Rennsteig 1.Juni 2012 Friedrichroda – Oberhof

Irgend wann geht der Urlaub auch für mich zu Ende. Ich habe diesen mit diversen angesammelten Überstunden um zwei Tage verlängert. Den Rest des Urlaubs brauche ich ja für die drei Wochen, die wir auf dem Camino Primitivo unterwegs sein wollen.
Frühstück in Friedrichroda

Frühstück in Friedrichroda

Wir wälzen uns aus den Betten, die mit ihren viel zu weichen Matratzen wie befürchtet die Bandscheiben malträtiert haben. Bei jeder Bewegung (und ich drehe mich nachts wie ein Brummkreisel im Bett!) schwang diese Koje heftig nach, so dass man befürchten musste, seekrank zu werden. Und so ist dies in einer späteren Bewertung, die mir vom Buchungsportal zugesandt wurde, auch der einzige Kritikpunkt, den ich angeben wollte. Ansonsten haben sich die Wirtsleute alle Mühe gegeben, dass es uns gut geht. Für diesen Preis kann man sehr mit der Unterkunft  zufrieden sein. Wie gesagt, wir sind da auch nicht sonderlich wählerisch.

Als wir das bereitgestellte überdimensionierte Frühstück auf der Veranda einnehmen, regnet es draußen immer noch. „Na das kann ja was werden, die ganze Strecke wieder hoch zum Rennsteig!“ So kam mir die Idee, Herrn Schuchardt zu fragen, ob er uns mit dem Auto nach oben bringen könnte, gegen Bezahlung natürlich.

 

Regen

Regen

„Ich will sowieso in die Hütte. Und da kann ich Euch natürlich mitnehmen“, sagt er zu unserer Freude. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Irgendwie ist auch die Luft raus. Ich habe genug Wald gesehen. So schön die Umgebung ist, sie ist eintönig, ringsum nur Bäume! Ich rufe damit sicher die Liebhaber des Rennsteigs auf den Plan. Aber mir ist dieser Weg auf dem bisher zurück gelegten Abschnitt zu langweilig. Mir fehlten die Ortschaften und die weite Sicht. Die hätte man heute eh nicht bei dem Wetter. Ab und zu wäre es sicher möglich gewesen, sind doch die Kahlschläge, die auch hier „Kyrill“ hinterlassen hatte unübersehbar. Das Auto saust im Regen die Serpentinen hinauf und ruck zuck sind wir wieder auf dem Rennsteig. Zu Fuß hätten wir dafür sicher zwei Stunden benötigt. Wir bedanken uns ziehen eingehüllt in unsere Regenklamotten unseres Weges. Kurz nachdem uns Herr Schuchardt abgesetzt hat, kommen wir an einer Schutzhütte vorbei. Da liegen doch tatsächlich ein paar Leute eingemummelt in dicken Schlafsäcken auf dem Boden zwischen den Sitzbänken. Es ist bereits nach 9 Uhr. Sie hatten wohl auch keine Lust auf dieses Wetter. Wir grüßen laut und ernten dafür nur Gemurmel und ein paar Blicke aus halb geöffneten verschlafenen Augen.

an der Ebertswiese

an der Ebertswiese

Der erste Punkt, den wir heute ansteuern, ist laut der vielen grünen Wegweiser die Ebertswiese. Sie ist laut Beschreibung eine der schönsten Bergwiesen des Thüringer Waldes. Ihren Namen erhielt sie von Eberhardt (von wem auch sonst?), dem ersten Abt von Georgenthal. Die Ebertswiese beherbergt eine vielfältige Flora aus Borstgras sowie Stauden- und Quellfluren mit zahlreichen schönen Wiesenblumen. An der Ebertswiese überzogen einst alte Straßen den Gebirgskamm und verbanden die Handelsmetropolen und Messestädte Frankfurt, Nürnberg, Erfurt und Leipzig. Von den Straßen sind nur noch Wanderwege übrig geblieben, die heute mächtig aufgeweicht sind und auf denen wir den Pfützen ausweichen müssen. Auch die Aussicht ins Tal, die sonst wahrscheinlich hier möglich gewesen wäre, wird uns des Wetters wegen wieder verwehrt. – Ein sch… Tag! Ihr merkt schon, so glücklich bin ich an diesem Tag nicht.

