Via Regia 3. Tag 23.Mai 2012 Merseburg – Freyburg/Unstrut

DSC07726-001Zum Glück war in der Nacht das Viertelstunden – Geläut der Kirchturmuhr abgestellt, sonst wäre ich noch öfter in der Nacht wach gewesen. Das Klacken der Unruh (das Wort Ticken wäre hier zu harmlos gewesen) und die Mechanik des stummen Geläutes nervten aber trotzdem vor dem Einschlafen oder besser ständigen wieder – Einschlafen. Und so schön die Kühle im Raum noch am Tag war, wenn man von der Straße herein trat, so unangenehm wurde sie in der Nacht. Andrea brauchte noch zusätzliche Decken, die ich ihr barfuß über den Betonboden laufend, aus dem Vorraum zur Empore holte. Die Feldbetten knarrten lautstark, wenn man sich bewegte. Nein das war keine so gute Nacht. Und etwas unheimlich war es auch mitunter. Weil die Akustik des großen Raumes jedes kleine Geräusch verstärkt und es unmöglich ist dieses zu orten. Man hört und achtet dann auf jedes Knacken im Gebälk über der Kassettendecke, auf jedes Rascheln in den Ecken. “Sind hier Mäuse?” “Ja bestimmt!” In welcher Kirche gibt es keine?

 

Abmarschbereit in Merseburg

Abmarschbereit in Merseburg

6.30 Uhr – endlich aufstehen. Die Isomatte hat ihren Dienst erfüllt, in dem sie auch nach unten die Körperwärme nicht entfliehen ließ. So hat sich ihre Mitnahme nun schon mehrfach rentiert. Es sind einfache EVA – Schaum Matten, die nur 2 cm dick sind, nur 180 g wiegen und etwa 30€ kosten. Zur zusätzlichen Raum- und Gewichtseinsparung habe ich an den Matten dann noch die sinnfreien Ränder abgeschnitten und die Längen unserer Größe angepasst. Da wir beide nur an den Sonntagen gewachsen sind, konnten so nochmals etwa 50 g pro Matte und ein paar Zentimeter an Umfang der Rolle, die außen am Rucksack hängt, eingespart werden. (Nein wir sägen nicht auch noch die Zahnbürsten ab!)

Der Rucksack ist schnell gepackt. Alles da? Noch mal einen Kontrollblick in alle Ecken und schon haben wir die Kirchentür wieder von außen verschlossen. In der Bäckerei gibt es gleich das Frühstück und noch ein paar frische Semmeln für den Weg.

Der ist heute etwas länger und es sollte die anstrengendste Etappe auf unserer Strecke werden. Auf dem Weg aus der Stadt gibt es eine Umleitung wegen Brückenbauarbeiten. Durch die Beschreibung im Update des Pilgerführers, welches man sich vor Beginn der Wanderung noch einmal herunter laden sollte, finden wir die Strecke ohne Probleme. Vorbei am Bahnhof gehen wir durch einen sehr schön angelegten Park mit großen Wasserflächen. Nach Überquerung der B91 betreten wir den Tiergarten von Merseburg. Die Gehege sind einfach in den Park gebaut und man zahlt dafür keinen Eintritt. Der Garten ist völlig offen und viele fleißige Leute sind gerade dabei, neue Pflanzen auf den angelegten Beeten zu setzen oder einfach Ordnung zu machen. Der Garten macht einen sehr gepflegten Eindruck.

Feuchtgebiet hinter Merseburg

Feuchtgebiet hinter Merseburg

Dann verlassen wir die Stadt endgültig und wandern über eingewachsene Pfade durch eine Art Sumpf, die Geiselniederung. Hier sollte man lieber einen Mückenschutz auftragen, denn die Biester sind selbst am Morgen schon ziemlich lästig und sehr zahlreich. Wir versuchen durch schnelles Gehen und wildes um uns schlagen ohne Stiche durch zu kommen, was fast gelingt. Am Ohr hat mich doch eine erwischt. Dann betreten wir einen schnur geraden Beton – Weg, der bis nach Frankleben führt. Au Backe, bereits jetzt wird es schon heftig warm, so ohne Schatten. Was soll das erst am Nachmittag werden? Wir haben erst höchstens drei von den 34 Kilometern hinter uns gebracht.

