muss sich meine Fotos vom Camino Primitivo von 2012 ansehen. Heute gibt es hier nichts zu fotografieren. Eigentlich ist es viel zu schade, hier im Dunklen entlang zu laufen. Wer also noch nicht dort war, sollte die Dämmerung abwarten, bevor er in Olveiroa aufbricht. Wir wollten wegen der langen Etappe natürlich nicht so spät starten. Es wird hier Ende September sehr spät hell.
langsam wird es hell

langsam wird es hell

Erst in Logoso, vor dessen Albergue wir eine kurze Rast machen, damit ich meine Stirnlampe einpacken kann, beginnt sich die Umgebung aus dem Dunkel zu schälen. Die anschließende Strecke bis nach Hospital habe ich als viel länger in Erinnerung. Ziemlich schnell sind wir die Steigung hinauf gekommen. Schon von weitem ist die hässliche schwarze Asphaltfabrik zu erkennen, die heute wenigstens keinen pechschwarzen Rauch ausstößt. Das mag daran liegen, dass Sonntag ist und hier nicht gearbeitet wird. Diese Anlage kam mir 2012 wie eine Warze in Mitten einer bezaubernden Gegend vor. Völlig unpassend verdarb der Anblick jedes Panorama. Man wollte gar nicht hin schauen.

weiter auf unbekannten Wegen in Richtung Muxia

weiter auf unbekannten Wegen in Richtung Muxia

 

Ganz in der Nähe der Fabrik trinken wir in der Bar O Castelino noch einen Kaffee, bevor wir weiter zum Abzweig gehen. Nach links geht es nach Finisterre und geradeaus auf die uns noch unbekannte Strecke nach Muxia. Auf der Bergkette rechts neben uns beginnen gemächlich die Windräder ihren Dienst. Sie drehen sich nur langsam. Doch die aufkommende Brise vertreibt die letzten Nebelschwaden aus dem Val do Fragoso welches sich links unter uns in üppigem Grün ausbreitet. Wir laufen etwa 2 Kilometer auf der linken Straßenseite weiter, biegen dann aber von gelben Pfeilen geleitet nach links unten in einen Waldweg ein.
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Weg nach Dumbria

 

Überall blüht Heidekraut und Ginster. Die Sonne, die gerade über dem Bergkamm aufgegangen ist, zaubert ein interessantes Schattenspiel der Bäume im Gegenlicht. Überall hängen noch Wassertropfen in den Spinnennetzen und an den Nadeln der Kiefern. Der Weg verläuft unablässig bergab und bis zum Ortseingang von Dumbria kreuzen wir noch mehrmals die Serpentinenstraße. Gleich am Ortseingang passieren wir ein großes modernes Schulgelände. Hier befindet sich auch die einzige Pilgerherberge auf dem Weg nach Muxia hinter dem Abzweig Hospital. Den Ort hätte ich mir ehrlich gesagt größer vorgestellt. Er hat zwar fast 5000 Einwohner, wirkt jedoch eher wie ein großes Straßendorf.
Horreos in Dumbria

Horreos in Dumbria

 

Es gibt Einkaufsmöglichkeiten und auch mehrere Bars an der Hauptstraße. Die sind heute am Sonntag jedoch alle geschlossen oder öffnen erst später. Die wenigen Pilger, die hier unterwegs sind, lohnen es anscheinend nicht, so zeitig zu öffnen. Bisher sind wir keinem anderen Pilger auf dieser Strecke begegnet. Die sind wohl doch alle nach links in Richtung Finisterre abgebogen. 10 Uhr, es ist Zeit unseren Sohn anzurufen. Der wird heute 30 Jahre alt. Also machen wir gleich neben der sehr modernen Herberge eine kleine Rast. Es tut auch dem schmerzenden Rücken gut, wenn man immer mal den Rucksack abnimmt. Hinter dem Ort überqueren wir die AC-552, die nach Cee führt. Auf der anderen Straßenseite geht es sofort recht steil bergauf durch einen Eukalyptuswald. Der Weg ist mit Trockensteinmauern eingefasst. Dieser Wald ist alles andere als eines natürlichen Ursprungs. Er gleicht eher einer Plantage und wirkt deshalb sehr langweilig. Der Weg hindurch könnte auch durch die Straßen einer Großstadt führen. Es gibt fast nur rechtwinklige Kurven, Kreuzungen und Abzweige.
Horreos in Trasufe

