Camino Primitivo 9. Tag 14.9.2012 Grandas de Salime – Fonsagrada/Padron

ein "Nebelbogen"

ein “Nebelbogen”

Der Morgen ist kalt und die ersten Kilometer wandern wir durch eine graue Suppe. Als wir die Landstraße endlich verlassen können und der Weg weiter über einen schmalen Pfad führt, hellt es plötzlich auf. Wir sind raus aus den Wolken, die hinter uns im Tal hängen. Ich bemerke vor uns eine Erscheinung, die ich so noch nie gesehen habe. Ich nenne sie mal Nebelbogen. Gleich einem Regenbogen nur ohne Farben spannt sich der weiße Bogen vor uns über den Feldern auf. Das sieht völlig unwirklich aus. Ich versuche die Erscheinung trotz des geringen Kontrastes aufs Foto zu bannen. Und ich glaube, es ist einigermaßen gelungen.

Ganz unten das Video zur Etappe !

 

Herberge in Castro

Herberge in Castro

Bald haben wir Castro erreicht. Die hiesige Jugendherberge ist gleich am Ortseingang in einem romantischen Granitsteinhaus untergebracht. Die Fotos mit dem Haus im teilweise mit Sonne durchfluteten Nebel sind sehr mystisch geworden. In Castro befindet sich am Ortsausgang rechts vom Weg eine große Ausgrabungsstätte. Hier wird eine mittelalterliche Burg aus dem 8. Jh. ausgegraben, das Castro del Chao Samartin. Leider haben wir keine Zeit uns dieses näher anzusehen. Sie öffnen erst um 11 Uhr.

Wir wandern weiter über Wald- und Feldwege, vorbei an einer kleinen Kapelle bis wir auf die AS 28 treffen. Auf ihr entlang gehen wir dann immer weiter ansteigend bis nach Penafuente.

Aufstieg zum Alto de el Acebo

Aufstieg zum Alto de el Acebo

Schon hier auf etwa 860 Metern Höhe erblickt man das Schauspiel, welches uns dieser Morgen beschert: Ein strahlend blauer Himmel und von der Sonne glänzende Berggipfel, die Inseln gleich, sich aus einem Meer aus Wolken erheben. Die Sonne bleicht die Wolkensuppe schneeweiß, so dass sich die dunklen Berge noch stärker abheben. Es sieht wirklich aus wie ein weißes Meer mit vielen kleinen Inseln. Auf einigen dieser Inseln drehen sich Windräder, einige sind bewaldet und einige völlig kahl. Je höher wir steigen, desto eindrucksvoller wird dieses Bild. Man kann hineinschauen in die Buchten der Wolkensuppe und sieht hinweg über einen Berg, der sich vor einer Stunde noch neben einem auftürmte.

die Grenze zu Galicien

die Grenze zu Galicien

Ohne Schweiß kein Preis! Doch nur noch ein steiler Anstieg bis zu einem mit Windkrafträdern gespickten Höhenzug, dann haben wir den Pass „Alto del Acebo“ und damit die Grenze zu Galicien erreicht. Ein schmuckloses Steinrelief und eine Linie aus Steinen über den Weg kennzeichnen diese Stelle. Wir schauen hinein nach Galicien und stellen fest, dass es dort auch nicht anders aussieht, das gleiche Wolkenmeer mit heraus schauenden Bergkuppen. Weit in der Ferne sehen wir schon unser Ziel Fonsagrada. Bis dorthin sollte aber noch eine Menge Zeit vergehen und es sind noch viele Schritte nötig, um dort hin zu gelangen. Andrea kommentiert diese Grenze nur so: “Ist mir schei… egal, wie das Land hier heißt. Ich habe hunger!” Sie glaubt mir wieder mal nicht, dass es nicht mehr weit ist bis zur nächsten Bar. Vielleicht habe ich auch zu oft geflunkert, wenn sie mich danach gefragt hat. Sie kennt mich eben.

das erste Haus in Galicien - eine Bar :)

das erste Haus in Galicien – eine Bar 🙂

Aber ich hatte es genau recherchiert: Das erste Haus in Galicien nach dem Pass ist eine Bar. Ich hoffe nun nur nach, dass sie geöffnet ist, damit sich Andrea wieder beruhigt. Zum Glück ist sie offen. Wir setzen uns auf die Plastikstühle, die mitten auf dem Parkplatz stehen, trinken Kaffee und Cola und essen unsere Reserven aus dem Rucksack auf. Der Wirt serviert uns ein paar Häppchen Weißbrot mit gebratenem Fleisch. Es wird Zeit, dass wir unser weiteres Vorgehen beraten.

