ökumenischer Pilgerweg 2. Teil – Der Tag mit Aussicht

DSC03421Irgendwie macht das Aufstehen heute keinen Spaß. Während wir die Rucksäcke packen und die Morgentoilette erledigen, macht Betina schon das Frühstück. Ziemlich schweigsam verzehren wir unsere Brötchen. “Wir bleiben aber in Kontakt und ihr besucht uns mal” bricht Betina das Schweigen. “Na klar” sage ich kurz. Und wer mich kennt weiß, dass ich das auch so meine. Mit vielen, die wir auf unseren Wegen trafen, haben wir auch heute noch Kontakt. Erst kürzlich hatten wir Besuch aus Bayern von Thomas, den wir 2011 auf dem Camino Frances in Spanien kennen lernten. Oder Martin aus der Schweiz, mit dem ich regelmäßig skype. Und dann die vielen Mails, die immer wieder hin und her gehen, von Iva aus Tschechien, Jürgen aus Ulm oder Andrea aus Dortmund. Wir haben wirklich gute Freunde auf unseren Pilgerwegen gefunden. Und nun ist es Betina, von der wir uns heute leider verabschieden müssen.

“Abschied nehmen ist nicht so mein Fall” sagt sie, als wir unten vor der Herberge stehen. “Meiner auch nicht” sage ich und versuche meine feuchten Augen zu verbergen. Auch Andrea geht der Abschied nahe. Das merke ich. Wir umarmen uns und drehen uns im Fortgehen noch einige Male um. Dann sind wir weg und allein. Betina wird von ihrem Mann mit dem Auto abgeholt und verbringt den Tag noch in Strehla.

Landschaft am Liebschützberg

Landschaft am Liebschützberg

Schweigend verlassen wir die Stadt. Es ist wieder ziemlich kalt an diesem Morgen. In den Gärten sehen wir, dass es bereits Nachtfröste gab. Ein leichter Schleier liegt noch über den Feldern. Aber die Sonne wird dafür sorgen, dass das nicht lange so bleibt. Unser erstes Ziel am heutigen Tag ist der Liebschützberg, eine weithin sichtbare Erhebung nördlich von Oschatz. Der Höhenzug ist 198 Meter hoch und so wie der nahe Collmberg eine von Fern gut erkennbare Landmarke. Seine Geologie sollte nach dem Willen einiger Baustoff Unternehmen aus Süddeutschland dem Berg 2003 zum Verhängnis werden. Es war geplant auf 44 Hektar Fläche Granodiorit, eine Granitsteinart abzubauen. Die Abbaufläche liegt zu 100 Prozent im Landschaftsschutzgebiet und es regte sich schnell Widerspruch. Eine Bürgerinitiative zusammen mit dem sächsischen Naturschutzbund versuchte die Landschaft vor den Baggern zu retten. Wahrscheinlich mit Erfolg, da jetzt 2013 immer noch nichts von einem Steinbruch zu sehen ist.

Windspiel und Aussicht nach Oschatz

Windspiel und Aussicht nach Oschatz

Das Gelände steigt sanft an und weit im Süden sehen wir im Dunst die markanten zwei Türme von Sankt Aegidien in Oschatz. Mit jedem Schritt wird nun die Aussicht immer beeindruckender. Im Nordosten schauen wir in die Elbniederung bis hin nach Mühlberg, wo man den Kühlturm und den Schornstein der Zuckerfabrik rauchen sieht. Im Nordwesten schießt sich das große Waldgebiet der Dahlener Heide an. Und im Vordergrund schmiegt sich das Dorf Laas an den Höhenzug. Im Südwesten zeichnet sich hinter dem Ort Liebschütz immer deutlicher der 320 Meter hohe Collmberg mit dem großen Sendemast und dem Albertturm aus dem Dunst ab.

