Via Regia 1. Tag 21.Mai 2012 Delitzsch – Kleinliebenau

Die Zeit vergeht wie im Fluge und ich habe oft gelächelt, wenn ältere Leute dies in Bezug zu ihrem Alter brachten. Jenseits der 50 bekommt man das dann auch mehr und mehr zu spüren und kann darüber gar nicht mehr so richtig lächeln. Und so ist er dann auch wieder schnell da, der Tag, an dem wir für 14 Tage unsere Haustür hinter uns verschließen.
und das soll alles in den Rucksack

und das soll alles in den Rucksack

Am Abend bevor wir losgehen, legen wir nochmals alles auf dem Fußboden aus, was wir glauben zu brauchen auf unserem Fußmarsch. Ich werde jetzt hier keine Packliste aufschreiben, nur soviel: Der größere der beiden Rucksäcke ist natürlich meiner (7,5 kg) und  der kleinere, der von Andrea (6,3 kg). Hinzu kommt noch je eine Flasche Wasser (1 kg). Da liegen wir wieder ganz im Limit und in etwa gleich mit dem, was wir auf dem Camino Frances auf dem Rücken hatten. Zusätzlich ist dieses Mal eine Isomatte mit von der Partie. Die wird ausdrücklich im Pilgerführer verlangt, den wir neben den Pilgerausweisen beim Verein ökumenischer Pilgerweg e.V. über diesen Link bestellt hatten. Der Pilgerfürer ist zwar sehr informativ und schön gestaltet aber mir ist er etwas zu schwer und zu groß.

 

links meiner, rechts Andrea´s Rucksack

links meiner, rechts Andrea´s Rucksack

Ich habe  mir das wichtigste, die Karten und die Daten der Herbergen raus kopiert und so wieder einige Gramm vom Rücken genommen. So richtig voll ist der Rucksack dieses Mal nicht, mein 35+10 Liter Deuter Rucksack und auch Andrea´s 35 Liter Gröden haben noch viel Luft. Das sollte uns noch zum Guten gereichen, denn wir mussten oft Verpflegung bunkern. Doch dazu bei passender Gelegenheit später mehr.DSC07627 6.30 Uhr stehen wir also vor unserem Haus. Das Wetter spielt mit und soll auch auf dem gesamten Weg so bleiben. Der Rucksack ist angenehm leicht und unsere Vorfreude groß. Es ist schon seltsam, wenn man im Pilgeroutfit durch sein Heimatdorf läuft. Hier kennt jeder jeden und einige hatten uns das immer noch nicht abgenommen, dass wir die 800 Kilometer auf dem Camino Frances wirklich alle gelaufen sind. Von unserem Vorhaben wusste eigentlich jeder, hingen doch noch die Plakate unseres Heimatvereins in den Schaukästen des Ortes. Erst vor einer Woche hatte ich auf einer Veranstaltung des Vereins, in dem wir beide Mitglied sind, einen Vortrag über unseren Weg durch Nordspanien gehalten und am Ende verlauten lassen, wo wir so in diesem Jahr noch hin laufen wollen. Ich sehe es ihnen nach, diesen Zweiflern. Hatte ich doch noch vor wenigen Monaten selbst nicht daran geglaubt, dass man solche Strecken, bei denen man selbst mit dem Auto eine Pause einlegt, auch zu Fuß zurücklegen kann.

Lindenalle vor Brodau

Lindenalle vor Brodau

Die ersten Kilometer bis zur Autobahn A14 verlaufen schleppend. Hier kennen wir durch unsere Radtouren um die neu entstandenen Seen im Süden von Delitzsch jeden Stein. Zu Fuß sind wir selten auf diesen Wegen, obwohl wir auch hier schon einige Vorbereitungstouren gemacht hatten, um zu testen, ob die Schuhe passen und der Rucksack sitzt. Wir sind sonst eher nördlich von Delitzsch in der Goitzsche, ebenfalls ein ehemaliges Braunkohlen – Tagebaugebiet unterwegs, da hier die Natur schon weiter ist bei der Rückeroberung der geschundenen Landschaft. Nun also ein ganz neues Wandergefühl, wir gehen geradeaus in eine Richtung, nicht im Kreis zum Auto zurück. Die Häuser unseres Dorfes werden immer kleiner und bald haben wir das Nachbardorf und den Werbeliner See erreicht. Auf dem unteren Seeweg klingelt es plötzlich hinter uns. Unser Vereinsvorsitzender kommt mit dem Fahrrad nach, um uns zu verabschieden. Oder will er nur kontrollieren ob wir wirklich laufen?