Vor Frankleben geht es über die A38 und man sieht das Dilemma, welches Frankleben heimgesucht hat. Der halbe Ort lebt im Schatten einer riesigen Lärmschutzwand. Aber Frankleben hat einen kleinen Lebensmittelladen (nur für die, die hier mal lang laufen wollen und gerade jetzt einkaufen müssen). Uns nützt der offene Laden leider noch nichts. Noch sind die Wasserflaschen fast voll und etwas zu Essen haben wir heute genügend eingepackt.

Runstädter See

Runstädter See

Bald hinter Frankleben erreichen wir den Runstädter See und den größeren Geiseltalsee, beides wiederum ehemalige Braunkohlen – Tagebaue. Zwischen diesen Seen verläuft die stark befahrene L178. Und auf dem parallelen Radweg gehen wir lange auf dem Asphalt geradeaus mitten im Verkehrslärm, bis endlich ein Wegweiser uns auf den Uferweg des Runstädter See verweist. Welch eine Erholung, trotz des immer noch andauernden Asphaltbelages. Man hört wieder die Vögel singen. Um den halben See muss man herum laufen, bis der Weg nach rechts abzweigt. Uns überholt kurz vor dem Abzweig ein recht sportlicher Radfahrer, der aber gleich Kehrt macht und uns wenig später nach kommt. Ich sitze gerade auf einem Grenzstein, um endlich den kleinen Felsen in meinem rechten Schuh los zu werden, der mich schon geraume Zeit ärgert. Als uns der Radfahrer, der wesentlich älter war, als er uns zunächst erschien ansprach: “Ich spreche jeden an und bin neugierig auf solche wie Euch. Ihr geht wohl diesen Pilgerweg?” sagt er etwas entschuldigend. Wir kommen gar nicht erst zu einer ausführlichen Antwort, denn der eigentliche Grund für sein Anhalten war, dass er etwas los werden wollte, nämlich seine gesamte Lebensgeschichte. Höflich, wie wir sind, hören wir gespannt zu. Na gut, ich tue erst mal wenigstens so. Aber aus seinen wilden Fahrradgeschichten, er hatte fast die ganze Welt mit dem Fahrrad bereist, klingt heraus, dass er kein Spinner sein kann. Seine Geschichten haben Zusammenhang und sind schlüssig. So gekonnt lügen können sonst nur Schriftsteller wie Karl May. Nun gut, ein wenig durch den Wind ist er schon. Doch die Erklärung folgt auf dem Fuß, übrigens ohne ihn gefragt zu haben. Er hatte in seinem Berufsleben mit Quecksilber zu tun und deshalb ein Nervenleiden davon getragen. Nur auf dem Fahrrad kommt er aus dem Alltag heraus und vergisst seine Unzulänglichkeiten und Schmerzen. Eigentlich will ich weiter, der Weg ist noch lang und es wird immer heißer. Aber irgendwie fesselt mich seine Geschichte, wie er Gelegenheitsarbeiten in den verschiedensten Ländern suchte und fand, um seinen Lebensunterhalt auf den Reisen zu bestreiten, wie und wo er seine Nächte verbracht hatte. Durch meine Interesse am Radfahren kenne ich mehrere solcher Typen, die die Welt per Pedale erobert hatten. Die versuchen aber nun daraus klingende Kasse zu machen mit verschiedenen Publikationen und Vorträgen. Dieser drahtige alte Mann versucht seine Erlebnisse dadurch an den Mann zu bringen, in dem er Menschen anspricht. Bestimmt wird er oft fassungslos allein stehen gelassen. Ich gehorche aber dem Anstand und meinem Interesse und bleibe sitzen, eine lange Zeit, eigentlich zu lange. Doch so spontan wie er auftauchte, ist er plötzlich wieder verschwunden. Lange unterhalten wir uns noch über diesen Mann, obwohl wir doch eigentlich gern eher still sind beim Gehen. Der hat uns imponiert.