auf dem Libschützberg

auf dem Libschützberg

Der Collm ist die höchste Erhebung am östlichen Rand der Leipziger Tieflandsbucht. Wir stehen nun kurz vor dem Gipfel des Liebschützberges und das Panorama ist phantastisch. In einem eingezäunten Areal steht die alte Bockwindmühle, die derzeit eingerüstet ist und restauriert wird. Ebenfalls hier oben steht seit einiger Zeit ein Holzgerüst mit einer Glocke, die bei Gottesdiensten unter freiem Himmel hier oben geläutet wird. Der Liebschützberg wird vielfältig genutzt. Neben Veranstaltungen und Freizeitbeschäftigungen ist er aber über die meiste Zeit des Jahres ein Ort der Ruhe und Erholung. Und das es hier oben einsam und ruhig sein kann, beweist uns die Anwesenheit einiger Kraniche. Die scheuen Zugvögel stehen in großem Abstand am Hang und beobachten uns. Kommen wir näher, heben sie ab, fliegen ein Stück und stellen so den alten Sicherheitsabstand wieder her. Doch es geht zeitweise auch anders. Denn der Berg ist alljährlich Anziehungspunkt für Tausende Bewohner der umliegenden Gemeinden, die hier große Veranstaltungen wie das Osterfeuer, das Liebschützbergfest, das internationale Drachenfest und auch die bereits erwähnten Gottesdienste unter freiem Himmel durchführen.

bergab Richtung Westen

bergab Richtung Westen

Dies alles ist hier oben auf großen Infotafeln zu lesen und ich habe versucht, mir einiges davon zu merken. Warum habe ich eigentlich kein Foto davon? Wir halten uns nicht sehr lange hier oben auf, da der Wind doch ganz schön pfeift. Von nun an geht es wieder stetig bergab bis hinunter nach Lampertswalde. Gleich am Ortseingang laufen wir an einer dicken hohen Mauer entlang und treffen am Tor auf eine hölzerne Jakobsmuschel. Na da gucken wir doch mal rein! Hinter der Mauer verbirgt sich ein richtiges kleines Paradies. Blickfang ist eine sehr alte und sehr dicke Platane. Sie steht in einem Schlosspark mit Teich und Insel, halt so, wie man sich das vorstellt.

Schlosspark Lampertswalde

Schlosspark Lampertswalde

Zwischen den Bäumen sind Kabel gespannt, an denen Regenschirme hängen. Was soll das denn darstellen, denke ich und nehme zunächst an, dass es sich um ein Kunstobjekt handelt. Doch nein, es sind Lampenschirme. Überall in dem Park hängen die bunten Schirme und darunter Fassungen mit Glühbirnen, was für eine nette Idee. Zwei Arbeiter sind beim Aufräumen und Laub harken. Wir grüßen freundlich und sehen den Freisitz eines kleinen Cafés, auf dem sich auch schon jemand zu schaffen macht. “Haben sie schon geöffnet?” frage ich. “Na dann machen wir eben auf.”, sagt der Besitzer. Die beiden Arbeiter nutzen ebenfalls sofort das Café für eine Pause.

Schlosspark Lampertswalde

Schlosspark Lampertswalde

Wir sitzen in der Sonne, schauen den Schwänen auf dem Schlossteich zu und lassen uns Kaffee und Kuchen bringen. Was kann es schöneres geben? Na gut, ich hab ne Bockwurst gegessen. Nun versuche ich uns in Börln anzumelden, merke aber, das die Telefonnummer entweder nicht stimmt oder unvollständig ist. Also rufen wir Betina in Strehla an, da sie ja einen Pilgerführer mit hat. Sie ist in der Stadt und hat ihn natürlich nicht einstecken. Später ruft sie dann aber zurück und gibt uns die richtige Nummer. (Fällt mir ein, ich muss diese dann auch noch in meiner Tabelle ändern. Es fehlt übrigens eine Ziffer.) Das eigentliche Schloss Lampertswalde existiert nicht mehr. Es stand auf der großen Insel im Teich, war also ein Wasserschloss. Es sind nur noch einige Nebengebäude übrig geblieben.

Schlosspark Lampertswalde

Schlosspark Lampertswalde

Die gesamte Anlage macht einen sehr gepflegten Eindruck. Das ist aber noch nicht lange so. Nach der Enteignung der Eigentümer durch die Nazis verfiel das Areal zusehends. Nach dem Krieg wurde das Schloss 1947 abgerissen. Der Park verwilderte, der Wassergraben wurde mit Bauschutt verfüllt und der Schlossteich hatte kein Wasser mehr. Nach der Wende nahmen sich die Bürger des Ortes des Parkes an und bereits 1994 war die Anlage in der jetzigen Struktur wieder hergestellt. Ist schon beeindruckend, was alles möglich ist, wenn ein Dorf zusammen hält. Der Park und das Burgcafé sind zum Anziehungspunkt für die nähere Umgebung, für Touristen, Wanderer und natürlich auch für Pilger geworden. Nachdem wir uns gestärkt haben, gehen wir noch mal durch den Park und verlassen dann den Ort über die Axelallee.

