West Highland Way 2015 Kingshouse Hotel – Kinlochleven

Stob Dearg am Morgen

Stob Dearg am Morgen

So ist das, wenn man so zeitig ins Bett geht. Man ist auch sehr früh wieder wach. Um drei Uhr wird es bereits hell. Andrea schaut aus dem Fenster und glaubt ihren Augen nicht zu trauen. Da steht ein Rudel Hirsche in mitten der Zelte, die am Ufer des River Etive aufgebaut sind. Doch für´s Aufstehen ist es wirklich noch viel zu früh. Also legen wir uns noch mal hin. 8:30 Uhr gibt es Frühstück. Und es gibt doch tatsächlich zwei am Tisch, die eine Schüssel Porridge bestellen – Wähh! Die Bedienungen flitzen um die Wette und versuchen allen alles Recht zu machen. Der Speiseraum ist gut gefüllt und einige sind nicht ganz so geduldig wie wir. Ich muss da mal eine Lanze brechen für die Leute hier in diesem Land: Wo wir hin kommen, treffen wir auf äußerst gastfreundliche Menschen. Man ist sehr geduldig mit uns, wenn wir nicht gleich alles verstehen und zur Not liest man uns unsere Wünsche von den Augen ab. Man fühlt sich überall willkommen, was das Erlebnis West Highland Way auf sehr angenehme Weise abrundet.

Hier der Link zum GPS Track dieser Etappe auf GPSies: Klick

Morgennebel über dem Rannoch Moor

Morgennebel über dem Rannoch Moor

Der West Highland Way ist aber auch und gerade in diesen einsamen Gegenden der Highlands ein Wirtschaftsfaktor. Wie auch an vielen anderen Weitwanderwegen hat sich eine Infrastruktur für Wanderer gebildet, die vielen Menschen in Lohn und Brot bringt. Die vielen Schilder an den Unterkünften, die dem Wanderer signalisieren, dass alles bereits belegt ist zeigen aber, dass der Bedarf an Herbergen noch wesentlich höher ist. Ob eine noch höhere Dichte an Übernachtungsmöglichkeiten und damit auch an Wanderern dem Weg gut tut, wage ich jedoch anzuzweifeln. Noch empfinde ich ihn nicht als überlaufen.

 

das Kingshouse Hotel

das Kingshouse Hotel

Mich haben Fragen erreicht, ob am WHW das Wildcampen möglich ist – ja und nein. Schottland ist eines der wenigen europäischen Länder, in denen wie z. B. auch in Norwegen das Jedermanns – Recht gilt. Damit kann man eigentlich überall im Land sein Zelt aufbauen, wenn man damit keine privaten Rechte verletzt. Und hier liegt der Grund, warum wildes Campen am West Highland Way problematisch ist. Denn dieser führt sehr oft über private Grundstücke. Ob der Besitzer dort das Campen erlaubt, ist meist nicht erkennbar. Vereinzelt sah man Verbotsschilder, verständlich, wenn man sieht, was so mancher Camper hinterlässt, wenn er am Morgen vom Platz verschwindet. Wer sicher gehen will, nutzt die vielen Campingplätze am Weg mit ihren sozialen und sanitären Einrichtungen.

ringsherum Hirsche

ringsherum Hirsche

Auch an den größeren Unterkünften gibt es ausgewiesene Plätze, wo man zelten kann. Man muss aber um Erlaubnis fragen und darf die sanitären Einrichtungen der Hotels nicht benutzen. Das lässt sich sicher umgehen, wenn man die gastronomischen  Einrichtungen der Hotels besucht. Es ist wie überall: Fragen kostet nichts! Also auch auf mancher Farm lässt sich sicher ein Platz für ein Zelt finden, wenn man höflich fragt. Die Schotten sind wie schon betont ausgesprochen gastfreundlich. Im Nationalpark Loch Lomond ist wildes Campen generell verboten. Doch auch hier sahen wir gut getarnte Wildcamper. Die Strafen, wenn man erwischt wird, sind jedoch empfindlich. Und zum Schluss der Erklärung noch ein Appell: Leute nehmt euren Müll mit! Hin getragen habt ihr ihn ja auch! So viel dazu.