A14 bei Freiroda

A14 bei Freiroda

In der Landfleischerei Radefeld legen wir unsere erste Rast ein. Bis dorthin sind es schon 14 Kilometer und noch tun die Füße nicht sonderlich weh. Nach einem Kaffee geht es dann weiter in Richtung Schkeuditz. Der Weg am Porsche – Werk entlang zieht sich schrecklich in die Länge und ist alles andere als idyllisch. Neben einer neu gebauten Straße verläuft er unter jungen Alleebäumen, die noch keinen Schatten spenden, als asphaltierter Radweg dahin, links das Porsche Werk und rechts die Südbahn des Flughafens Halle Leipzig mit dem riesigen Logistikzentrum von DHL. Ab und zu begegnen uns Radfahrer, die nur mitleidige Blicke übrig haben. Es ist für uns überhaupt spannend, wie die Leute auf uns reagieren würden. In Spanien weiß jeder am Weg, warum da Leute mit einer Muschel am Rucksack (fast) immer in die eine Richtung gen Westen laufen (manche laufen auch zurück); Aber hier in Deutschland?

Auch der Weg entlang der B6 nach Schkeuditz, ebenfalls eigentlich als Radweg gedacht, ist wenig geeignet, darauf lange zu laufen. Irgend wann merkt man den harten Asphalt bis in die Hüften, von den Füßen mal ganz zu schweigen. Na jedenfalls sind wir froh, als wir in Schkeuditz in einer Eisdiele am Markt sitzen und Pause machen. Es ist inzwischen auch recht warm geworden, sehr warm für Anfang Mai. Aber besser als Regen, so tröstet man sich dann.
Brücke über die Luppe

Brücke über die Luppe

Doch wir haben noch nicht eine Muschel gesehen, kein Wunder, denn wir sind immer noch nicht auf dem richtigen Weg. Diesen erreichen wir endlich, nachdem wir uns auf einigen Kilometern entlang der B186 vor heran brausenden LKW immer wieder durch einen beherzten Sprung in den Graben in Sicherheit bringen müssen, nach der Brücke über die Luppe. Auf dem Luppedamm verläuft der Pilgerweg, den die Pilger nehmen, wenn sie aus Richtung Leipzig kommen. Wir gehen weiter bis zur nächsten Abzweigung und sehen hier endlich das erste Zeichen, das darauf hindeutet, dass wir richtig sind.

Wegzeichen auf der Via Regia

Wegzeichen auf der Via Regia

Die Wegzeichen sind verdammt klein und man muss ganz schön aufpassen, um keins zu übersehen. Es gibt sicher eine deutsche Norm, die die Größe dieser Zeichen festlegt. Die älteren Wegzeichen sind auch nur mit einer Schablone und etwas blauer und gelber Farbe auf Steinen oder Baumstämmen aufgemalt. Gelbe Pfeile wie in Spanien gibt es hier nicht. Der Muschelboden zeigt immer in Richtung es Weges. Geht es zum Beispiel also nach links, ist die Muschel um 90 Grad nach links gekippt. Auf Zeichen, die zu einer Herberge weisen, ist ein kleines gelbes Haus abgebildet, dessen Dachspitze in Richtung der Unterkunft zeigt. Eigentlich ganz einfach und bis auf einige Abschnitte in den größeren Städten ist der Weg sehr gut gekennzeichnet.

Zwei Kilometer später haben wir dann den Ortseingang von Kleinliebenau erreicht. „Man tun mir die Knochen weh! Gleich am ersten Tag 34 Kilometer!“ Aber was soll man machen? Wir wollten es doch so. „Nützd doch nüschd“ sagt Andrea dann immer. Mit dem Auto hin bringen lassen, kam nicht in Frage. So lehnten wir auch das Angebot eines unserer Vereinsmitglieder, das uns in Schkeuditz aus seinem Auto ansprach, dankend ab. Er wollte uns über den gefährlichen Teil entlang der B186 mitnehmen und in Kleinliebenau absetzen. Nett! Aber das wäre ja noch schöner – gleich am ersten Tag schlapp machen!