Horreos in Trasufe

 

Der nächste Ort heißt Trasufe. Der liegt umringt von den Eukalyptuswäldern auf einer weiten Lichtung. Am Ortseingang stehen viele große Horreos und es scheint fast so, als seien sie im Vergleich zu den Wohnhäusern in der Überzahl. Am Wegesrand entdecke ich einen Wasserhahn, der an einem schwarzen Plastikrohr aus der Erde ragt. Ich probiere das Wasser – hm – schmeckt. Später stellen wir fest, dass es eine gute Idee war, hier die Wasservorräte noch mal aufzufüllen. Bisher hat der Liter Wasser, den wir dabei haben eigentlich immer gereicht. Auf der gesamten heutigen Etappe leiden wir jedoch etwas unter Wassermangel.
Rast am Fuße de Pilgerkreuzes

Rast am Fuße de Pilgerkreuzes

 

Entlang des Ortsrandes gehen wir auf einen großen Platz zu, auf dessen Mitte sich ein Pilgerkreuz befindet. Auf der Treppe am Fuß des Kreuzes lassen wir uns nieder, um was zu essen. Am Rand des Platzes duckt sich weiter unten eine kleine Kirche an einen Hang. Es ist die Wallfahrtskapelle von Santina tun Espiño. Hier befindet sich eine Quelle mit Heilwasser, welches angeblich Warzen verschwinden lässt. Auf der anderen Seite des Platzes stehen Holzbuden, wie man sie vom Jahrmarkt kennt. Die provisorische Beleuchtung und der herumliegende Müll verraten, dass hier erst neulich ein Fest stattgefunden haben muss.
Wunschzettel

Wunschzettel

 

Als wir weiter gehen, entdecken wir auf dem Pfad zur Kirche sehr viele weiße Zettel oder Tücher, die in die Büsche geknotet sind. Das haben wir auf Zypern schon mal gesehen. Da schreiben die Leute ihre Wünsche drauf, in der Hoffnung, dass sie erfüllt werden, wenn sie diese an heiligen Orten an Bäume hängen. Das scheint hier ebenfalls der Fall zu sein. Den näheren Hintergrund habe ich jedoch erst zu Hause ergründen können. Es hat was mit der heiligen Quelle zu tun, die Warzen heilen soll. Am 21. September jeden Jahres werden hier diese Tücher, während eines Festes mit dem Wasser benetzt und in die Zweige geknotet. Der Termin passt und so denke ich, dass diese Erklärung schlüssig ist.
Wallfahrtskapelle von Santina tun Espiño

Wallfahrtskapelle von Santina tun Espiño

 

Der folgende Weg führt in leichten Wellen durch einen Mischwald, was für das Auge und auch für das Ohr viel angenehmer ist. Ich weiß nicht, ob es jemandem schon mal aufgefallen ist, in einer Eukalyptusplantage hört man so gut wie keine Vögel. Das ist ein sicheres Zeichen, dass dieser Baum hier einfach nicht her gehört und vieles in der einheimischen Natur kaputt macht. Es ist ja bekannt, dass der Eukalyptus mit seinen tiefen Wurzeln den Grundwasserspiegel absenkt und der dichte Teppich aus absterbenden Blättern alles andere am Boden erstickt. Doch der schnell wachsende Eukalyptusbaum verspricht großen Profit. Da kann man auch mal die einheimische Flora und Fauna opfern. Wenn sich das mal nicht rächt.
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In A Plexa machen wir in der kleinen Bar A Coxa nochmals Rast. Die auffällig übertriebene Freundlichkeit des Barbesitzers ist ein Zeichen, dass hier wirklich nicht sehr viele Pilger vorbei kommen und er wenig zu tun hat. An stark begangenen Wegen bemerkt man oft den Stress den die Pilger verursachen, wenn sie in ganzen Pulks auftauchen, bewirtet werden und schnell weiter wollen. Obwohl der Weg heute sehr weit ist, lassen wir uns Zeit. Und es ist gut, wenn man sich ausreichend mit Flüssigkeit versorgt. Außerdem müssen wir bei den Temperaturen die inzwischen herrschen, immer mal eine Pause einlegen. Da ist so eine Bar ein willkommener Anlass.
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Vilastose mit dem Cruceiro da Cancela und der Pfarrei San Cibrán