Weg nach Rossbach

Weg nach Rossbach

So merken wir fast nicht, dass wir den Großkaynaer See ebenfalls schon lange hinter uns gelassen haben und nun auf Rossbach zusteuern. Der Weg führt zuerst leicht ansteigend und dann wieder bergab über weite Felder. Getreide so weit das Auge blickt. In der Ferne am südlichen Horizont steht eine Reihe Windkrafträder auf einer Anhöhe (Ich wage nicht von Berg zu sprechen aber für hiesige Verhältnisse geht es doch schon ziemlich bergauf dorthin.) “Da müssen wir noch hin heute” sind meine Worte. Sofort beginnt Andrea ihre Wasserflasche zu untersuchen. “Du, wir brauchen frisches Wasser!” Meine Flasche ist auch fast leer. Und so halte ich Ausschau nach einer Möglichkeit, diese aufzufüllen. Am Ortseingang von Rossbach sind auf einem Sportplatz eine Menge Leute dabei, ein großes Festzelt aufzubauen. Ein paar Karussells und Buden stehen auch schon. Hier soll am bevorstehenden Pfingstwochenende sicher ne Feier steigen. Wo körperlich arbeitende Männer sind, muss es auch was zu trinken geben – also hin. Aber auf meine Frage nach Wasser werde ich nur ungläubig angesehen. Oder liegt es an unseren Rucksäcken und an unserem Outfit, dass man uns so mustert? Ein Arbeiter schickt uns zu den Gauklern: “Die haben vielleicht was zu verkaufen!” “Nee, wir brauchen nur einen Wasserhahn mit Trinkwasser, den wird es doch im Sportlerheim geben oder?” so meine Antwort und Frage. Ich glaube, hätte ich nach ner Flasche Bier gefragt, würde ich schon längst eine in der Hand halten. So aber tut man so, als ob wir einen unmöglichen Wunsch geäußert hätten und jeder mied unsere Blicke. Nun wird es mir aber zu bunt. Ich – rein ins Sportlerheim. Hier muss es doch irgendwo einen Wasserhahn geben! Eine Frau läuft mir mit fragendem Blick über den Weg. Die scheinen alle hier in heller Aufregung zu sein und ich traue mich kaum sie anzusprechen. Aber zumindest sollte sie den Grund für meine Anwesenheit hier erfahren:”Ich suche einen Wasserhahn”. Sie führt mich in einen Waschraum mit vielen keinen Waschbecken. Verzweifelnd versuche ich die Flaschen unter den Hahn zu bekommen – geht nicht – fluche ich. Ich schnell hinterher hinter der Frau, die schon wieder verschwunden war. “Das geht nicht. Ich bekomme die Flaschen nicht unter den Hahn. Gibt es nicht eine Stelle, wo man sonst die Fußballschuhe abwäscht?” Ja, den gibt es, in einer Toilette. Das ist mir jetzt aber auch egal und ich fülle beide Flaschen mit Wasser. “Das hat aber lange gedauert” meint Andrea draußen. Und ich erzähle ihr die Geschichte. “Dass man in Deutschland schon nach Wasser betteln muss?” sagt sie scherzhaft. Auf die Idee mit den Wasserhähnen auf Friedhöfen kommen wir erst viel später.

Wieder zurück an der Kreuzung, wo wir den Weg verlassen hatten, finden wir den weiteren Verlauf sehr schnell wieder. Durch eine lang gestreckte Eigenheimsiedlung geht es zu einer Weggabelung an der ein Herbergsschild ganz deutlich nach links zeigt.