Im Schaukasten der Rittergutskirche sind die Adressen der Vereinsmitglieder des Kultur- und Pilgervereins e.V. Kleinliebenau notiert, die einen Schlüssel für die Herberge haben und ich mache mich sofort auf den Weg zu dem, der ganz ober in der Reihe steht. Na gut, er wohnt auch am nächsten dran an der Herberge. Zwei mal links abbiegen und ich stehe vor einem Gartentor, hinter dem ein Rasenmäher brummt. Dem Mäher geht ein älterer Herr hinterher, den ich nur vorsichtig anspreche, um ihn nicht zu erschrecken. Das tut er dann doch, als ich ihn auf die Schulter tippe. „Wir sind zwei Pilger auf der Via Regia und würden gern hier im Ort übernachten“, sage ich. „Das ist schön aber bei mir bist Du verkehrt“ sagt er. „Wieso, sie stehen doch auf der Liste?“ kommt von mir. „Ja, aber ich habe heute keinen Dienst!“ Oh Mann! Ich hatte nicht bis zu Ende gelesen, denn ganz unten gibt es einen Hinweis, wer denn heute gerade Dienst hat. Das ist ja fast militärisch organisiert!

Rittergutskirche Kleinliebenau

Rittergutskirche Kleinliebenau

Doch der Herr (ich habe seinen Namen leider vergessen) hat ein Einsehen und will mich nicht noch weiteren Strapazen aussetzen, in dem er mich quer durchs Dorf schickt. Vielleicht hat er auch bemerkt, dass mein Gang nicht mehr ganz so rund ist. Und so nimmt er seinen Schlüssel und begleitet mich zur Kirche. Dort angekommen fragt er, ob wir uns diese ansehen wollen. Eigentlich steht uns zunächst erst mal der Sinn nach einer Dusche und Füßen, die ganz ruhig irgendwo oben liegen. Doch nun hat er sich die Mühe einmal gemacht und uns außerhalb seiner Dienstzeit aufgeschlossen. Da wollen wir ihn nicht verärgern und sie interessiert uns schon diese kleine Kirche mit der wechselvollen Geschichte, die fast der Abrissbirne zum Opfer gefallen wäre. Wortreich und nicht ohne Stolz erzählt er uns, wie die Kirche vor einem Bauinvestor, der das gesamte Rittergut abriss, um darauf Eigenheime zu errichten, gerettet worden ist. Er erzählt uns von Geldgebern aus der Schweiz, vom Engagement des Landkreises, von unendlich vielen Stunden, die die Vereinsmitglieder aufgewendet haben und von Künstlern, die nicht ohne widersprüchliche Meinungen der Vereinsmitglieder die Außenanlagen gestalteten. Er erzählt auch davon, dass nun wieder Hochzeiten und Gottesdienste hier stattfinden, obwohl die Kirche nicht Eigentum der Landeskirche ist und dass der Getränkevorrat des Vereins hinter dem Altar lagert. Zwar belustigt aber zunehmend auf ein Ende der Besichtigung hoffend, bemerke ich plötzlich, dass ich riesigen Durst habe und dringend meine Schuhe von den Füßen bekommen muss. Und so bitten wir ihn, uns die Herberge zu zeigen.