 

Als wir durch die nächste kleine Streusiedlung laufen, scheint die Sonntagsmesse gerade zu Ende zu sein. Denn so viele Menschen wie hier, haben wir auf der gesamten heutigen Etappe bisher nicht gesehen. Im Feiertagszwirn kommen ganze Familien uns entgegen und grüßen freundlich. Die von weiter her, kommen uns im Auto entgegen. Wir befinden uns im Ort Vilastose mit dem Cruceiro da Cancela und der Pfarrei San Cibrán, die hier in der Gegend von Bedeutung ist. Vor der Pfarrkirche sprechen uns zwei Herren an. Ich verstehe zwar kein Wort aber wir können erahnen, dass sie uns mit großen Gesten einen guten Weg wünschen. Wir bedanken uns freundlich und ziehen weiter.
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Bis nach Quintáns geht es wieder durch einen riesigen Eukalyptuswald bergauf und bergab über den Monte da Raposa. Eigentlich hatte ich gedacht, nach diesem Hügel bereits das Meer sehen zu können. Es riecht schon danach, bilde ich mir ein. Doch nun liegt nur ein weiteres Tal vor uns und unten sehen wir den nächsten Ort, auf den der Weg augenscheinlich zu führt. Quintáns ist ein etwas größeres Dorf als die bisherigen Streusiedlungen und liegt direkt an der Straße, die von Negreira nach Muxia führt. Würden wir hier auf der Straße bleiben, hätten wir einige Kilometer weniger heute zu bewältigen, sehe ich auf der Karte. Doch wer will schon stundenlang an einer Straße entlang laufen? Wenn es doch einen wesentlich schöneren Weg durch die Natur gibt.
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Wir bleiben also weiter auf dem gekennzeichneten Weg. Hier treffen wir auch die drei Spanier wieder, mit denen wir in Olveiroa ein Zimmer teilten. Sie kommen gerade aus einer Bar im Ortszentrum und haben jeder eine Flasche Rotwein im Außennetz ihres Rucksackes. Na hoffentlich haben die heute ein anderes Zimmer, wenn die Feier bereits jetzt losgeht! Wir grüßen und trotten hinter ihnen her. Es werden die einzigen Pilger bleiben, denen wir heute begegnen. Es wäre ganz gut gewesen, wenn wir hier nach einer Möglichkeit gesucht hätten, die Wasserflaschen noch mal aufzufüllen.
Blick zurück in Richtung Quintáns

Blick zurück in Richtung Quintáns

 

Meine Annahme, dass wir auch durch dieses Tal müssen bewahrheitet sich nämlich. Und meine Befürchtungen, auf der anderen Seite wieder hinauf zu müssen bewahrheitet sich natürlich auch. Vorbei am Kloster San Martino, in dessen Nähe einer der längsten Kornspeicher Galiciens steht, steigen wir die steilen Straßen des Südhanges hinauf. Der Helle Beton der Straße wirft uns die reflektierte Hitze förmlich ins Gesicht. In Villarde Sobremonte haben wir noch mal einen schönen Ausblick auf das Tal, bevor wir endlich im Wald und damit im Schatten verschwinden. Immer noch geht es heftig bergan. Wir erklimmen den Monte de Merexo. „Erklimmen“ klingt vielleicht ein wenig heftig. Denn es sind eigentlich nur Hügel. Doch nach der langen Strecke beginnt jeder Anstieg in den Beinen zu brennen.
Punta de Merexo

Punta de Merexo

Beim nicht weniger anstrengenden Abstieg schimmert uns dann endlich wirklich das azurblaue Wasser des Atlantiks entgegen. Die Punta de Merexo liegt direkt vor uns. Doch ehe wir den Strand erreichen können, sagen uns die Wegweiser, dass wir hier nach links abbiegen müssen. Und wieder geht es bergauf. Als wir die Straße erreichen, kommen wir der Küste wieder etwas näher. Und wir beschließen, einem der zum Wasser abzweigenden Waldwege zu folgen. So erreichen wir das felsige Ufer und lassen uns im weichen Moos unter den großen Kiefern nieder. Am liebsten würde ich hier einfach liegen bleiben und ne Runde schlafen.

