PWMSP, 10. Mai 2013, 2. Etappe, Staven – Burg Stargard, 28 km

noch schnell einen Kaffee und los!

noch schnell einen Kaffee und los!

Der Wecker musste gar nicht zum Aufstehen rufen. Wir waren eigentlich schon lange wach, als die bekannte und manchmal auch verhasste Melodie erklang. Obwohl man recht zeitig aufsteht, schläft man auf dem Weg eigentlich sogar länger als zu Hause. Man geht fast immer früh zu Bett. Fernsehen oder andere Freizeitdiebe gibt es nicht. Man ist auch weit weg vom Weltgeschehen, von Skandalen, vom Mord und Totschlag und allen negativen Schlagzeilen die in unseren Medien reißerisch aufgemacht werden. Man glaubt gar nicht, wie gut das tut. Wir hören und sehen mittlerweile bewusst weg, um unsere innere Ruhe schneller zu finden. Ein schönes Beispiel war der Skandal mit den angeblich Viren verseuchten Gurken in Spanien im Mai 2011. Da wir nichts davon verstanden, was in den überall flimmernden Bar – Fernsehern lief, glaubten wir in Anbetracht der immer wieder gezeigten Gurkenbilder an Berichte über eine gute Gurkenernte. Wir waren unbewusst einer (wie sich später herausstellte) unbegründeten Hysterie entgangen. Das sollte uns eine Lehre bleiben.

Aber zurück zum Weg:

Hier der Weg, wie wir ihn wirklich gelaufen sind. Der Link zum GPS Track der gesamten Ostvariante befindet sich unter dem Beitrag zur ersten Etappe.

 

Schnell war alles wieder in den Rucksäcken verpackt. Dabei machten sich die neuen Rucksäcke sehr gut. Durch die Möglichkeit diese nicht nur von Oben, sondern auch über einen großen Reißverschluss – Zugang von Vorn zu packen, bekam man schnell Ordnung im Gepäck. Eine Gefahr birgt natürlich ein größerer Rucksack. Man erliegt all zu schnell der Möglichkeit, zu viel oder unnützes Zeug einzupacken. Da musste ich mich ganz schön zusammenreißen.

Nur noch einen Kaffee und ein Stück Brot mit Marmelade, dann konnte es los gehen. Verabschiedet von den Kretschmers hatten wir uns schon am Abend. Und so wollten wir so früh am Morgen nicht stören.
Feldweg hinter Satven

Feldweg hinter Satven

Der Weg aus Staven heraus ist gut gekennzeichnet. Gleich neben der Kirche steht eine Informationstafel. Wir mussten in Richtung Neuenkirchen gehen. Es ist noch etwas diesig und ziemlich kalt. Hinter alten still gelegte Bahngleise geht es außerhalb von Saven gleich rechts in leichtem Auf und Ab einen Sandweg entlang. Kurz vor Neuenkirchen die Autobahn A20, die man über eine Brücke überquert. In Neuenkirchen ist der Weg sehr gut gekennzeichnet. Hier wollten wir nach der ersten Etappe ursprünglich übernachten, da uns die 12 Kilometer bis Staven als etwas zu kurz erschienen. Wegen des Feiertages am gestrigen Tag waren die Quartiergeber aber leider nicht zu Hause. Auch die Bemühungen von Frau Albrecht eine andere Unterkunft in Neuenkirchen zu organisieren oder einen Stellplatz für unser Zelt blieben erfolglos. Und so zogen wir durch das erwachende Dorf. Viele hatten offensichtlich den Brückentag genutzt, um frei zu machen.

Luftfahrtausstellung in Neuenkirchen

Luftfahrtausstellung in Neuenkirchen

Plötzlich ein Anblick, der so gar nicht in die dörfliche Idylle passte. Da standen auf einem großen Grundstück Jagdflugzeuge und Militärhubschrauber in großer Anzahl. Das sehen wir uns näher an, sagte ich. Und schon verließen wir den gekennzeichneten Weg. Und richtig, hier standen Mig 17, 21 und 23 neben diversen imposanten Hubschraubern in erstaunlich gutem Zustand. Ein Schild am Tor brachte Aufklärung. Es handelt sich um das Gelände des Interessenvereins Luftfahrt Neuenkirchen e.V.. Öffnungszeit ist nur Sonntags ab 16 Uhr. Irre, auf was für Ideen man so kommt. Ein paar Fotos und schon zeihen wir weiter.