Aber das ist meist so bei mir am letzten Urlaubstag. Da kann ich nichts gegen machen. Innerlich ärgere ich mich, dass der Urlaub fast vorbei ist. Andrea weiß das und lässt mich in Ruhe mit meinem Ärger.
unsere Begleiter auf Zeit

unsere Begleiter auf Zeit

Meine Stimmung hellt sich etwas auf, als wir auf eine lustige Wandergruppe aus NRW trefen. Wir kommen ins Gespräch, weil wir uns immer wieder gegenseitig überholen. Sie machen jedes Jahr in Deutschland eine andere Tour und in diesem ist eben der Rennsteig dran und sie sind voll des Lobes. Die sind wirklich lustig. Die eine Hälfte ist recht zügig unterwegs, wartet aber dann auf den Rest im nächsten Unterstand – auf die „Fußlahmen“, wie sie die Nachhut bezeichnen. So können die ersteren sich immer mal ausruhen, während die „Fußlahmen“ immer kürzere Ruhephasen haben. Das besserte deren Situation natürlich auch nicht. Die Abstände werden immer größer. Und beim Aufeinandertreffen der Gruppen gibt es immer wieder nicht so ernst gemeinte lustige Auseinandersetzungen. Wir liegen da so mittendrin, nicht so schnell wie die ersten aber auch nicht so lahm wie die letzten.

Waren es bisher meist Laubwälder, durch die wir wanderten, wird der Weg nun zunehmend von dichten hohen Nadelwäldern gesäumt. An der neuen Ausspanne trennen sich dann unsere Wege. Die Gruppe will hinunter nach Tambach – Dietharz.
Wegweiser an der neuen Ausspanne

Wegweiser an der neuen Ausspanne

Die neue Ausspanne kennzeichnet wiederum die Überschreitung des Kammweges durch eine alte Handelsstraße. Von einem Pass möchte ich bei diesen Höhen eigentlich noch nicht sprechen, obwohl in den Zeiten vor der Motorisierung Vorspanndienste nötig waren, damit die Kutschen von Schmalkalden her es den Berg hinauf schafften. Womit nun auch der Name dieses Platzes erklärt ist. Eine Postlinie von Nürnberg nach Leipzig wurde hier entlang bis ins 19. Jahrhundert betrieben. Hier reiste auch der Reformator Martin Luther von einer Tagung des Schmalkaldischen Bundes im Februar 1537 über den Kamm des Thüringer Waldes. Ein Steinleiden plagte ihn, wie auf einer Informationstafel steht. Ja, ja, der alte Luther, der war auch viel unterwegs. Und manchmal muss man glauben, dass er 150 Jahre alt hätte werden müssen um das alles zu bewältigen, wenn man die damalige Art des Reisens und die vielen Erinnerungsorte seines Wirkens sich vor Augen hält. (Ähnlich geht es mir übrigens mit Goethe.) An dieser Wegkreuzung gibt es heute statt Pferdeställen einen großen Parkplatz und wir finden (auch deshalb) einen geöffneten Imbiss vor. Der kommt gerade recht für zwei heiße Kaffee. „Viel ist heute hier nicht los!“, so die einzige Meinungsäußerung des wortkargen Imbissbetreibers. Wir sind froh, dass er trotzdem auf gemacht hat. Auch wenn es mich wundert, weshalb gerade so ein missmutiger Zeitgenosse sich ausgerechnet in einen Imbiss stellt, wo man doch da tagtäglich mit Menschen zu tun hat. Aber man kann es sich im strukturschwachen Thüringer Wald nicht raus suchen. Oder es ist ihm gerade an diesem Morgen eine Laus über die Leber gelaufen.

