Via Regia 2. Tag 22. Mai 2012 Kleinliebenau – Merseburg

Was soll ich sagen, ich habe ausgezeichnet geschlafen. Die Sonne scheint wieder. Meinen Füßen geht es ganz gut und so machen wir uns nach einem kurzen Frühstück um 7 Uhr auf den Weg. Heute sind es nur 18 Kilometer bis Merseburg und der Weg verläuft laut Beschreibung häufig über Wiesen- und Feldwege und an Tagebau – Seen entlang. Gespannt sind wir beide auf die Unterkunft in Merseburg. Denn diese ist in der Neumarktkirche, direkt im Kirchenraum auf einer Empore unter gebracht. Das verspricht spannend zu werden.

auf ins Land der Frühaufsteher

auf ins Land der Frühaufsteher

Direkt nach Kleinliebenau verlässt man an der Autobanhunterführung unter der A9 den Freistaat Sachsen und wir sind nun in Sachsen Anhalt, dem Land der Frühaufsteher. Wer ist eigentlich auf diesen blöden Werbeslogan gekommen, der überall an den Autobahnen steht, wenn man die Landesgrenze zu Sachsen Anhalt überfährt? Was soll das suggerieren? Das alle anderen Langschläfer sind? Nun gut ein wenig Recht haben sie schon. Im Osten der Republik wird früher aufgestanden. Das sind jedenfalls meine Erfahrungen mit Arbeitskollegen, die aus den „gebrauchten Bundesländern“ kommen. Sie erscheinen etwas später und schauen dann etwas skeptisch, wenn man 15.30 Uhr das Haus schon verlässt, weil man bereits 6.30 Uhr da war.

Und so hielten wir es auch bisher auf unseren Pilgerwegen und überhaupt im Urlaub. Die Zeit ist viel zu kostbar, als dass man sie verschläft. Am Morgen ist man noch frisch und hat Tatendrang. Dieser lässt erfahrungsgemäß nach 14 Uhr bei mir schlagartig nach. Oder sollte das daran liegen, dass dann meist schon über 20 Kilometer in den Beinen sind?
Der Körper stellt sich auf seine Lebensgewohnheiten auf Dauer ein und da ich schon fast mein ganzes Leben um 6.30 Uhr aufstehe, bin ich auch im Urlaub um diese Zeit wach. Einen Wecker brauche ich kaum. Und warum soll ich mich dann noch im Bett rum wälzen, wenn draußen so ein Kaiserwetter ist?
Zum Glück denkt Andrea ähnlich. Sie ist zwar genetisch bedingt ein Morgenmuffel, was man ihr aber kaum vorwerfen kann – weil eben genetisch bedingt.
Horburg

Horburg

Und so sind wir auch heute schon zeitig auf den Beinen und laufen gerade durch Horburg, einem kleinen Ort direkt an der Autobahn, der mal richtig groß werden wollte. Denn der Kirchturm in diesem Dorf überragt den Rest mit gewaltigen Ausmaßen. In der Pfarrkirche wird die Horburger Madonna aufbewahrt, eine Skulptur, die der Werkstatt des berühmten Naumburger Meisters zugeordnet wird. Leider ist auch diese Kirche wie fast alle am Weg verschlossen.

Auenwald hinter Horburg

Auenwald hinter Horburg

Nach dem Ort läuft man parallel des Goseweges. Gose, das ist ein obergäriges Bier, welches in den Gosenschenken in Leipzig ausgeschenkt wird und besonders Menschen anzuraten ist, die etwas – na sagen wir mal – hartleibig sind. Ist nicht jedermanns Sache, meine übrigens auch nicht, in Leipzig aber Kult.

Doch zurück zum Weg:

Weiter geht dieser durch einen schönen Auenwald immer parallel zur Luppe über Dölkau nach Zweimen. Mist, hier ist die Brücke über die Luppe gesperrt. Ein rot/weißes Flatterband spannt sich an beiden Enden über den Weg. Zurück gehen? – NIE!!  Die Brücke hat wirklich ihre besten Tage lange hinter sich. Aber „so baufällig sieht die Brücke gar nicht aus!“ Und so kriechen wir unter den Bändern einzeln nacheinander hindurch, Andrea zuerst. Man kann ja nie wissen! Alles geht gut. Mich hält sie auch noch aus.Und gleich hinter der Brücke lassen wir uns zu einer kurzen Rast auf den aufgestellten Bänken nieder. Es fällt uns auf, dass man auch hier immer noch den Lärm der A9 hört und die schon lange hinter uns liegt.