Brücke über den River Etive

Brücke über den River Etive

Inzwischen sind wir auch mit dem Frühstück fertig und verlassen den Ort nach Norden über eine schöne alte Brücke, die den River Etive überspannt. Der Nebel, der am frühen Morgen über dem Rannoch Moor und im Glen Coe lag, ist verschwunden. Uns erwartet ein weiterer strahlend schöner Tag. Etwa einen Kilometer hinter der Brücke muss man sich entscheiden, ob man die A 82 kreuzt und dem Etive River unten am Talgrund folgt oder an der rechten Flanke des Glen Coe weiter oben in Richtung Nordwesten geht. Wir entscheiden uns für die Variante weiter oben. Diesen Weg benutzen die meisten, wodurch man den unteren am Fluss nicht so gut finden soll. Fast eben verläuft der Weg parallel zur A 82.

Weg am Eingang des Glen Coe

Weg am Eingang des Glen Coe

Doch keine Angst, die Straße ist genügend weit weg, als dass der Verkehrslärm nerven könnte. Erst kurz vor Devil´s Staircase laufen wir ein kurzes Stück direkt neben der gut befahrenen Straße. Hier macht das Glen Coe an seinem höchsten Punkt einen leichten Knick nach links und führt weiter in Richtung Glencoe Village. Auf der gegenüber liegenden Straßenseite gibt es einen Parkplatz, den viele Tagesausflügler nutzen, um ebenfalls auf den Pass von Devil´s Staircase zu gehen. So sind wir bei Leibe nicht allein, als wir den schweißtreibenden Aufstieg angehen. Mit jedem Meter höher, nach jeder Haarnadelkurve wird die Aussicht faszinierender.

auf der Devil´s Staircase

auf der Devil´s Staircase

Die Verschnaufpausen werden mit zunehmender Höhe aber auch  immer häufiger. Und immer häufiger nutze ich dann die Gelegenheit zur Kamera zu greifen, um ja nichts zu verpassen.
Passhöhe von Devil´s Staircase

Passhöhe von Devil´s Staircase

Die Passhöhe auf 550 Meter Höhe ist durch einen Steinhaufen gekennzeichnet. Wir haben gerade einen Aufstieg von 360 Höhenmetern bewältigt. Das klingt nicht sonderlich viel. Aber das Stück ist recht steil und sehr steinig. Hier oben sehen wir, wie einige Tagesausflügler noch nicht genug haben und nach links auf den Stob Mhic Mhartuin abbiegen. Dieser ist 706 Meter hoch und soll einen noch schöneren Ausblick bieten. „Wenn wir einmal hier sind!“ sage ich laut. Und meine das wirklich im Ernst. Die Frauen wollen jedoch lieber hier bleiben und auf uns warten. Auch Steffen bekommt beim Aufstieg auf einem fast nicht erkennbaren Weg ein paar Bedenken. Ich stapfe weiter stoisch voran, und bemühe mich, nicht all zu sehr zu schnaufen. Mit uns zusammen steigt eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern nach oben. Während das Mädchen getragen wird, läuft der kleine, höchstens 5 jährige Junge vor seinem Vater her. Ich hebe den Daumen, als sie uns passieren. „Good Boy“ meint stolz der Vater. Na da werden wir uns doch nicht die Blöße geben und umkehren, nur weil es in der Lunge etwas pfeift?“ Ist nicht mehr weit!“ versuche ich die Motivation zu heben. Und wirklich – eine letztes Steilstück und wir stehen auf dem Gipfel – Plateau. Leute! Wenn ihr hier vorbei kommt und die Sicht einigermaßen gut ist, steigt hier noch hoch! Es lohnt sich wirklich. Was für ein Panorama! Hier können nur Bilder sprechen. Hier versagt mein Geschreibsel:

Panorama vom Gipfel des Stop Mhic Mhartuin

Panorama vom Gipfel des Stop Mhic Mhartuin

 

Blick hinunter zum Rannoch Moor

Blick hinunter zum Rannoch Moor

 

Ben Nevis

Ben Nevis

 