Siesta

Siesta

Wir stehen am Straßenrand auf einer frisch gemähten Wiese unter einem schattigen Baum. “Das ist eine schöne Stelle, um Mittag zu machen. Ich will sowieso in der Karte mal nachsehen, wie es hier weiter geht” Und schon sitzen bzw. liegen wir im Gras und packen unsere Lebensmittel aus. Die Karten habe ich auf dem Handy, welches aber schon im Schatten heute ganz schlecht ablesbar ist. Ein Bewohner eines schicken Eigenheimes kommt von gegenüber auf uns zu und meint, dass es früher hier unter dem Baum eine Bank gegeben hat und viele Pilger diese auch genutzt hätten. Aber irgend ein Taugenichts hat sie geklaut und nun müssen die Pilger auf der Wiese sitzen. “Ihr könnt aber zu mir rüber kommen und euch auf meine Bank setzen.” Wir lehnen dankend ab, denn seine Bank steht in der Sonne. “Braucht ihr irgend was? Wasser oder so?” – zu spät. Schade, wir hätten seine Hilfsbereitschaft gerne genutzt und ihm ein gutes Gefühl gegeben. Ich frage ihn deshalb dann noch nach dem richtigen Weg, obwohl ich ihn ja eigentlich schon kenne. Ja, meint er, an dieser Stelle verlaufen sich viele Pilger, da sie das Herbergsschild als Wegweiser deuten und das Muschelzeichen geradeaus fehlt. Und sie fragen dann auch nach dem rechten Weg, wenn sie ihren Irrtum in der Sackgasse bemerkt haben. Er deutet auf die Straße, die wir gekommen waren und meint:”Immer gerade aus, bergauf, an einer alten Fabrik vorbei bis zur B176, dort links und gleich wieder rechts durch den Ort Pettstädt. Ihr müsst Euch immer nach den Windrädern orientieren die oben auf dem Kamm stehen (siehste!? sage ich zu Andrea). An den Windrädern geht ihr entlang, bis ihr auf die alte Göhle trefft, das ist der Wand oberhalb von Freyburg. An der Napoleon – Eiche biegt ihr links ab und ihr seid bald in Freyburg.” Das klingt alles sehr gut und gar nicht mehr weit. Aber als ich auf die Frage, was “bald” bedeutet, zur Antwort bekomme: “Na etwa 15 Kilometer oder 3-4 Stunden”, lassen wir dann doch etwas die Ohren hängen.

Also los! Nüdsd doch nüschd! Wir verabschieden uns von dem netten Herrn und haben so erfahren, dass man diesen relativ jungen Pilgerweg schon wahrnimmt und es bereits Menschen gibt, die nicht fragend hinterher blicken, wenn man am Grundstück vorbei läuft und freundlich grüßt. Es geht nun wirklich merklich bergauf und bald taucht die alte Fabrik, die noch irgend was zu machen scheint und die Fernverkehrsstraße auf.
Anhöhe hinter Pettstädt

Anhöhe hinter Pettstädt

Hinter Pettstädt erreichen wir dann die Anhöhe mit besagten Windrädern, sechs Stück an der Zahl. Und wir hätten nie gedacht, dass Windräder so weit voneinander entfernt in der Landschaft stehen. Apropos Landschaft, von dieser Anhöhe hat man eine weite und schöne Aussicht ins Burgenland und hinüber nach Merseburg, das schon recht weit entfernt liegt. Die Schritte werden aber nun immer schwerer und das letzte Windrad scheint irgend jemand immer weiter weg zu versetzen. “Bis zur Göhle schaffen wir es noch, dann machen wir Pause”.