 

am Raßnitzer See

am Raßnitzer See

Hinter Zweimen laufen wir über herrliche Wiesenwege bis zum Raßnitzer und Wallendorfer See. Auch das sind Restlöcher ehemaliger Braunkohlen – Tagebaue, die jetzt mit Wasser gefüllt sind und zum Baden und zum Angeln einladen. Man versucht es auch mit sanftem Wassertourismus. Was das auch immer bedeuten soll. Hauptaugenmerk gilt allerdings dem Naturschutz und der Umgestaltung eines Gebietes, das in früheren Jahren unter der Industrie schwer gelitten hat. Die blühenden Landschaften, die uns unser Altbundeskanzler mal versprochen hat, hier werden sie Wirklichkeit und das ist nicht ironisch gemeint. Wer so wie wir von Kindesbeinen an in einer Gegend gewohnt hat, die mit dem Wort Natur nicht mehr zu vereinbaren war und sich nicht vorstellen konnte, dass das mal je besser werden würde, freut sich über jeden See, jeden Baum und jeden Grashalm, der neben den ehemaligen Grubenstraßen wächst. Wer heute z.B. Bitterfeld, den Inbegriff für Dreck zu DDR – Zeiten sieht, wird seinen Augen nicht trauen. Wir wohnen in einem Ort, der wenn es nicht anders gekommen wäre, jetzt umringt wäre von Braunkohlen – Tagebauen. Ein Streifen von etwa 2 Kilometern wäre nach Süden Richtung Leipzig und nach Norden Richtung Bitterfeld „stehen“ geblieben – ein Horror diese Vorstellung. Diese Pläne lagen unter Verschluss und wurden erst nach der Wende der Allgemeinheit bekannt. Aus diesem Grund interessieren wir uns sehr für diese Gegenden, wo noch vor nicht all zu langer Zeit die Erde aufgerissen wurde für meist minderwertige Braunkohle.

 

Strand am Wallendorfer See

Strand am Wallendorfer See

In der Nähe von Wallendorf wurde ein sehr schöner Strand angelegt und es befindet sich ein ganz neuer Steg an diesem. Der kleine Abstecher dort hin hat sich gelohnt. Der nächste Ort ist Löpitz, von dem aus ein idyllischer Weg in Richtung B181 führt. Der Weg wurde laut aufgestellter Infotafel durch die EU und den Bund gefördert. Ob sich die Förderer jemals ansehen, was  hier mit dem Geld gemacht wurde? In schöner Regelmäßigkeit stehen eine Bänke am Wegesrand. So weit so gut. Daneben sind jedoch Fahrradständer einbetoniert, in denen die Fahrräder des ganzen Dorfes Platz finden würden, an jeder Bank wohlgemerkt. Nicht nur das es hässlich ist. Mich regt eine solche Geldverschwendung immer auf. Hätte man dagegen bedarfsgerecht gebaut und das übrige Geld dafür verwendet, das Gebaute über Jahre zu pflegen und erhalten zu können, wäre jedem mehr gedient. Aber Fördergelder müssen erst mal weg, sonst bekommt sie ein anderer. Jaaa, ich reg mich ja schon wieder ab.

schöner Weg hinter Löpitz

schöner Weg hinter Löpitz

Gerade weil es auf diesem Wegabschnitt so schön ist, fällt uns diese Verschwendung besonders deutlich auf. Da singen viele Nachtigallen und Amseln und aus den angrenzenden Sümpfen am Rande der Luppe dringt ein Froschkonzert an unsere Ohren. Welch ein Gegensatz – kurz vor Merseburg kommen wir aus dem Dickicht des Weges heraus und stehen auf einem asphaltierten Radweg der entlang der B181 gebaut wurde. Die armen Radfahrer! Zum Glück ist der Ortseingang von Merseburg nicht mehr fern und so laufen wir zügigen Schrittes durch den Vorort Meuschau, um gleich hinter der Brücke über die alte Saale zur Altstadt rechts ab zu biegen. Im Pilgerführer seht, dass der Schlüssel für die Neumarktkirche in der kurz davor befindlichen Bäckerei zu bekommen sei. Und so ist es dann auch. Kaum hat man die Neumarktkirche mit ihrem markanten Turm erblickt, steht man auch schon neben der Bäckerei. Die Verkäuferin weiß auch sofort, warum wir den Laden betreten haben und holt ein Büchlein raus, in dem wir uns mit unseren persönlichen Daten verewigen sollen, um den Schlüssel zu bekommen. Dieser hat einen großen Metallring an seinem Bund. „Der ist wohl schon mal mitgenommen worden in der morgendlichen Hektik?“ Hektik!! Die waren wohl noch nicht in Spanien, morgens 7 Uhr in Roncesvalles oder Burgos oder Portomarin oder oder…. Da verbreiten Einige Hektik und Andere lassen sich anstecken. Hier ist man sehr einsam und kann seinen Tagesablauf höchst selbst gestalten. Das macht sehr, seehr ruhig.