Staumauer des Blackwater Reservoir

Staumauer des Blackwater Reservoir

 

dort geht es hinunter nach Kinlochleven

dort geht es hinunter nach Kinlochleven

 

auf dem Gipfel des Stob Mhic Mhartuin

auf dem Gipfel des Stob Mhic Mhartuin

Zur Feier des Aufstiegs gönnen wir uns einen Whisky (das muss ich mir zu Hause wieder abgewöhnen!) und Steffen steckt sich ein Zigarillo an. (Das habe ich mir bereits abgewöhnt.) Wir sitzen noch eine Weile nebeneinander auf einem Stein und genießen die Aussicht, bevor wir den Abstieg in Angriff nehmen. Dieser Abstieg ist heftig, denn er geht vom Pass aus gleich weiter in Richtung Kinlochleven. Der Ort liegt tief unten im Tal auf Meereshöhe. Der Loch Levan hat direkte Verbindung zur Irischen See. Etwas weiter unten, wir sehen bereits den Ort, machen wir an einer windgeschützten Stelle noch einmal eine längere Rast. Ich sage nur „Bananen“! Die verfärben sich bereits dunkel und müssen weg.

Schotterstraße nach Kinlochleven

Schotterstraße nach Kinlochleven

Etwa 3 Kilometer vor Kinlochleven geht der steinige Weg in eine breite Schotterpiste über. Diese ist nun noch steiler, was ganz schön in die Beine geht. Am Ortseingang gleich hinter einem ehemaligen Aluminiumwerk kommen wir am Blackwater Hostel and Campsite vorbei. Hier können wir mal einen Blick in solch eine runde Holzhütte werfen: Zwei Betten, eine Mikrowelle und ein kleiner Kühlschrank – sehr nett. Das Aluniniumwerk auf der anderen Seite wurde bereits im Jahr 2000 geschlossen und in einen Buisenes Park umgebaut. In der großen Maschinenhalle, die stehen gelassen wurde, befindet sich eine Eis- und Felskletterwand.

Unterkünfte des Blackwater Hostel und Campsite

Unterkünfte des Blackwater Hostel und Campsite

Die Eiswand ist die größte ihrer Art weltweit. Trotz dieser Bemühungen, nach der Schließung des größten Arbeitgebers einige Arbeitsplätze zu erhalten, macht der Ort den Eindruck, dass es hier einige soziale Probleme gibt. Die Leute, die hier vor den Reihenhäusern sitzen, passen so gar nicht zu dem Bild, welches sich bisher über die Einwohner der Highlands in mir verfestigt hat. Irgendwie passt hier was nicht zusammen. Die Fassaden der Häuser sind zwar freundlich hell und sehen aus wie frisch gestrichen. Die Vorgärten sind zum Großteil jedoch verwahrlost und einige Häuser stehen leer.

in Kinlochleven

in Kinlochleven

Die, die hier nichtstuend draußen vor dem Haus sitzen, scheinen nach der Schließung des Werkes auf der Strecke geblieben zu sein.

Wir verschwinden noch schnell in einem Supermarkt, um die Reserven aufzufüllen, ehe wir unsere heutige Unterkunft suchen. Diese ist ein B&B am Ortsrand und präsentiert sich als schickes 2 stöckiges Gebäude auf einem kleinen Hügel. Ein Mann, der im Vorgarten werkelt, weist uns zum Eingang des Hauses. Dort öffnet Elzie, eine recht stämmige Frau, Anfang 60, die sofort eine überwältigende Herzlichkeit verströmt. Wobei ihr Englisch kaum zu verstehen ist.