Pause unterm Apfelbaum

Pause unterm Apfelbaum

Wir schaffen es nicht. Schon 2 Kilometer davor steht ein sehr ein- und ausladender Apfelbaum, dessen Schatten uns förmlich zu Boden zieht. Das war jetzt bitter nötig! Doch lange halte ich es so rumliegend nicht aus. Wenn sich die Schmerzen gelegt haben, will ich weiter. Lange Pausen erzeugen nur eins, noch mehr Schmerzen. Und wenn mich da einer beobachtet, wie ich versuche aufzustehen, könnte er meinen, dass ich auf einem Ausflug der Einwohner der hiesigen Seniorenresidenz zu bin. Es dauert eine ganze Weile, bis sich die Gehstelzen wieder an ihre Pflicht erinnern und das machen, was sie sollen – laufen. Also entweder Pause nur ganz kurz oder richtig ausgiebig, das ist meine Erfahrung.

die alte Göhle vor Freyburg

die alte Göhle vor Freyburg

Endlich angekommen in der alten Göhle, versuche ich die beschriebene Stelle mit der Napoleon – Eiche zu finden und erwarte einen uralten üppigen Baum. Doch was ist das? Ein verkohlter Baumstumpf ragt aus der Erde und vor ihm ein Schild, dass die Eiche leider einem Blitzschlag zum Opfer fiel, ein Verein sich aber gewogen gefühlt hat, hier an dieser Stelle eine neuen Baum zu Pflanzen. Und da steht sie, die neue Napoleon – Eiche, ein Schwiepe (umgangssprachlich hier für dürres Holz), die bis auf die geringe Größe aber auch gar nichts gemein hat mit dem Feldherren, der fast ganz Europa erobert hatte. “Na die wächst ja noch.” Und um das zu beschleunigen gehe ich mal “pullern” (umgangssprachlich hier für kleine Notdurft). Erleichtert setze ich den Weg durch den sehr schönen Eichen- und Buchenwald fort. Alles trägt frisches saftiges Grün. Bei einem solchen Anblick mag ich den Frühling besonders und bin der Überzeugung, dass das für mich die beste Zeit ist für diesen Weg.

Blick auf Freyburg

Blick auf Freyburg

Noch über die B180 und dann geht es nur noch bergab bis in die Stadt. Und wie es bergab geht! In der Nähe des Berghotels “Zum Edelacker” verläuft entlang der Weinberge ein Fußweg mit vielen steilen Stufen zur Stadt hinunter. Nach über 30 Kilometern schmerzt da jeder Schritt doppelt. Aber man hat von hier oben eine herrliche Aussicht auf die schöne Stadt an der Unstrut. Wir kennen Freyburg recht gut, weil wir vor Kurzem erst einen Ausflug mit dem Heimatverein hier her gemacht – und an einer Führung durch die hier ansässige Sektkellerei Rotkäppchen teilgenommen hatten. Danach ging es damals noch in einen Weinkeller zur Verkostung – sehr empfehlenswert, die Besichtigung und natürlich auch der Wein. Freyburg liegt an der Unstrut in mitten eines vom Fluss geformten Talkessels. Der kalkreiche Boden und das Mikroklima an den Hängen ist seit Jahrhunderten ein Garant für erfolgreichen Weinanbau. Hier wird seit 1000 Jahren Wein gekeltert. Später dann begann man mit der Flaschengärung und man verlor, als das Modegetränk Champagner aufkam, einen Prozess um den Namen gegen das Weinanbaugebiet der Campagne. Seit dem heißt das prickelnde Getränk aus Wein, das unter Zusatz von Zucker in der Flasche vergoren wird, eben nicht Champagner sondern (für deutsche Zungen eh einfacher auszusprechen) – Sekt. Die Kellerei ist so erfolgreich, dass sie bereits einige namhafte Kellereien in ganz Deutschland aufgekauft hat. Es gibt viele Weingüter, die zu verschiedenen Anlässen und Feiern ihre Tore für Besucher öffnen oder in den zahlreichen Weinwirtschaften ihre Produkte verkosten lassen. Und das alles ist eingerahmt durch ein schönes mittelalterliches Stadtbild. Freyburg ist echt eine Reise wert. Nun, wir sind hierher sogar gelaufen und es ist viel erhebender, wenn man durch die Pforte einer Stadt zu Fuß tritt als dass man sie mit dem Auto auf er Suche nach einem Parkplatz durchfährt.

