Sächsischer Jakobsweg Teil 2: Oelsintz/Vogtl. – Hof

der Blick aus dem Fenster heute morgen

der Blick aus dem Fenster heute morgen

So, es geht in die letzte Runde: Der erste Gang heute Morgen ist nicht der zur Toilette, sondern der zum Fenster. „Na Gott sei Dank – es regnet nicht mehr. Im Gegenteil, die Sonne lugt zwischen flachen Wolken am Horizont hindurch. Voller Tatendrang packen wir und gehen hinunter zum Frühstück. Diese Pension bei der Sünderhaufs ist wirklich zu empfehlen. Sicher kein Luxushotel (wer will das schon auf einem Pilgerpfad?) aber auch Andrea meint, dass die Leute hier so nett sind und in den Betten haben wir so gut geschlafen. Die Wirtsfrau tischt auf, was das Zeug hält und sagt, dass wir uns ruhig noch was zum Mitnehmen schmieren sollen. Wir bedanken uns herzlich. Ich frage, ob ich noch ein Foto von den beiden machen und Fotos von der Pension hier im Blog veröffentlichen darf. „Von der Pension? – das ist kein Problem! Und wenn ihr jemanden wisst, der hier mal übernachten möchte…. wir freuen uns auf jeden Gast.“ Ich denke da kann man ruhig mal die Werbetrommel rühren. Hier die Kontaktdaten: Link. Vor dem Foto zieren sich die Beiden dann etwas, weswegen ich es hier nicht veröffentliche. Sie haben aber eigentlich gar keinen Grund dazu, denn sie sind darauf richtig gut getroffen.

leider auf dem falschen Weg

leider auf dem falschen Weg

Wir verabschieden uns gegen 8:00 Uhr, danken noch mal für den schönen Abend und machen uns auf den Weg. Der führt uns zunächst berauf an der Hoferstraße entlang aus dem Ort. Den kleinen Schlenker an der Ludwig Fundgrube entlang lassen wir weg. Dazu hätten wir wieder nach unten, also in entgegen gesetzte Richtung gemusst. Ich gehe ungern auf Pilgerwegen in die falsche Richtung. Das hatte ich auf den bisherigen denke ich nur einmal getan, als ich in Santo Domingo de la Calzada meinen Knüppel vergessen hatte. Und außerdem haben wir heute ja mit weit über 30 Kilometer noch genügend Strecke vor uns. Ja… und wie war das mit dem Abkürzen? Ich erinnere an gestern…. An den Schafhäusern treffen wir wieder auf den Weg und biegen wie angezeigt nach links ab. Ein Stück hin klingelt Andrea´s Handy. Sie geht ran und unser Sohn ist dran.

der Wald vor Triebel

der Wald vor Triebel

Wenn er so früh am Tag anruft, ist irgend was los. Zum Glück war nichts. Er hatte nur Langeweile und wollte Mutti mal hören. Ich habe die Kamera in der Hand und filme Andrea im gehen mit dem Telefon am Ohr. Und dabei haben wir alle zwei wohl den Wegweiser nach rechts übersehen und laufen nun völlig verkehrt hinunter nach Oberhermsgrün. Das kommt mir viel zu spät komisch vor, denn eigentlich ist Triebel der nächste Ort, in den wir kommen müssten. Und das hier kann unmöglich schon Triebel sein. Ein „oh, oh!“ entfleucht mir – und ein grimmiges „Wir sind verkehrt…!“ Die Flüche lasse ich hier mal weg. Aber wir haben ja die Karte auf dem Handy und darauf sehe ich, wie wir wieder zurück auf den Weg kommen, natürlich mit ´nem kleinen Umweg. Andrea scheint dem wieder nicht ganz zu trauen, kein Wunder nach der Aktion gestern im Wald.

sicher nicht essbar aber schön

sicher nicht essbar aber schön

Doch wenig später entdecken wir wieder eine Muschel. Nun laufen wir recht lange durch den vor Nässe triefenden Wald. Das sind die idealen Bedingungen für Pilze. Es riecht nicht nur danach, die Pilze stehen hier, als ob sie jemand auf einem Feld angebaut hätte. Leider, leider haben wieder andere von uns die Chance erhalten, sie zu finden und mitzunehmen. Als wir aus dem Wald heraus treten, sehen wir in etwa 1,5 Kilometer Entfernung den Ort Triebel. Hier wollten wir im hiesigen Gasthof ursprünglich übernachten. Der hat jedoch gerade Betriebsferien, wie ich am Telefon erfuhr. So wie es sich jedoch mit der Unterkunft in Oelsnitz ergeben hat, sind wir am Ende ganz zufrieden.