der Weg vor Dahlen

der Weg vor Dahlen

Lampertswalde ist ein Ort, der sich sehr in die Länge zieht. Und erst zweieinhalb Kilometer weiter westlich verlassen wir dann den Ort wirklich. Das nächste Zwischenziel ist die Kleinstadt Dahlen. Den Kirchturm sieht man schon von Weitem. Der Weg dorthin ist recht idyllisch und führt über leicht welliges Gelände an einem großen Teich vorbei zum östlichen Ortseingang. Fast immer ist im Süden der Collmberg zu sehen, an dem wir nun schon vorbei sind. Auf den umliegenden Feldern gibt es viel Rotwild, das scheu das Weite sucht, wenn wir uns nähern. In die Stadt Dahlen gehen wir über einen schmalen abschüssigen Weg vom Burgberg herunter.

Landschaft vor Dahlen

Landschaft vor Dahlen

Dahlen ist wirklich nicht groß. Und so stehen wir sehr schnell auf dem Marktplatz, wo wir uns gleich neben dem “Sackhupper” auf einer Bank nieder lassen. Einer Legende nach ist Dahlen auch als “Sackhupperstadt” bekannt geworden. Richtig ist wohl, dass im vorigen Jahrhundert ein Fuhrwerksbesitzer jährlich ein Kinderfest veranstaltete und sich als neuen Spaß auch das Sackhuppen ausdachte. Dieser Geschichte ist dieses lustige Denkmal gewidmet. Damals stand aber sicher nicht “LPG Dahlen” auf den Jutesäcken. Wir schauen uns um und entdecken eine kleine Bäckerei.

Sackhupper Denkmal in Dahlen

Sackhupper Denkmal in Dahlen

Es ist ja auch Zeit für eine kleine Stärkung und für einen Kaffee. So viel Kaffee wir hier trinke ich zu Hause sonst nie. Aber was soll man sonst machen, wenn man nicht gerade läuft? Wir also rein in den Laden. Für den Abend und das Frühstück wären ein paar Semmeln nicht schlecht und für jetzt zwei Kaffee und zwei Stück Obstkuchen. Es gibt Pflaumenkuchen, mein Lieblingsgebäck. Ja und irgendwie muss die nette Verkäuferin uns angesehen haben, dass wir lieber im Sitzen unseren Kaffee trinken würden. Und schon stellt sie zwei Stühle und einen winzigen Tisch neben die Ladentheke. Im Raum ist wirklich nicht viel Platz und wir müssen uns etwas in die Ecke quetschen, damit die Kunden noch hinein können.

in der Bäckerei

in der Bäckerei

Aber wir sitzen und sind der Frau sehr dankbar dafür. Auf unserem Weg aus der Stadt kommen wir an einem Biomarkt vorbei. In diesem decken wir uns noch mit Getränken ein. Und schon hat mein Rucksack wieder ein Gewicht, bei dem ich leicht stöhne wenn ich ihn aufsetze. Das folgende Stück führt dann lange über eine Asphaltstraße in Richtung Bortewitz. Erst nach etwa 2 Kilometern zweigt dann ein Wirtschaftsweg nach links ab, an dem jede Menge Obstbäume stehen. Wir laufen über einen Teppich vor sich hin faulender Birnen. Die Wespen tummeln sich dazwischen und haben ein Festmahl. Ich weiß nicht, ob die Leute zu bequem sind, oder ob es verboten ist das Obst zu pflücken? Früher bin ich mit meinem Vater jedenfalls immer ins Obst gegangen und wir haben es dann in die Mosterei geschafft, wo es später Most oder Obstwein gab. Heute vergammelt alles auf den Straßen und Wegen. Darüber ärgere ich mich etwas, kann es aber auch nicht ändern. Die Leute scheinen lieber Obst aus Neuseeland zu essen.