Blick über die Unstrut zur Neuenburg

Blick über die Unstrut zur Neuenburg

Wir sind nun aber auf der Suche nach unserer Unterkunft. In der Nähe des Bahnhofes gibt es die einzige Pilgerunterkunft in Freyburg. Die Familie Fiedelak, Betreiber einer Karosseriewerkstatt, empfängt hier die Pilger und bietet ein einfaches Zimmer mit zwei Stockbetten an. Man muss ja sehr dankbar sein, dass es Menschen gibt, die sich die Mühe machen und Unterkünfte für Pilger bereit halten. Ohne sie wäre ein solcher Weg nicht organisierbar, weil es die Pilgerzahlen nicht hergeben, dass der Verein oder die jeweilige Kommune dafür Sorge trägt, dass eine Herberge betrieben wird. Hier auf der Via Regia sind es meist Familien, Kirchenvereine, christliche Bildungsstätten oder Pfarrhäuser, die einen einfachen preiswerten Unterschlupf, wie ihn sich ein Pilger wünscht gewähren. Natürlich könnte man auch überall Pensionen oder Hotels buchen. Das ist aber erstens umständlich, weil man in Deutschland besser voraus bucht, zweitens wird das recht teuer und drittens, es vereinbart sich nach meiner Ansicht nicht mit dem eigentlichen Pilgergedanken, nämlich etwas Enthaltsamkeit vom täglichen Überfluss zu üben, um das wieder schätzen zu lernen, was einem sonst tagtäglich in den Schoß fällt.

Das Zimmer scheint früher eine Küche gewesen zu sein. So klebt noch eine Fliesenreihe an der Wand. Die Betten haben Aufkleber von einer LPG (für nicht Ossis – Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) und haben neben viel Rost auch noch etwas Farbe auf den Stahlgestellen. Mit all diesem Zustand habe ich absolut kein Problem, es ist trocken und ich habe ein Dach über dem Kopf. Aber was ich hier leider bemängeln muss, ist ein mangelhafter hygienischer Zustand. An den vorhandenen Küchengeräten sind dicke Schmutzränder, die wahrscheinlich noch von vor der Umnutzung als Pilgerunterkunft entstanden sein müssen. Der Mülleimer quillt über vom Abfall der Vorgänger. Wenn es nicht so ekelig wäre, würde ich auch noch beschreiben, was sich alles im Papierkorb in der Toilette befindet. Bitte nicht falsch verstehen: Ich mache da der Familie keinerlei Vorwürfe. Aber das muss doch den Pilgern auffallen und da kann man doch mal selbst Hand anlegen. Wir Deutsche zeigen doch so gerne mit Fingern auf andere Kulturen, weil da oft andere Vorstellungen von “Ordnung und Sauberkeit” herrschen. Hier kommen fast nur Deutsche durch und wir sollten uns jeder selbst erst mal an die Nase fassen, bevor wieder mal die Schuld bei den Anderen gesucht wird.
abends an der Unstrut

abends an der Unstrut

Wir packen hier nur das Notwendigste aus und verschwinden, nachdem wir die Mülleimer entleert haben in die Stadt. Heute gehen wir mal richtig Essen, kein Käse heute, keine gummiartige Semmel, die man den ganzen Tag im Rucksack hatte, kein Würstchen aus der Folie. Es wird heute griechisch. Das haben wir uns verdient. Wir gehen ganz gerne zum Griechen, auch zu Hause. Hier in Freyburg sitzt man am Ufer der Unstrut und schaut auf die Einfahrt zur Stadt und beobachtet die vielen Ortsfremden Autofahrer auf der Suche nach einem Parkplatz.

Hätten zu Fuß herkommen sollen! Rufe ich ihnen zu.

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