vor der Wehrkirche in Triebel

vor der Wehrkirche in Triebel

Hinunter nach Triebel folgen wir einem völlig zu gewachsenen Feldweg, an dem ein Spalier mit Obstbäumen steht. Die Hosen sind vom hohen Gras völlig durchnässt. Nebenan auf dem Feld zu gehen, ist auch nicht ratsam. Da würden wir sicher im Schlamm stecken bleiben. So gesehen ist der Feldweg das geringere Übel. In Triebel ist der Weg von und zur Wehrkirche gemäht. Diese steht etwas abseits vom Ort auf einem Hügel, dem Triebeler Kirchberg und bietet in der Tat mit ihren hohen Mauern einen recht wehrhaften Anblick. Triebel wurde 1303 erstmal urkundlich erwähnt, besaß nie ein Rittergut oder ähnliches und hatte deshalb eine Wehrkirche errichtet.

in der Wehrkirche in Triebel

in der Wehrkirche in Triebel

Diese stürzte 1888 ein und verfiel seit dem als Ruine auf dem Berg. 2008 gründete sich in Triebel ein Förderverein, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Kirche als religiöses, geistiges und kulturelles Zentrum des Ortes wieder aufzubauen. Ende 2013 kaufte der Ort nach Genehmigung der Landeskirche die Ruine. Als wir hier ankommen hat die Kirche, die den Namen St. Aegidien trägt, bereits wieder ein Dach. Es tut sich also was. Und – welch Wunder – sie ist offen. Draußen steht zwar ein Leichenwagen, was mich zunächst zurückhält, ich gehe aber trotzdem durch eine offene Seitentür hinein. Ich sehe zuerst das große Holzkreuz vor kahlen putzlosem Gemäuer aus Naturstein in denen die leeren Fensteröffnungen klaffen. Im Raum stehen einige Leute bei einer Beratung. Bei ihnen entschuldige ich mich für mein Eindringen und frage, ob ich mich mal kurz umsehen darf. Da keine Antwort kommt, mache ich noch ein Foto und verschwinde auf leisen Sohlen wieder.

hier klebt mein letzter Aufkleber

hier klebt mein letzter Aufkleber

Wir verlassen das Areal daraufhin wieder und gehen quer zum Kirchberg hinunter in den Ort. Am Abzweig „Kugelangerweg“ bemerke ich vor einem Holzmasten ein Muschelschild welches im Gras liegt. Es ist abgefallen und ganz verbogen. Zum Glück habe ich noch einen letzten Aufkleber im Rucksack und bringe diesen an. Wir dokumentieren die Stelle per Foto und gehen einem Hohlweg folgend weiter. Im nachfolgenden Wald, der sich fast bis zum Dreiländereck hin zieht, machen sich lautstark einige Waldarbeiter zu schaffen. Wir rasten in einer urigen aus dicken Holzstämmen gebauten Schutzhütte nochmals, bevor wir den immer dichter werdenden Wald durchdringen. Es wird immer dunkler. Am Himmel ist ein milchiges verwaschenes Licht, sicher eine Art Hochnebel, wodurch es im Wald immer dunkler wird. Als wir dann auch noch Schüsse hören, laufen wir automatisch schneller. Zum Glück kommen diese Schüsse nicht mehr von den Grenzern, die hier noch vor 25 Jahren an der innerdeutschen Grenze standen, sondern von einer Treibjagd. Das hier war damals alles Sperrgebiet und man durfte nur mit Passierschein nach Kontrolle in das Gebiet. Doch auch so eine Treibjagd kann einem heute einen Schrecken einjagen und man lauscht unweigerlich, ob die Schüsse näher kommen.

ehemaliger Wachturm an der innerdeutschen Grenze

ehemaliger Wachturm an der innerdeutschen Grenze

In der Hoffnung nicht mit einem Reh oder einer Wildsau verwechselt zu werden, beschleunigen wir unsere Schritte weiter und treten beim Ort Birkigt wieder auf die Straße. Inzwischen hat es auch die Sonne durch die Nebelschwaden geschafft und uns überrascht eine offene weite Landschaft. Tja, die wollten jede Bewegung sehen hier im Grenzland. Schon von Weitem sehen wir einen ehemaligen Wachturm der Grenztruppen, in dem nun ein Amateurfunk Relais betrieben wird. In der Nähe des Ortes Mittelhammer verlassen wir an der Tschechischen Grenze Sachsen und betreten Oberfranken. Nur am Wechsel des Straßenbelages erkennt man noch, wo einstmals eine der tödlichsten Grenzen der Welt verlief.