Herberge in der Rittergutskirche Kleinliebenau

Herberge in der Rittergutskirche Kleinliebenau

„Da haben sie aber was richtig schönes geschaffen!“, so unsere erste Reaktion, als wir den Anbau linksseitig des Kirchenschiffes betreten. Da ist alles da, was das Pilgerherz höher schlagen lässt, eine kleine Küche mit Kochplatten, Kühlschrank, Kaffeemaschine, zwei Stühle mit Tisch und ein Wäschetrockner, so einen, den man nach draußen in die Sonne stellen kann. Eine Dusche ist auch da und eine Etage höher auf einer Empore ist Platz für fünf Matratzen, die in einer großen Kiste lagern. Alles ist blitzblank sauber und liebevoll ausgestattet. Nach einer kurzen Einweisung verschwindet der nette Herr dann wieder zu seinem Rasenmäher  und wir unter die Dusche. In der Annahme, dass niemand weiter kommt, legen wir zwei Matratzen in die Zimmermitte, breiten darauf die Isomatten aus, die auf der Via Regia aus hygienischen Gründen verlangt werden und ruhen erst mal für ne halbe Stunde. Es liegt sich besser als gedacht auf so einer einfachen Schaum – Matratze, auf alle Fälle besser als in manchem quietschenden und durch gelegenen Stockbett auf dem Camino Frances.

Schlafraum im ersten Stock

Schlafraum im ersten Stock

Hmm, was zu Essen brauchen wir ja auch noch. Gleich hinter dem Ortsausgang gibt es einen kleinen See mit einem Campingplatz, so steht es im Pilgerführer. Neben einer weiteren Übernachtungsmöglichkeit in einem kleinen Gartenhaus oder in ausgeliehenen Zelten soll es da auch eine Art Kiosk geben. Die große Gastwirtschaft in der Nähe der Kirche hat ja heute und ich denke auch leider für immer geschlossen. Also machen wir uns auf den Weg und auf die Füße, die sich schon wieder erstaunlich gut erholt haben zum Campingplatz. Doch leider ist der Weg umsonst. Auch dort ist nichts zu Essen zu bekommen. Na wenigstens ein paar Getränke verkauft man uns im Campingplatz – Büro, ohne uns nicht zu verheimlichen, dass man das ja eigentlich nicht dürfe. Wir sind halt in Deutschland, wo die sogenannte „Freiheit“ in den Ketten der Bürokratie schmachtet. Jedenfalls fehlt den Betreibern irgend eine Genehmigung, um Getränke ausschenken zu dürfen. Das Problem der Versorgung wird uns noch den gesamten weiteren Weg verfolgen, wovon wir aber hier noch nichts ahnen. Zurück in der Herberge müssen wir also bereits heute unsere eisernen Reserven angreifen und setzen uns mit einem Stück Brot und Käse auf die Bank vor der Kirche.

am Abend nach dem "Abendessen"

am Abend nach dem „Abendessen“

Dann taucht doch noch die „Diensthabende“ auf, um nochmals nach dem Rechten zu sehen. Wir fühlen uns zwar ein wenig überwacht, haben aber durchaus Verständnis. Denn man hat hier viel Zeit und Geld investiert. Da will man auf Nummer sicher gehen, dass das auch lange so bleibt und viele Pilger ihre Freude daran haben. Dass es auch recht seltsame Mitmenschen (Ich schreibe hier absichtlich nicht das Wort „Pilger“!) gibt, die statt einer Spende einen Hosenknopf oder eine Tankrechnung in die Schachtel werfen, erfahren wir von ihr auch und können es kaum glauben. Unsere Spende liegt schon drin. Man erwartet auf der gesamten Via Regia so etwa 5€ Spende als Aufwandsentschädigung pro Pilger in den aufgestellten Schachteln, ist aber auch nicht böse, wenn es dieser oder jener Euro mehr ist. Das ist sicher auch nicht kostendeckend und hat mehr symbolischen Charakter. Ihren Etat stockt dieser Verein hier in Kleinliebenau durch die Organisation von verschiedenen Veranstaltungen und durch Sponsoren auf, also auch nicht anders als in unserem Heimatverein zu Hause.

Andrea ruft dann noch zu Hause an, um zu berichten, dass wir gut angekommen sind. Und sie fragt doch tatsächlich, wie denn das Wetter zu Hause ist. „Zu Hause“ das ist 34 Kilometer von hier! Da kann man mal sehen, wie weit weg die Gedanken einen führen, wenn man läuft.

Wir verziehen uns alsbald in unsere Schlafsäcke und blieben heute wirklich allein. Im Pilgerbuch steht, dass vor uns drei Pilger aus Dresden unterwegs sind. Nachdem wir uns auch eingetragen haben, sagen wir: Gute Nacht!

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