Edencollie Guest House

Edencollie Guest House

Doch ihre Körpersprache sagt eigentlich alles. Sie bringt uns in unsere Zimmer und wir sind wieder überwältigt. Alles in diesem Haus ist mit viel Liebe und Detail – Verliebtheit eingerichtet. Ein riesiges, sehr hohes Ehebett beherrscht den Raum. Auf den Rüschendecken liegt nett eingepackt je ein Geschenk. „a Gift from Elzie“ steht rauf. Wir sind gerührt. Es klopft. Elzie steht mit zwei Obsttörtchen im Zimmer – ein kleines Willkommen. Wir sind sprachlos. Andrea muss mein Törtchen mit essen. es ist soo zuckersüß, dass mir die Zähne weh tun. Jetzt haben wir die Zeit, uns näher um zusehen.

bei "Elzie"

bei „Elzie“

Überall im Zimmer und im Haus stehen Körbchen mit Schokoladentalern. Und auf dem Flur ein Korb mit einer Auswahl an Leckerein nebst einer Kasse des Vertrauens. Das Haus ist eine einzige Versuchung für den, der Schokolade liebt. Elzie scheint dieser Versuchung recht oft zu erliegen. Im Salon stehen zwei große Körbe mit Obst. „Das muss alles alle werden bis morgen“ meint Elzie. In einem Anbau mit großen Fenstern entdecken wir den Frühstücksraum mit bereits gedeckten Tischen. Alles sieht aus wie aus Zuckerguss. In den Vitrinen, auf Simsen und auf den Fensterbrettern, überall im Haus stehen Porzellan Figuren – wahrscheinlich Elzie´s größtes Hobby, noch vor der Schokolade. Andrea bemerkt sofort, dass es im Haus nirgends auch nur ein Stäubchen gibt. Und das trotz der vielen Figuren, die überall im Haus stehen. In unserem Bad glänzen schwarze Fliesen mit Flitter Einlagen am Fußboden. Die Duschkabine sieht aus, als wäre sie gerade eingebaut worden. Nicht mal ein Wasserfleck ist zu sehen. Warum schreibe ich das so ausführlich? Weil es außergewöhnlich dort ist. Wir dachten, nach der Unterkunft in Drymen gibt es keine Steigerung – doch gibt es, hier im Edencoillie Guest House in der Garbhein Road in Kinlochleven. Draußen im Garten treffen wir auf ein deutsches Ehepaar, das ebenfalls begeistert ist von dieser Unterkunft.

im Salon

im Salon

Wir gehen am Abend noch mal in den Ort und kommen an der Post vorbei, die scheinbar schon vor längerer Zeit für immer geschlossen hat. Die kleine Kirche hätten wir gern mal von innen gesehen. Doch leider ist sie verschlossen. Das Industriemuseum wäre eine Variante – aber bei unseren Englischkenntnissen? Also tun wir das nahe liegende: Wir gehen essen. Das tun wir im Tailrace Inn, welches wir gleich hinter der Brücke über den Leven River finden. Wir sitzen draußen und genießen die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Morgen ist nun schon der letzte Tag auf dem West Highland Way und wir ziehen bereits eine erste Bilanz.

der Leven River

der Leven River

Wir sind vom Land, von der Natur und von den Leuten hier restlos begeistert. Dass Andrea und ich unsere Urlaube größtenteils zu Fuß verbringen, ist ja bekannt. Aber mich interessiert natürlich auch die Meinung unserer beiden Neulinge. Steffen würde am liebsten gleich noch mal, während Ines zwar auch begeistert ist, jedoch ihren Urlaub zukünftig doch lieber wieder etwas geruhsamer verbringen möchte. Es wäre ja schlimm, wenn jeder auf die gleiche Weise sich erholen und Urlaub machen möchte. Andererseits vertraue ich darauf, dass die Eindrücke erst mal etwas sacken müssen und die Schmerzen bald vergessen sind. Da verklärt sich vieles und man merkt erst mal, wie intensiv es ist, seinen Urlaub auf solch einem Weg zu Fuß zu verbringen und welche Nachwirkungen es bei den meisten hat. Viele werden wie wir zum „Mehrfachtäter“.

Morgen geht es nun wie gesagt auf die letzte Etappe. Und die wartet gleich mal wieder mit einem heftigen Aufstieg. Denn wo es lange bergab geht, geht es bald auch wieder bergauf. Das haben wir auf solchen Wegen schnell gelernt. Morgen sollen es auch mal wieder über 20 Kilometer sein. Die Wettervorhersage verspricht gutes.

Bis morgen!

Hier der QR Code zum GPS Track:

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