Rast hinter Mittelhammer

Rast hinter Mittelhammer

Da macht man sich schon einige Gedanken, was wäre, wenn es nicht so gekommen wäre. Auf alle Fälle würden wir jetzt hier nicht stehen, mit unseren Rucksäcken ganz allein auf weiter Flur.

Unser nächstes Ziel ist jedoch eine Bäckerei in Netschau. Die hat uns unser Wirtsehepaar aus Oelsnitz sehr ans Herz gelegt. Ein bisschen Hunger haben wir auch mittlerweile, wo wir noch nicht mal die Hälfte unserer heutigen Etappe geschafft haben. Diese Bäckerei (sie liegt direkt am Weg links im Ort) ist wirklich sehr zu empfehlen. Der runde Obstkuchen ist spitze. Und wir kommen gerade noch rechtzeitig, ehe hier geschlossen wird. Der Verkaufsraum ist bereits gewischt.
in der Bäckerei in Netschau

in der Bäckerei in Netschau

Wir dürfen uns trotzdem noch mal hinsetzen an den kleinen Tisch im Laden und unterhalten uns etwas mit der Inhaberin. Sie erzählt uns von einem großen Unglück in Kirchgattendorf, durch das wir später auch noch gehen werden. Dort ist ein Rinderstall bis auf die Grundmauern nieder gebrannt. Gespannt hören wir zu. Es ist schon erstaunlich, wir sind nur einige Kilometer aus Sachsen heraus gelaufen und schon spricht man völlig anders. Wobei mir das Fränkische etwas vertrauter ist, da wir Freunde in Coburg haben und wir dort mindestens einmal im Jahr zum Samba – Festival zu Gast sind. Wir nehmen uns noch ein Stück Kuchen für unterwegs mit und gehen weiter.

Panorama hinter Netschau

Panorama hinter Netschau

Die ehemaligen LPGen, die durch die Zwangskollektivierung Ende der Fünfziger Jahre entstanden sind, wurden nach der Wende zwar weitestgehend privatisiert, existieren aber meist immer noch als landwirtschaftliche Großbetriebe an den Ortsrändern oder ganz außerhalb der Dörfer. Die privaten Höfe werden, mitunter liebevoll saniert, nur noch zu Wohnzwecken genutzt oder höchstens mal zur Kleintierhaltung. Mancher hat auch noch ein paar Schafe, Ziegen oder ne Kuh. Aber so wie hier Mitten im Ort mit großen Ställen und Misthaufen davor, sieht man im Osten doch sehr selten. Auch von Oben aus dem Flieger sieht man den Unterschied noch. Während man über den alten Bundesländern zwischen den Dörfern oft viele kleine zerstückelte Felder entdeckt, ist der Osten immer noch von den sehr großen Schlägen der ehemaligen Kolchosen geprägt.Der nächste Ort ist Trogenau. Was uns im Unterschied zu den sächsischen Dörfern spätestens hier auffällt, dass es hier mitten in den Orten kleine Landwirtschaftsbetriebe mit Stallungen, Viehhaltung, Landmaschinen und den zugehörigen Gerüchen gibt, also richtige kleine Einzelwirtschaften.

Man, was einem so alles auffällt, wenn man Zeit hat….
vor Kirchgattendorf

vor Kirchgattendorf

Nach einem Schlenker unter der Autobahn hindurch (es ist natürlich wieder die A72), durchqueren wir Kirchgattendorf. So nah können Freud und Leid aneinander liegen. Hier in der Kirche wird gerade geheiratet und um die Ecke ist eine Existenz in Gefahr. Die Trümmer des Hofes sind unübersehbar und es riecht noch nach dem Brand, von dem uns die Bäckerin in Netschau erzählte. Beeindruckt von der Szenerie laufen wir kurz in die falsche Richtung, da wir einen Wegweiser übersehen hatten. Doch kein Problem diesmal. Ich habe es gleich bemerkt. Die Wegweiser sind übrigens auf dieser Etappe vorbildlich angebracht. Na ja der eine abgefallene in Triebel – aber dafür kann ja keiner was.