Wegweiser hinter Neuenkirchen

Wegweiser hinter Neuenkirchen

Am Ortsausgang muss man etwas aufpassen, um das kleine Schildchen mit der Muschel nicht zu übersehen. Dieses wies uns auf einen schwarzen Feldweg, der halb links von der Asphaltstraße abzweigt. Am rechten Wegesrand befand sich eine eingezäunte Buschreihe, in der sich ein Rehbock verirrt hatte. Völlig hektisch versuchte er auszubrechen, als er uns bemerkte, was ihm nach vielen Fehlversuchen, bei denen er gegen den Drahtzaun sprang, dann endlich gelang. Mit seltsamen Geräuschen, die wie ein Schimpfen klangen, sprang er durch das Rapsfeld davon. Auf dem Video konnte ich das einigermaßen festhalten. Überhaupt ist so eine offene Landschaft besser geeignet, Tiere zu beobachten.

gerade noch erwischt vor dem Abflug

gerade noch erwischt vor dem Abflug

Und so bemerkten wir auch wieder einige Kraniche. Leider diese uns auch. Und so flogen sie unter den typischen eindringlichen Rufen davon. Gar nicht mehr weit entfernt sahen wir bereits die Neubaublöcke von Neubrandenburg. Doch wie der gesamte Weg verläuft dieser selten direkt zum Ziel und so zogen wir noch manche Schleife, gingen einmal sogar in der entgegen gesetzten Richtung, um dann wieder auf die Datze zu treffen. An dieser entlang führt der Radweg von Friedland nach Neubrandenburg und man kann sich dann auch nach der Radwegbeschilderung richten. Die Datze hat nun auch ihre wahre Größe angenommen. Man hätte bequem drüber springen können.

Wiese vor Küssow

Wiese vor Küssow

In einem Unterstand am Radweg machten wir nochmal Rast, um dann weiter nach Küssow, einem Vorort von Neubrandenburg zu laufen. Die Sonne kam nun heraus und die Natur sah plötzlich noch lebendiger aus. Das frische Grün im Kontrast zu den leuchtend gelben Rapsfeldern blendeten fast das Auge. Nach dem langen Winter schien nun alles auf einmal aufzubrechen, wie eine Staumauer, die man plötzlich öffnet. Vor Küssow dann ein kleines Hindernis, eine geschlossene Bahnschranke. An dieser muss man einen Knopf betätigen, wenn man drüber will. Und sollte sich kein Zug angemeldet haben, öffnet sich diese auch nach dem Ruf sofort.

Kirchenruine in Küssow

Kirchenruine in Küssow

Kurz hinter der Schranke sollte man den Blick nach links wenden. Dort befindet sich ein kleiner Friedhof und auf diesem in mitten eines gepflegten Rasens die Ruine einer alten Feldsteinkirche, die man sich unbedingt ansehen sollte. Es ist erstaunlich welche Ausstrahlung auch solch eine Ruine haben kann. Wieder zurück auf der Straße gingen wir durch eine gepflegte Siedlung bis zur B104. Hier verweist die Muschel nach rechts. Doch keine Angst, man muss nicht auf die Bundesstraße. Auf einem Radweg gingen wir etwas Abseits der viel befahrenen Straße durch eine Gartenanlage. Doch dann verschluckt einen die Stadt. Überall Autohäuser, Tankstellen und Hochhäuser. Nach der langen Zeit in weiter Flur kommt man sich reichlich deplatziert vor. Viele Passanten oder die Autoinsassen, die an den Ampeln standen, schauten recht irritiert auf uns, die wir mit unseren Rucksäcken brav an den Fußgängerampeln warteten.

2. Frühstück in Sicht

2. Frühstück in Sicht

Dann in der Ferne ein großes Werbeschild “Kaufland”. Da gibt´s zweites Frühstück! Also hin. In der Hektik des Wochenendeinkaufs, man muss bedenken, es war gerade Feiertag und da sind die Kühlschränke natürlich leer vor dem Wochenende, kamen wir uns noch deplatzierter vor. Wir verzogen uns in eine Imbiss – Ecke zwischen einem Bäcker und einem Fleischer. Vom einen gab es Kaffee und vom anderen Baguette mit irgend was drauf. Laufend schielte jemand auf unsere abgestellten großen Rucksäcke. Keiner wagte aber einfach mal zu fragen. Komisch diese Städter, auf dem Land wären wir schon lange in einem ausgiebigen Gespräch vertieft. Die Stadt dagegen ist anonym und kalt, noch dazu in einem solchen Neubauviertel. Nee, da würde mich niemand hin kriegen. Ich bleib auf dem Lande. Da weiß zwar jeder von jedem fast alles, was manchmal auch peinlich sein kann. Aber alles ist freundlicher, wärmer und herzlicher. Na ja, bis auf ein paar Nörgler, Streithähne und Spaßverderber hinterm Maschendrahtzaun, die es halt überall gibt, die aber auch bald ganz einsam werden auf so einem Dorf.