Auf dem weiteren Weg fallen uns Schilder auf, die nicht auf die übliche Weise, also als grüner Schilderwald auf geschälten und lackierten Baumstämmen in der Gegend stehend. Die offensichtlich von Naturschützern aufgestellten Schilder wiesen darauf hin, dass es nach dem Willen der Landesregierung hier bald nicht mehr so idyllisch im Naturschutzgebiet aussehen wird. Denn man will ein riesiges Pumpspeicherwerk bauen und man befürchtet unumkehrbaren Schaden durch die Bauarbeiten und die errichteten Anlagen. Es ist für uns schwer vorstellbar, dass hier Baustraßen den Weg kreuzen sollen oder Bagger den Waldboden aufreißen. Nüchtern betrachtet muss man aber zugestehen, wo macht ein Pumpspeicherwerk sonst Sinn, wenn nicht in einem Gebirge? Ob es dann aber unbedingt am Rennsteig, einem der bekanntesten und meist begangenen Wanderweg sein muss? Ich wette, da fänden sich noch andere Varianten. Doch die Lobby der Energieriesen wird schon wissen, mit welchen Mitteln man so ein Projekt gegen der Willen der Anwohner und der Naturschützer durchsetzt.
Es sind nun nur noch 14 Kilometer bis nach Oberhof und so mache ich die ersten Versuche, meinen Freund in Suhl telefonisch zu erreichen. Er soll uns am „Rondell“, einer Straßenkreuzung bei Oberhof abholen. Ich habe auch ein paar Varianten gesucht, wie man zu Fuß vom Rennsteig nach Suhl kommen könnte. Das würde aber bedeuten, dass wir an diesem Tag aber über 40 Kilometer laufen müssten. Für uns wäre das heute, auch in Anbetracht des miesen Wetters einfach zu viel.
An der Schmalkalder Loipe solle es eine gute Aussicht in den Kanzlersgrund mit Oberschönau und auf die Gipfel des Dolmar und des Hermannsberg geben. Aus den bekannten Gründen heute leider nicht.
Ausblick Richtung Oberschöna

Ausblick Richtung Oberschöna

Kurz vor dem Genzadler dann doch noch ein paar Ausblicke in Richtung Oberschönau und Steinbach – Hallenberg. Und ich glaube auch einige blaue Stellen zwischen der grauen Wolkensuppe zu erkennen – ein Lichtblick für das Wochenende bei unseren Freunden, bei denen wir ja nicht den ganzen Tag im Haus verbringen wollen. Als wir dann auf die ersten asphaltierten Skirollerstrecken treffen, wissen wir, dass es nicht mehr weit ist bis zum Wintersportort Oberhof. Die Gebäude auf dem Gelände des Olympiastützpunktes tauchen rechts von uns aus dem Wald auf, nachdem wir mehrere solche Rollerstrecken gekreuzt haben. Auf großen Schildern wird immer wieder vor den trainierenden Sportlern gewarnt. Der Name Grenzadler rührt von den preußischen Grenzsteinen her, auf denen der Preußenadler zu erkennen ist. Ja bis hier hin hatten die Preußen mal was zu sagen. Heute bestimmt hier der Leistungssport was läuft.

Schilderwald am Genzadler

Schilderwald am Genzadler

Riesige betonierte Flächen mit Parkplätzen, die mit ihren Leitsystemen an Flugplätze erinnern, künden von der Nähe der DKB Ski Arena. Hier finden alljährlich die Weltcup – Rennen im Biathlon statt. Auch eine Weltmeisterschaft, gab es hier in dieser Sportart 2004. Da wurde natürlich mächtig aufgerüstet. Auch die Skisprung – Schanzen, die Rennrodel- und die Bobbahn sind weltbekannt. Oberhof ist nach Erfurt und Weimar die am meisten besuchte Stadt Thüringens. Die Massen wollen natürlich untergebracht und verpflegt werden. Und sie müssen natürlich Platz für ihre Autos finden. Das ist die Kehrseite der Medaille, denn so richtig schön sieht das hier oben heute im und um den staatlich anerkannten Luftkurort Oberhof  nicht mehr aus. Also schnell weiter, das Ziel ist nah. Man kann ja nicht von jedem verlangen, dass er wir wir zu Fuß von zu Hause hier her läuft.