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Das monotone Geräusch der Brandung wirkt herrlich beruhigend. Im Schatten der Bäume wäre das ein prima Plätzchen für ein Nickerchen. Andrea dagegen wurschtelt an ihren Schnürsenkeln rum. Sie wird doch nicht…? Wie will sie denn die Felsen runter kommen? Aber nein, sie hat sich auf der letzten Etappe doch wirklich eine Blase geholt- nichts schlimmes, wirklich nur eine ganz kleine. Ich soll sie aber sicherheitshalber mal über tapen. Nur widerwillig reißen wir uns von diesem Ort los. Es kann aber nicht mehr weit sein. Zurück auf der Straße gehen wir auf dieser bis zum nächsten Ort Os Muiños. Hier zweigt der Weg eigentlich von der Straße nach rechts ab.
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Als ich aber sehe, dass es da noch mal ganz runter und auf der anderen Seite wieder hinauf zur gleichen Straße geht, habe ich die Nase voll und wir laufen geradeaus weiter. Doch auch auf der Fahrbahn geht es in weiten Kurven ziemlich bergauf und außerdem ist sie recht munter befahren. In einem kleinen grünen Buswartehäuschen verschnaufen wir kurz, bevor wir das letzte Stück in Angriff nehmen. Unsere Wasserflaschen sind lange leer. Und man weiß ja, gerade dann wenn man bemerkt, dass kein Wasser mehr da ist, bekommt man umso größeren Durst. Kurz vor Chorente, wir sind wieder auf dem originalen Weg, rufe ich dann Jörg an und sage, dass wir in etwa einer halben Stunde da sind.
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Muxia in Sicht

 

Der folgende Abstieg geht wie von allein. Als wir den Holzsteg am Strand von Muxia betreten, steigen die drei Spanier gerade aus dem Wasser. Dafür habe ich jetzt keine Muße. Obwohl das kristallklare hellblaue Wasser geradezu einlädt, hinein zu springen. Das ist mir viel zu kalt, rede ich mir ein. Schon auf diesem Holzsteg bemerke ich, dass mir Muxia als eines der beiden Ziele am Atlantik viel besser gefällt als Finisterra. Der Ort wirkt wie aus dem Ei gepellt. Freundliche helle Fassaden glänzen im Sonnenlicht. Und die lange Uferpromenade lässt ein Flair von Seebad aufkommen. Jörg, der an der Promenade nach uns Ausschau hält, hat uns schon lang entdeckt und winkt mit den Armen.
angekommen

angekommen


Wir begrüßen uns herzlich und ich beginne ihm von unseren letzten drei Tagen zu berichten. Es ist ihm anzusehen, dass er gern dabei gewesen wäre. Aber die Gesundheit geht nun mal vor. Wir setzen uns vor eine Bar und ich bestelle zuerst mal ein Cerveza grande. Ohhr, das zischt! Beeilen müssen wir uns nicht. Denn Jörg hat bereits für unsere Unterkunft gesorgt. Schon zu Hause habe ich von der neuen privaten Herberge Arriba in Muxia nur Gutes gehört. Und auch Jörg bestätigt nun, dass es eine gute Wahl war. Das macht mich neugierig. Außerdem wollen wir aus den Klamotten und vor allem aus den Schuhen heraus.
private Herberge Arriba in Muxia

private Herberge Arriba in Muxia

 