Tiergarten im Lindetal

Tiergarten im Lindetal

Wie schon geschrieben, wollten wir nicht noch einmal durch die Innenstadt Neubrandenburgs. Und so bemühte ich die Karte in meinem GPS Gerät, um den kürzesten Weg ins Lindetal zu finden. Dort trifft man wieder auf den Pilgerweg, den wir nun verließen. Durch großzügige Grünanlagen fanden wir schnell den steilen Abstieg in des idyllische grüne Tal. Man glaubt kaum soeben noch in einer Plattenbausiedlung gewesen zu sein. Unten angekommen, fanden wir einen kleinen Tiergarten vor, der durch Behinderte betreut wird. Rechts und links des Weges war ein Barfußweg angelegt, der in der Durchquerung einer Furt durch die Linde und in einem Streifen mit Glasbruch für die ganz mutigen gipfelte. Burg Stargard ist bereits ausgeschildert und hier und da findet sich auch eine Muschel. Beachtet man beides, kann man sich nicht verlaufen.

im Lindetal

im Lindetal

Entlang der Linde, einem etwa 3 Meter breiten Flüsschen, welches sich durch das teils sumpfige Tal schlängelt, wanderten wir durch einen üppig grünen Laubwald. Links des Weges betrachteten wir und die Ruinen einer alten Papiermühle, die einst vom Wasser der Linde angetrieben wurde. Der Schornstein, der da plötzlich im Wald auftaucht, ist kaum zu übersehen und wirkt ziemlich seltsam so mitten im Wald stehend. An einer Lichtung mit Bänken waren noch die Hinterlassenschaften einer Männertagsfeier zu sehen. Hier waren es noch 3,5 Kilometer bis Burg Stargard. Es ging leicht berauf und neben uns wurde eine Schafweide eingezäunt, für eine große Herde, die etwas abseits eingepfercht vor sich hin blökte. Kurz vor der Kleinstadt geht es noch mal durch einen Wald und auf einer Bank links am Wegesrand saßen vier Frauen im reiferen Alter, die sich offenbar auf einer Radtour befanden und diese nun mit einem Piccolöchen krönten. Gut gelaunt sprachen sie uns an und wir stillten natürlich ihre Neugier. Und schon fand sich eine der Damen, die ebenfalls schon in Spanien gepilgert ist. Sofort wurde das Gespräch zur Fachsimpelei. Man wollte das Gewicht unserer Rucksäcke wissen und diese sogar aufsetzen. Es war ein lustiger Abschluss unseres heutigen Weges. Mit einem Hinweis, wo wir in Burg Stargard entlang laufen müssen, um zu unserer Unterkunft zu gelangen, verabschiedeten sie sich von uns, um uns später laut rufend noch einmal am Ortseingang mit ihren Rädern zu überholen.

Villa Martha in Burg Stargard

Villa Martha in Burg Stargard

Die “Villa Martha” eine kleine Pension, die für Pilger preiswerte Zimmer anbietet, war schnell gefunden. In Burg Stargard gibt es noch eine zweite private Unterkunft bei Frau Heinke im Sabeler Weg 5. Dort hatte ich auch angefragt, wurde aber leider etwas zu spät zurück gerufen. Schade, dort wäre es sicher auch sehr nett gewesen. So bekam ich aber von Frau Kämig, der Betreiberin der Pension “Villa Martha” am Telefon zu hören: ” Na für Pilger haben wir doch immer einn Bett”. Sehr schön! Herr Kämig, der auch schon gepilgert ist, empfing uns freudig an der Tür. Er führte uns in ein sehr schönes Zimmer – purer Luxus für Pilgerverhältnisse und deren Erwartungen.

Stadtkirche St. Johannes

Stadtkirche St. Johannes

Nach dem Auspacken, das hier nicht so umfangreich ausfiel, da wir die Schlafsäcke nicht benötigten, einem Bad in der Wanne und der notwendig gewordenen Wäsche gingen wir für einen kleinen Einkauf, einen Kaffee, ein Eis und ein Bier auf den Marktplatz gegenüber der Stadtkirche St. Johannes. Einkaufen mussten wir, da es bis Carpin, das wir erst übermorgen passieren würden, keine Einkaufsmöglichkeit gibt. Also hieß es wieder etwas auszuwählen, was nahrhaft ist, leicht und nicht so schnell verdirbt. Zu Hause sucht man immer nach großen Packungen für wenig Geld. Hier geht es nur noch ums Gewicht und das geringe Packmaß. Der Preis spielt eine untergeordnete Rolle. Als eiserne Reserve haben wir aber immer etwas Trockenobst, einige Müsliriegel und Nüsse dabei. Das macht schnell satt und gibt Energie. Für den Abend kauften wir noch ne Flasche Rotwein, welche wir im Garten der Pension beim Abendessen leerten.

Der zweite Tag war nun auch schon Geschichte. Und die Bilder, die ich vom Weg vorher im Kopf hatte, stimmten so gar nicht mit der Wirklichkeit überein. Alles war bisher noch schöner und noch interessanter. Vor allem hatte ich nicht gedacht, so viel Kontakt mit den Menschen auf dem Weg zu bekommen, ein Eindruck, der sich in den nächsten Tagen noch verstärken sollte.

Unter einem herrlich kitschigen gold gerahmten Bild mit einem Jungfernreigen schliefen wir in den super bequemen Betten schnell ein. Morgen sind es 21 Kilometer bis Rödlin, eine Entfernung, die uns kaum schrecken kann.

 

 

 

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