die Zielgerade

die Zielgerade

Die Zielgerade besteht noch einmal aus einem langen schweißtreibenden Aufstieg, dem bis zum Rondell aber ein entspannendes leichtes Gefälle folgt. Der Verkehrslärm auf der stark befahrenen Schmalkalder Straße ist schon von Weitem zu hören. Sie führt in Serpentinen von Oberhof kommend über Zella – Mehlis hinunter nach Suhl. Früher quälte sich mein Trabbi ab Luisenthal die Katzenkopf – Pflasterstraße hinauf. Hinunter nach Suhl wurden dann immer die Bremsen heiß. Das war immer ein echter Höhepunkt auf der Strecke und eine Herausforderung für die 26 PS, die unter der Duroplast -Haube lautstark ihr Werk verrichteten. Heute kaum noch vorstellbar. Die 240 Straßenkilometer von zu Hause bis hier her bedurften damals immer einer intensiven Vorbereitung der „Pappe“. Fast so wie eine Wanderung zu Fuß hier her.

angekommen - das Rondell bei Oberhof, das Ende unserer Wanderung

angekommen – das Rondell bei Oberhof, das Ende unserer Wanderung

Angekommen auf dem Parkplatz am Rondell, warten wir nun auf das Eintreffen meines Freundes und beobachten dabei das Gewimmel von Touristen aus Bitterfeld (so stand es jedenfalls auf dem Bus, mit dem sie ankamen) um zwei mit Kaltblütern bespannte Kutschen. Die haben sich die Ausfahrt sicher auch anders vorgestellt. Die Planwagen sind mit Folien vor dem Regen geschützt und man sieht sicher gar nichts von der Umgebung, Doch ich glaube, da ist viel Alkohol im Spiel. Die Truppe versucht gerade sich den Tag schön zu saufen. Und so fahren die Leute mit überschwänglicher aber für uns kaum erklärbarer Fröhlichkeit an uns vorbei und verschwindet in Richtung Schmücke. Wenig später taucht dann auch Moni, die Frau meines Freundes auf, um uns abzuholen. So richtig glaubt sie es immer noch nicht, dass wir von zu Hause hier her gelaufen sind und hält Ausschau nach unserem Auto. Doch der Parkplatz ist leer.

„Was wollt ihr morgen unternehmen?“ fragt sie “ alles nur nicht viel laufen!“ so meine Antwort, sicher verständlich nach der Strecke. Insgesamt sind wir etwa 370 Kilometer gelaufen und haben nun eigentlich erst mal genug davon. Doch das ist nur ein augenblicklicher Zustand, denn die Lust am Wandern ist meist wenig später sehr schnell wieder da.
Das Wetter besserte sich am nächsten Tag, ja es wurde sogar richtig schön und warm. Ein Ausflug zum Kloster Veßra, den ich nur wärmstens empfehlen kann, rundete unseren Aufenthalt in Thüringen ab. Hier hat man viele historische Gebäude, die in Orten aus der Umgebung abgetragen wurden wieder aufgebaut und so ein sehr authentisches Museum über die ländliche Lebensweise geschaffen, wirklich sehr sehenswert.
Klosteranlage Veßra

Klosteranlage Veßra

So, das soll es wieder mal gewesen sein. Ein Resümee des Weges hatte ich ja schon einmal in Eisenach gezogen. Die Erfahrungen und Eindrücke führten jedenfalls dazu, dass wir uns vorgenommen haben, auch einmal den Rest, bzw. den Anfang des Weges von Görlitz bis nach Hause in Angriff nehmen zu wollen.
Auch dann werde ich höchstwahrscheinlich meine Eindrücke hier nieder schreiben.
Bis dahin bitte ich bei allen Stammlesern um etwas Geduld.
Ich wünsche allen, die in der Zwischenzeit ebenfalls vorhaben, einen Pilgerweg unter die Füße zu nehmen und vor allen jenen, die durch meine Zeilen etwas dazu animiert worden sind, einen
 
Buen Camino!
 
 

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