bedrohliche Wolkenlandschaft

bedrohliche Wolkenlandschaft

Ich treibe zur Eile, denn am Himmel tut sich was und ich will heute nicht schon wieder nass werden. Dicke Kumulus Wolken türmen sich zum Himmel. Und wenn die höher werden als ihr Abstand zum Boden, kann sich eine Gewitterzelle bilden – so eine Faustregel unter Wetterkundigen. Und es grummelt bereits verdächtig rings herum. Also beschleunigen wir unsere Schritte und versuchen noch vor dem Unwetter Hof ohne Umwege zu erreichen. Geleitet von den zahlreichen Wegweisern stehen wir auf der letzten Anhöhe vor Hof und sehen die Stadt in ihrer gesamten Ausdehnung, eingerahmt von einem dramatischen Wolken-Szenario am Himmel.

Panorama vor Hof

Panorama vor Hof

Nur noch der eine Abstieg und wir sind am Ziel, so denken wir. Aber Hof ist ausgedehnter, als es mir von oben erschien. Schon der Weg ins Stadtzentrum zieht sich mächtig. Hof hat rund 45 Tausend Einwohner und liegt als kreisfreie Stadt im Regierungsbezirk Oberfranken am Oberlauf der Saale. Die Gegend ist seit der Zeitenwende besiedelt, und wurde 1214 erstmals urkundlich erwähnt. Doch ich will hier nicht die gesamte Stadtgeschichte wiedergeben.
das ziel ist fast erreicht

das ziel ist fast erreicht

Wir haben doch keine Zeit, das Gewitter scheint näher zu kommen. In der Innenstadt herrscht großes Gedränge. Alle Geschäfte sind noch geöffnet. Und die, die genau wie wir dem nahenden Regen entfliehen wollen, treffen auf jene, die unbekümmert ihrem Shoppingerlebnis frönen wollen. Da treffen zwei völlig verschiedene Geschwindigkeiten aufeinander. Und so müssen wir die teils heftig ansteigenden Straßen im Slalom um schwatzende Passanten bewältigen. Hof liegt im Flusstal der Saale. Sein tiefster Punkt liegt bei 450 und sein höchster mit dem Kulm auf 614 Metern. Ganz so hoch müssen wir jedoch nicht hinaus. Aber ganz eben geht es hier nicht zu. Und wir haben ja bereits weit mehr als 30 Kilometer in den Beinen. Unser Orientierungspunkt ist die St. Michaeliskirche mit ihren zwei hohen schlanken Türmen. Wir hasten also an den vielen bunten Einkaufstempeln und den gestylten Leuten vorbei, von denen einige etwas seltsam schauen. Was wir wohl für seltsame Gestalten sind? Die Trekkingstöcke hatten wir bereits verpackt, sonst würden wir noch mehr auffallen. Doch wen kümmert´s? Wir sind stolz, es geschafft zu haben in der Zeit, die wir uns vorgenommen hatten.

gerade noch rechtzeitig erreichen wir die Herberge

gerade noch rechtzeitig erreichen wir die Herberge

Etwas müssen wir noch suchen nach unserer Unterkunft. Ich habe mir als Adresse die Klostergasse 2 aufgeschrieben. Die Adresse gibt es zwar aber eine Herberge nicht. Wir fragen eine Passantin, die uns in die richtige Richtung schickt. Denn die richtige Adresse ist das Klostertor 2. Es handelt sich um das ehemalige Klarissenkloster, in dem jetzt die Diakonie ein Altersheim unterhält. Hier im Heim erhalten wir dann auch unseren Schlüssel für die Herberge. Die ist gleich über den Hof neben dem Klostercafe. Und die nette Betreuerin aus dem Altersheim begleitet uns dort hin und zeigt uns alles. Zwei Zimmer aneinander wurden hier zu einer Pilgerherberge umgestaltet. Wir finden alles, was der Pilger braucht:

Pilgerherberge in Hof

Pilgerherberge in Hof

Zwei Stockbetten, einen Tisch mit ein paar Stühlen, einen Schrank mit etwas Geschirr, Infomaterial und einen keinen Vorrat an Getränken, Konserven und Keksen. Auf dem Schrank liegt der Pilgerstempel, das Pilgerbuch und neben der Tür hängt die Kasse des Vertrauens. Gegenüber im Gang befinden sich die Toiletten und die Dusche. So stell ich mir eine Pilgerherberge vor. Mehr braucht man wirklich nicht. Auf dem gesamten Weg war es mir persönlich bisher schon fast zu luxuriös. So viel Aufwand wäre an vielen Stellen gar nicht notwendig (wie gesagt nach meinem Gustus). Kaum sind wir in der Herberge, geht es draußen los – Schwein gehabt!