Die Herberge in Fonsagrada / Padron ist nicht gerade groß und so haben wir etwas Sorge um unsere Unterkunft. Außerdem ist Andreas Rücken immer noch nicht besser geworden. Wie auch, die ständige Belastung und als Schmerzmittel hat sie nur ein paar homöopathische Drops, die wir mit Jürgens Hilfe in einer Farmacia in Grandas de Salime bekommen haben. Andrea muss auf die meisten Schmerzmittel verzichten, da sie regelmäßig Blutgerinnungshemmer nehmen muss. Nach dem Ausschlussverfahren blieben da nur die „Dropse“ übrig. Na vielleicht helfen sie bis Weihnachten. Und so beschließen wir, trotz Kenntnis der Tatsache, dass man die Betten in staatlichen Herbergen nicht für andere belegen darf, uns zu trennen und dass Jörg und ich voraus gehen, um trotzdem zu versuchen, genügend Betten zu organisieren. Und wenn wir nur zwei bekämen, wäre das auch nicht so schlimm. Für solche Fälle hatten wir zwei ja Isomatten mitgenommen. Dann könnten wenigstens die Frauen in den Betten schlafen.

Foncagrada in Sicht

Fonsagrada in Sicht

Teilweise über Waldwege oder breite Schotterpisten neben der Straße zieht sich die restliche Strecke enorm in die Länge. Und da ist sie auch wieder, die gefürchtete 14 Uhr Hitze! Der letzte Anstieg vor Fonsagrada ist besonders schlimm für mich. Denn meine Wasserflasche ist leer. Jörg habe ich schon lange aus den Augen verloren. Er hat unsere Pilgerpässe bei sich. Seine Beine sind mindestens 1,5 mal so lang wie meine und er ist deshalb auch viel schneller. Wir hatten vereinbart, dass er nicht auf mich wartet. Das würde unsere Chance auf ein Bett weiter schmälern. Dass das hier auf dem Primitivo nun auch mit der Bettenrennerei los geht, enttäuscht mich sehr. Und ich komme da auch nicht raus aus meiner Haut und mache mir so meine Sorgen, wo wir diese Nacht bleiben können. Gegen die jungen Spanier haben wir keine Chance und im Dunkeln losrennen wäre noch schlimmer fürs Gemüt.

Fonsagrada

Fonsagrada

Fonsagrada türmt seine hässlichsten Fassaden als eine Art Wohnwand neben mir auf, als ich endlich das Ziel vor Augen habe. Nein, das was ich von diesem Ort sehe, ist wahrlich keine Schönheit. Aber bitte lass mich ein Nachtlager finden! Padron ist ein Ortsteil von Fonsagrada und liegt etwa 1 Kilometer hinter dem Ort. Es ist ein kleines Dorf, an dessen Rand sich die Herberge in einem uralten Haus befindet. Die Horpitalera begrüßt mich freundlich in dem sehr rustikalen Aufenthaltsraum. Es wird spannend, als sie ihr Buch in die Hand nimmt. Doch da lese ich schon unsere Namen. Sie will nur wissen, welcher von den Nachzüglern ich bin. Sehe ich schon aus wie eine Frau? Ich mache mir ernsthafte Sorgen. Nachdem ich die Schuhe und Stöcke abgestellt habe, steige ich in Socken die knarrende Holzstiege empor. Hinter der ersten Tür, die ich mittels eines sehr mittelalterlich anmutenden Verschlusses öffne, wartet Jörg, der bereits geduscht ist. Der muss ein ganz schönes Tempo vorgelegt haben! “Man, das hat geklappt! Wir haben sogar ein vierer Zimmer!” Alle Sorgen waren umsonst. Aber lieber so herum, als dass man sorglos vor der vollen Herberge steht, denke ich mir noch so. 1.5 Stunden später treffen dann auch mit hochrotem Kopf die Frauen ein. Sie sind ebenso erleichtert, solch eine nette Unterkunft bekommen zu haben.

Abendessen in der Herberge Padron

Abendessen in der Herberge Padron

Nun haben wir nur noch ein Problem, das Essen. Es gibt in der Herberge nur einen Snack- und Getränkeautomaten. Von der Tanke in Fonsagrada hatte ich schon Wasser und Bier mitgebracht, jedenfalls so viel ich noch außer mir und meinem Rucksack tragen konnte. Jörg und ich erklären uns bereit, noch einmal zurück in den Ort zu gehen. Zurück auf einem Pilgerweg! – wo gibt es denn sowas? Pilger sind lauffaul, habe ich im Forum mal gelesen. Und das stimmt in gewisser Weise. Alles was rechts und links vom Weg abzweigt ist tabu – aber nun auch noch zurück? Es bleibt uns nichts weiter übrig und außerdem sind wir ja am Zielort und da gilt die Regel nicht so streng. In einem Supermercado bekommen wir alles, was wir für heute Abend und den folgenden Tag brauchen, inklusive einem großen Wasserkanister. Das Trinkwasser aus dem Hahn kann man in Spanien zwar überall bedenkenlos trinken aber es wird eben sehr stark gechlort. Und wenn man dieses Wasser dann den ganzen Tag in der Flasche mit schleppt, schmeckt das nicht wirklich gut. Als Notbehelf kann man aber unterwegs auch Leitungswasser trinken.

Mit den Plastikbeuteln und dem Kanister an den Händen ist der Weg nach Padron noch einmal so weit.

Andrea und Jana haben sich inzwischen ganz gut erholt und so können wir uns gemeinsam mit Philine und Jürgen, die ebenfalls hier eingetroffen sind, das Abendessen schmecken lassen.

Hier das Video zur Etappe (aus lizenzrechtlichen Gründen leider ohne Hintergrundmusik):

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