Neumarktkirche St. Thomae Merseburg

Neumarktkirche St. Thomae Merseburg

Zusammen mit dem großen Schlüssel gehen wir noch die paar Schritte und betreten den dunklen kühlen Kirchenraum, nachdem sich uns eine dicke schwere Tür öffnete. Schön kühl! Das ist mein erster Gedanke, nachdem es draußen es über 30 Grad sein müssten. Etwas feucht aber kühl, schön kühl, so immer noch der Eindruck, nachdem ich den Lichtschalter gefunden hatte. Ein kleines Schild weist uns eine Treppe hinauf und da stehen wir nun auf einer Balkon – artigen Empore über dem großen schmucklosen Kirchenraum. Unten stehen vor einem kleinen Altar und einem Pult einige Reihen Klappstühle, fischgrätenartig angeordnet. Darüber hängt ein großes Kruzifix. Wie spüren sehr schnell die Feuchtigkeit, die hier in der Luft liegt. Kein Wunder, wenn man die Geschichte der Neumarktkirche St. Thomae kennt. Ursprünglich war die 1188 erstmals erwähnte Kirche eine kreuzförmige dreischiffige Basilika ohne ausgeschiedene Vierung mit zwei Westtürmen. Später wurden der südliche Turm und beide Seitenschiffe abgerissen. Die Kirche steht direkt am Saaleufer und hatte ständig mit Überschwemmungen zu kämpfen. Als Gegenmaßnahmen schüttete man immer mehr Erdreich um die Kirche auf und hob mehrfach den Fußboden im Innenraum an, wodurch noch heute die Feuchtigkeit zu erklären ist. 1973 wurde die Kirche durch die Gemeinde aufgegeben und verfiel zusehends, was der Bausubstanz noch zusätzlichen Schaden zufügte. Anfang der neunziger Jahre wurde diese aufwändig und umfassend saniert. Das südliche Seitenschiff , ein Turmstumpf und die Sakristei wurden neu aufgebaut. Der Fußboden wurde wieder ausgegraben, um den ursprünglichen Raumeindruck wieder herzustellen. Bedeutendes Inventar befindet sich jedoch im Dom zu Merseburg. So steht beispielsweise das Taufbecken in der Vorhalle des Doms.

All diese Maßnahmen verhindern aber nicht, dass das Gotteshaus immer noch einen etwas traurigen Anblick bietet. Die Algen wachsen an den Wänden und das Raumklima ist garantiert nicht normal. Das kulturhistorisch bemerkenswerteste ist eine im mitteldeutschen Raum wohl einmalige Knotensäule am Eingangsportal, die den Teufel von der Türe fern halten sollte.

Herberge in der Neumarktkirche

Herberge in der Neumarktkirche

Und hier sollen wir schlafen? Auf der Empore stehen zwei wackelige Feldbetten und um die Ecke liegen einige feuchte Decken. Na ein Glück, dass es draußen sehr warm ist. Hier ist es dagegen heute sehr angenehm. Aber bei kühlen Temperaturen oder Regen ist diese Unterkunft grenzwertig. Nasse Klamotten bekommt man hier ganz sicher nicht trocken. Die zwei Sanitärräume (nach Geschlechtern getrennt übrigens) bieten neben einer Toilette nur noch ein Waschbecken mit Warmwasserboiler. Das wird für einen Tag sicher gehen.