Pilgerherberge in Hof (leider etwas verschwommen)

Pilgerherberge in Hof (leider etwas verschwommen)

Wir breiten unsere Schlafsäcke auf den unteren zwei Betten aus in der Annahme, dass wir hier die einzigen bleiben. In Spanien galt das immer als egoistisch, wenn Paare nur die unteren Betten belegten. Die Hospitaleros haben versucht, das zu verhindern, in dem sie die Betten zuteilten. Mussten sie aber bei uns nie, denn ich kletterte immer freiwillig nach oben. Heute sitze ich geduckt auf dem unteren Bett und packe meine Sachen aus. Plötzlich steht eine junge Frau in der Tür – und dann gleich noch eine – wenig später noch zwei. Oh nun ist genug. Jetzt wird es eng. Denn eigentlich ist die Herberge nur für 4 Pilger vorgesehen. Zur Not steht noch ein Klappbett in der Ecke. Die Mädels machen nicht den Eindruck, als ob sie sehr anspruchsvoll sind und kommen auch mit einem Provisorium zurecht. Schnell sind wir uns über die Bettenverteilung einig. Wir bleiben wo wir sind. (Sie wollen die zwei alten sicher nicht verdrängen.) Zwei gehen nach oben, eine auf das Klappbett im Vorraum und eine auf den Fußboden auf einem Stapel Isomatten. Die Vier, so erfahren wir, sind Kommilitoninnen, haben bisher in Berlin studiert, dort in einer WG gewohnt und fahren nun mit den Fahrrädern als Abschluss entlang der Via Imperii bis nach Nürnberg. Hurra! Die deutsche Jugend ist doch noch nicht ganz verloren!

wir beschließen unseren Weg bei einem Abendessen

wir beschließen unseren Weg bei einem Abendessen

Während die Mädels sich was zum Abendessen kaufen gehen, wollen wir den heutigen Abend und unseren Pilgerweg etwas gediegener beschließen. Wir gehen durch die fast leeren Straßen der Innenstadt auf der Suche nach einem Restaurant, welches uns zusagt. So einfach ist das nicht, wenn man nicht mehr so weit gehen will und sich nicht auskennt. Wir brechen die Suche ab und finden einen Italiener hinter der Marienkirche. Hier ist erst mal alles besetzt. Wir können aber warten und bekommen wenig später einen Tisch am Fenster. Ein guter Rotwein und ein Nudelgericht, mehr brauchen wir an diesem Abend nicht. Vergnügt laufen wir danach durch die Stadt und freuen uns auf zu Hause.

Morgen Vormittag fährt unser Zug und es wird Zeit für ein kleines Fazit:
Wir können den Weg uneingeschränkt empfehlen und zwar erfahrenen Pilgern, wie wir es mittlerweile nun mal sind aber auch Neulingen, die sich noch nicht so trecht trauen, nach Spanien zu gehen. Natürlich ist er mit den Pilgerwegen in Spanien, ihren großen Tradition und Ritualen schwer vergleichbar. Aber was hier in relativ kurzer Zeit auf die Beine gestellt wurde, ist sehr beachtlich. Sachsen und das Vogtland sind relativ dicht besiedelt.
Marienkirche in Hof

Marienkirche in Hof

Oft geht man durch Ortschaften oder große und kleinere Städte. Den Organisatoren ist es sehr gut gelungen, Wege zu finden, die die Sehenswürdigkeiten am Weg einschließt, jedoch kaum an verkehrsreichen Straßen entlang führt. Nur wenige kaum vermeidbare Abschnitte an der Autobahn nerven etwas. Überwiegend bewegt man sich jedoch in der wunderschönen Natur des Erzgebirgsvorlandes oder des Vogtlandes. Die körperliche Beanspruchung ist moderat, trotz dass es hier und da mal länger bergauf oder bergab geht. Das kann jeder gesunde Mensch schaffen auch ohne Training, wenn er etwas Durchhaltevermögen hat. Die Wege sind auch in den Städten recht gut markiert. Nur im Vogtland ab Zwickau gibt es etwas Nachholbedarf bei der Wegauszeichnung, auch wenn es mir durchaus bekannt ist, auf wie viele Widerstände man dabei treffen kann.