In der Herberge kann man sich wirklich wohl fühlen. Für die besonders müden Füße gibt es sogar einen Aufzug und im Souterrain einen Multifunktionsraum mit Salzwasser – Sprudelbecken. Nicht mal die Türen muss man selbst öffnen. Wie im Raumschiff Enterprise verschwinden die mit einem Zischen automatisch in der Wand. Ob das natürlich sein muss, darüber kann man streiten. Wir beziehen Betten in den Kajüten eines Mehrbettzimmers. Hier stehen 5 Stockbetten, die man mit Vorhängen verschließen kann. In die oberen Betten  muss man nicht wie sonst über eine Hühnerleiter klettern. Nein, es gibt eine Treppe. Für das Gepäck gehört zu jedem Bett ein abschließbares Fach. Hier hat sich jemand richtig Gedanken gemacht und weiß um das gute Gefühl eines Pilgers, wenn sein Zeug sicher verstaut ist. Und er weiß auch, wie weh das tut, wenn man über eine Leiter aus dem Bett klettern muss.
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Bevor wir zum Kap gehen, lasse ich uns noch die „Muxia“ eine schöne Urkunde an der Rezeption ausstellen. Diese gibt es auch an der Tourist – Information des Ortes. Sie ist ein schönes Souvenir und bezeugt, dass man hier wirklich her gelaufen ist. Den krönenden Abschluss unserer Tour wollen wir beim Sonnenuntergang mit einer Flasche Vino Tinto am Kap von Muxia feiern. Zum Glück hat Jörg mit gedacht und uns eine Flasche Faustino besorgt. Denn um diese Zeit finden wir keinen geöffneten Laden mehr. Jörg hat den ganzen Tag bereits den Ort erkundet und ist ebenfalls meiner Meinung, dass es hier eigentlich schöner ist als in Finisterra.
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Muxia von oben

Am Ende des Ortes ist bereits von Fern ein steinernes Kreuz auf einem hohen Felsen zu sehen. Da müssen wir unbedingt rauf!
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Der Weg neben der kleinen Kirche hinter dem Friedhof ist sehr steil und zwischen den Felsen wachsen Disteln, deren Dornen durch die Socken piksen. In den Sandalen ist es gar nicht so einfach einen geeigneten Weg zwischen den Felsblöcken zu finden. Doch die kleine Anstrengung hat sich gelohnt. Von hier hat man einen herrlichen Überblick über den Ort und den Hafen. Die Idee hatten auch viele andere, die sich bereits einen schönen Platz auf einem Felsen gesichert haben. Bis zum Sonnenuntergang ist es noch ein Weilchen und wir gehen weiter zur berühmten Kirche Nosa Señora da Barca.
Nosa Señora da Barca

Nosa Señora da Barca

 

Das berühmte „Heiligtum der Jungfrau vom Boot“ ist neben dem Kap Finisterra ein wichtiges Ziel vieler Pilger, die hinter Santiago weiter gehen. Der Apostel Jacobus habe sich hier am äußersten Ende der damals bekannten Welt zurückgezogen, um zu beten. Er soll in tiefe Traurigkeit verfallen sein, wegen der Menschen, die ihr Heidentum nicht ablegen wollten. Da hat er auf dem Meer ein Boot entdeckt, das immer näher kam. Schließlich konnte er auf dem Boot die Jungfrau Maria erkennen, die ihm Trost brachte und ihn aufrichtete, sein Missionswerk fortzusetzen. Daher der Name „Jungfrau vom Boot“. Die Wallfahrtskirche, die hier am Kap steht, geht auf das 11. Jahrhundert zurück. Die Marienverehrung ist noch älteren Datums, weshalb Muxia zu den ältesten und bedeutendsten Wallfahrtsorten Galiciens gezählt werden kann. Im 15. Jahrhundert haben Benediktinermönche aus dem nahen Kloster San Martino die Kirche in der heutigen Größe errichtet. Im 17. Jahrhundert wurde sie dem barocken Zeitgeist angepasst. Auch die beiden Türme entstanden später.
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Am 25. Dezember 2013 jedoch brannte das Gotteshaus nach einem Blitzschlag fast völlig aus. Das Entsetzen ging durch die Presse und die sozialen Medien. Der prächtige, 1717 errichtete Hochaltar von Miguel de Romay im Stil des spanischen Barock wurde beim Brand völlig zerstört. Einige Seitenaltäre konnten teilweise gerettet werden. Auch die vielen Schiffsmodelle, die von Fischern gespendet von der Decke hingen, wurden ein Raub der Flammen. Ich bin gespannt auf dieses Bauwerk, welches mit großen Anstrengungen und viel Geld wieder hergerichtet wurde. Mich empfängt eine große recht nüchtern ausgestattete Hallenkirche, in der leider die Atmosphäre einer Bahnhofshalle herrscht.
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Lautes Stimmengewirr zeigt mir, dass auch hier, wie schon in Pontevedra, wenige unter den Anwesenden sind, die wissen, wie man sich in einer Kirche verhält. Überall stehen Grüppchen laut schwatzend zusammen. Ich bin entsetzt. Hier ist es ja wie auf dem Jahrmarkt! Ich sehe ja ein, dass man Geld braucht, damit die Kirche einmal wieder so aussehen kann wie früher. Aber das hier erschüttert selbst mich, als einen der kein Christ ist. Das ist in höchstem Maße respekt- und rücksichtslos. Ich hätte mich hier gern in eine Ecke gesetzt, Inne gehalten und zurück gedacht an unseren Weg. Doch so nicht. Ich verlasse nach wenigen Minuten frustriert den Raum und setze mich draußen auf eine Mauer, um zu beobachten, wie diese nervigen Bustouristen in Scharen aus der Kirche kommen. Was wollen die hier? Ich halte es für eine Art Katastrophentourismus. Ich gebe ja zu, ich war auch gespannt darauf, wie man es geschafft hat, der Kirche wieder Gestalt zu geben. Aber ich bin nicht extra wegen ihr mit dem Bus hier her gefahren. Das macht, denke ich, schon einen Unterschied.
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Stein des Cadris