Wir legen uns nach dem Auspacken etwas hin und ich werde wenig später durch mein eigenes Schnarchen geweckt. In diesem Raum mit dieser Akustik bekommt mein Schnarchen eine ganz neue Dimension. Dann höre ich, dass das Türschloss betätigt wird. Aha, ein Pilger, denke ich. Doch es ist eine Gruppe auf Besichtigungstour. Na ein Glück, dass ich schon wach bin. Mein Schnarchen von der Empore herab hätte sicher zu Verwirrungen geführt. Wir hatten nicht bemerkt, dass sich am Eingang ein Schild befindet, welches man nach draußen hängen soll, wenn die Unterkunft belegt ist. So soll es nicht zu ungewollten oder auch peinlichen Begegnungen kommen.
Blick zum Merseburger Dom

Blick zum Merseburger Dom

Wir nehmen schnell unsere Sachen und verschwinden auf die Straße, um die Veranstaltung nicht zu stören. Außerdem haben wir sowieso vor, uns den Merseburger Dom anzusehen. Wir gehen also über die Saalebrücke, von der wir schon die Schokoladenseite des Doms und des Stadtschlosses erblicken. Die Domstufen hinauf und rechts halten! Schon stehen wir vor dem Portal. Pilger, die einen Pilgerpass vorweisen können, genießen auf der Via Regia freien Eintritt in die bedeutenden Baudenkmäler, die sonst Eintritt kosten.
der Merseburger Dom

der Merseburger Dom

Und so betreten wir den ehrwürdigen sehr beeindruckenden Sakralbau. Alles was man über den Merseburger Dom schreiben kann, erfährt man, wenn man dem Link folgt. Besonders die Orgel und das Gestühl haben es mir angetan. Und so füllt sich die Speicherkarte meines Fotoapparates heute wieder enorm. Nachdem Andrea eine Kerze in der Vorhalle angezündet hat, treten wir wieder hinaus in die heiße Nachmittagssonne, auf der Suche nach einer Möglichkeit etwas zu essen. Schnell finden wir ein kleines Kaffee, in dem wir nicht nur gut bewirtet werden, sondern von der Kellnerin auch einiges über Merseburg erfahren. DSC07733Der Niedergang der Industrie im Südraum von Halle an der Saale hat auch Merseburg schwer getroffen. Die Abwanderung vor allem von jungen, gut ausgebildeten Einwohnern nagt an der Existenz der Stadt. Die Einwohnerzahl von ehemals über 80 Tausend hat sich fast halbiert und übrig geblieben sind (original Ton der Kellnerin:) Alte, Arbeitslose und Ausländer. Sie bezeichnete ihre Heimatstadt deshalb als die Stadt der drei großen A. Das klingt alles sehr verbittert und resignierend, was angesichts der schönen alten Stadt zusätzlich schmerzt. Unter diesen Problemen leiden aber viele Städte in Ostdeutschland, vor allem diese, die als Schlafstätten für einen Industriestandort dienten, der nach der Wende „abgewickelt“ wurde. Ich habe das Wort schon immer gehasst! Zehntausende waren von heute auf morgen arbeitslos, eine soziale Katastrophe an der wir heute noch zu knabbern haben. So entstanden gerade in solchen Orten soziale Brennpunkte, getrieben von Arbeitslosigkeit, Ausweglosigkeit und niedrigem Bildungsniveau. Nicht die Menschen sind Schuld daran, sondern das gesellschaftliche Umfeld. Und so zeigt sich auch das Stadtbild. Ich würde ja hier lieber viel mehr Werbung für die schöne Stadt machen. Aber ich will bei der Wahrheit bleiben oder wenigstens bei dem, wie sie mir erschien. Denn die vielen „Penner“ (mir fällt jetzt kein besseres Wort ein), die an den Ecken ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Alkoholkonsum nachgehen, nähren leider diesen recht negativen Gesamteindruck. 

Domblick

Domblick

Nach ein paar Runden durch das Stadtzentrum und einigen Einkäufen für das Abendessen und die morgige weite Etappe nach Freyburg an der Unstrut, schlurfen wir gegen Abend zurück zur Neumarktkirche. 

Gleich neben der Saalebrücke beginnt ein Weg am Ufer entlang, vor dem ein Wegweiser zum „Domblick“ steht. Wir folgen dem Weg bis zu der Stelle, die wir für den „Domblick“ halten. Die Lichter der Stadt und die Silhouette des Domes spiegeln sich im Wasser der Saale. Wir verbringen die blaue Stunde auf einer Bank am Ufer der Saale, verspeisen unser Abendessen und genießen den köstlichen Rioja – Wein.
Ja, so macht das Leben Spaß!!
Wie die Nacht war, erfahrt ihr im nächsten Beitrag.

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