St. Michaeliskirche in Hof

St. Michaeliskirche in Hof

Man sollte das Angebot erfahrener Pilger nutzen und zusammen mit dem Pilgerausweis ein paar Muschelaufkleber bereit stellen, so wie das bei uns getan wurde. So lassen sich zumindest zeitweise einige Lücken in der Kennzeichnung stopfen. Eine Kritik habe ich jedoch anzubringen:  Ich verstehe die Furcht vor Vandalismus oder Diebstahl in den Gemeinden. Es ist jedoch schade, dass an einem Jakobsweg man es nicht schafft, dass wenigstens die Kirchen, die dem heiligen Jakobus geweiht sind für Pilger zu öffnen, so in Stollberg oder Oelsnitz. Wir haben an der Via Regia gesehen, wie es gehen könnte. Da hängen oft Informationsschilder mit Rufnummern von jemandem aus der Gemeinde, der die Kirche öffnen könnte. Bei dem derzeitigen Pilgeraufkommen am Sächsischen Jakobsweg sollte das keine besondere Belastung darstellen. Dazu müsste der Weg territorial noch bekannter gemacht werden. Am ökumenischen Pilgerweg haben wir dazu Informationstafeln gesehen, die die Vorbeikommenden über Geschichte und Sinn des Weges informiert. Auch die Herbergen, die Pilger aufnehmen könnten wie auf anderen Pilgerwegen durch spezielle Schilder gekennzeichnet werden. Das schafft Aufmerksamkeit und Akzeptanz. Nebenbei hilft es dem Pilger ohne technische Unterstützung die Herberge besser zu finden.

das Rathaus in Hof

das Rathaus in Hof

Wir haben wieder viele nette Menschen am Weg kennen gelernt, auch wenn wir während der Tagesetappen diesmal allein geblieben sind. Das Herbergsangebot ist für eine eindividuelle Etappengestaltung ausreichend. An einigen Orten nach meinem Geschmack vielleicht bereits etwas zu luxuriös (was keine Kritik sein soll!). Es muss kein bezogenes Bett sein. Da reicht eine einfache Schaummatratze, auf der man auf dem Boden liegend, seinen Schlafsack ausbreiten kann. Eine einfache Dusche jedoch auch ein Waschbecken ist völlig ausreichend. Vielleicht lassen sich durch diese einfachen Vorgaben noch mehr Herbergseltern finden, die eine einfache Unterkunft zur Verfügung stellen. So könnte man bei denen, die das so wollen, die Suche nach meist teureren Pensionen oder Hotels vermeiden.

Pilgern ist einfach und soll in meinen Augen einfach bleiben.
Der Tourist verlangt. Der Pilger dankt.
Und so danke ich all jenen, die geholfen haben, diesen Weg zu bereiten, all jenen, die uns eine Herberge gegeben haben und all jenen, die diesen Bericht verfolgt haben und mir ihre Meinung dazu mitteilen.
Wir werden weiter laufen, so lange diese Sehnsucht in uns brennt und so lange der Körper es noch mitmacht. Und wenn ich durch meinen Blog einige auf die Idee gebracht habe, auch mal einfach los zu gehen, den Alltag hinter sich zu lassen, sich auf das Wesentliche zu beschränken und einfach nur Freude zu haben, dann hat sich die ganze Mühe hier gelohnt.
In diesem Sinne verabschiede ich mich für heute auch im Namen meiner Frau, die mich zum Glück fast immer begleitet, mein Gejammer übers Wetter oder die Wehwehchen aushält und meinen ungewollten Umwegen folgt. Und ich verspreche, dass dies nicht der letzte Bericht hier ist. Andrea hat letztens auf Facebook geschrieben, „Man müsste 100 Jahre alt werden….“ Wenn wir so weiter machen, schaffen wir das und sehen noch einige Wege und treffen noch viele Menschen auf ihnen.
Vielleicht treffen wir uns mal – man weiß ja nie!
Buen Camino, Gert.

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