 

Als die anderen nachkommen, mache ich meinem Unmut lauthals Luft. Doch ich will die Stimmung nicht weiter verderben, auch meine nicht. Schließlich haben wir uns auf dem ganzen Weg auf diese Stunde gefreut. Jörg kriecht unterdessen dreimal durch den Stein des Cadris. Mein Fehler! Ich hätte ihn neunmal durch jagen sollen. Denn eine Legende sagt, dass derjenige, der dies neunmal tut, von allen möglichen Gebrechen geheilt wird. Wie ich auf dreimal gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Irgend etwas muss ich mir da falsch gemerkt haben. Jörg kennt die Legende nicht und entscheidend ist doch bei derartigen Versprechungen, dass man dran glaubt. Ich glaube nicht dran. Und deshalb verzichte ich darauf, wie ein Krokodil auf allen Vieren durch den Stein zu krabbeln. Eine andere Legende besagt übrigens, dass dies das Segel des Bootes ist, in welchem die Jungfrau dem Apostel Jakobus erschienen ist, da der Stein einem liegenden Segel sehr ähnelt.
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Ich bin unterdessen auf der Suche nach einer ruhigen Stelle, wo wir uns nieder lassen können. Die Küste wimmelt gerade so von Leuten, die sich hier den Sonnenuntergang nicht entgehen lassen wollen. Nach einer kleinen Kletterei finden wir unseren Platz gar nicht so weit weg von der Brandung.
Andrea hatte eine besondere Motivation diesen Weg zu gehen. Und nun hat sie noch eine Aufgabe zu erfüllen. Ihr Vati, mein Schwiegervater Hans Dieter ist Anfang des Jahres plötzlich verstorben. Er war ein sehr ordentlicher Mensch und hatte stets zwei Sachen bei sich, seinen Kamm und seine Uhr. Den Kamm konnten wir zu ihm legen. Doch die Uhr nicht. Diese hat sie nun den ganzen Weg bei sich getragen. Es ist ein sehr bewegender Augenblick, als Andrea das kleine Säckchen mit der Uhr ins Meer wirft.
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Für uns ist das hier der Abschluss unseres Weges, obwohl es morgen noch für zwei Tage zurück nach Porto geht. Andrea zündet ihre echte Havanna an und wir stoßen an: Auf Hans Dieter, auf den Tag, auf den Weg, auf den Sonnenuntergang und dass wir nun doch noch zusammen unser Ziel hier in Muxia erreicht haben.

Das Beste kommt immer zum Schluss!

Buen Camino!
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