Pfarrhaus Börln

Pfarrhaus Börln

Da wir trotz der nun vollständigen Telefonnummer niemanden im Pfarrhaus Börln erreicht haben, machen wir uns Gedanken, wo wir denn noch die Nacht verbringen könnten, als wir große Strohballen am Wegesrand sehen. “Nur im aller größten Notfall!”, denke ich, als Andrea den Vorschlag macht. Dann betreten wir den Ort. Von Ortsdurchfahrten ist mir in Erinnerung, dass es hier viele Pferdekoppeln, Pferdeställe und ein Hotel gibt. An dem letzteren laufen wir gerade vorbei und sehen, dass es zu ist. Auch sonst macht der Ort einen “geschlossenen” Eindruck. Fast die Hälfte der Gehöfte stehen leer. Ist schon seltsam. In Lampertswalde sehen wir ein blühendes Dorf mit schmucken Häusern und engagierten Einwohnern. Und hier gar nicht so weit weg, geht alles den Bach runter. Die Turnhalle scheint noch ein beliebter Treffpunkt zu sein. Überall hängen Tafeln, die Werbung für Tischtennis in der Halle machen. Ja und die Eisdiele läuft gut, was wir später noch überprüfen werden. Andrea ist zwar auch heute wieder “schön gelaufen” aber zuerst heißt es die Rucksäcke los werden. Das Pfarrhaus ist auf Grund der guten Ausschilderung schnell gefunden. Auch hier hängt ein Zettel im Fenster mit Kontaktpersonen. Die zweite Nummer funktioniert dann. Es meldet sich eine Frauenstimme, die uns sagt, dass sie noch in Dahlen ist und in 20 Minuten bei uns sein wird. Wir setzen uns im Pfarrgarten unter eine Art Laube und sehen zu, wie sich ein Mann an der Natursteinmauer des Grundstückes zu schaffen macht. Er hat zwar den Schlüssel zur Garage aber nicht den zum Haus. Doch dann fährt ein Auto vor und wir werden eingelassen.

die Kirche in Börln

die Kirche in Börln

Die Frau zeigt uns den Gemeinschaftsraum und die sich daneben befindliche (na ja, sagen wir mal) Küche, in der auch die Toiletten und die Dusche mittels aufgestellten Wänden abgeteilt sind. Der Raum wird von der Gemeinde genutzt. Es steht ein großer Tisch mit vielen Stühlen in der Mitte und wir fragen und zuerst, wo wir schlafen können. Dann entdecke ich einige Matratzen zusammengeklappt auf dem Schrank liegend. Und schon ist alles geklärt. Die Frau verabschiedet sich mit dem Hinweis, dass es sein könnte, dass heute Abend hier noch eine Veranstaltung ist. Um nicht zu stören lassen wir also erst mal alles in den Rucksäcken, stellen diese in die Ecke und machen uns auf zur Eisdiele.

Andrea ist "schön gelaufen"

Andrea ist “schön gelaufen”

Denn Andrea ist “schön gelaufen”. Wir sind wirklich erstaunt über das Angebot und den Andrang. Im Freisitz sind einige Tische bereits belegt und auch als wir uns dazu gesellen, kommen immer mehr Leute. Es gibt vorwiegend Softeis. In verschiedenen Varianten kann man das auch in größeren Mengen mit nach hause nehmen. Scheint gut zu laufen, sage ich. Und das Eis ist wirklich gut, muss ich zugeben, obwohl ich kein begeisterter Eisesser bin. Nach der Eisdiele gehen wir noch etwas durch den Ort. Die Kirche ist verschlossen, das Gutshaus hat auch schon mal bessere Zeiten erlebt und immer wieder müssen wir verlassene Höfe sehen. Das Dorf ist so gut wie tot, wenn nicht noch ein Wunder geschieht. Auch die Frau, die uns eingelassen hatte, sprühte nicht gerade vor Optimismus, was den Ort angeht.

am Teich

am Teich

Wir sitzen am Ende an einem großen Teich, dessen Wasser in der sich neigenden Sonne glitzert, inter uns — natürlich ein verlassenes Haus. Wir beenden also den Rundgang und kehren zurück ins Pfarrhaus. Das macht zumindest äußerlich einen soliden Eindruck. Ich räume die Matratzen vom Schrank und Andrea kehrt noch mal aus, bevor ich sie auf den Boden lege. Wir sind nicht sonderlich pingelig. Aber Andrea scheint seit langem die erste zu sein, die hier einen Besen in der Hand hat. Da wir so nahe am Boden liegen werden, ist es schon besser so. Auf dem Klavier, das irgend jemand mit weißer Farbe angepinselt hat (wer kommt denn bloß auf sowas? fragt Andrea) steht eine Stereoanlage. Mir gelingt es, sie in Betrieb zu nehmen und so fülle ich den Raum mit etwas Musik zum Abendessen.

ab ins Nest

ab ins Nest

Alt werden wir heute nicht. Betina sendet uns noch eine SMS, dass sie fast zu hause ist. Sie hat in einem Getränkemarkt noch einen Kasten Ur – Krostitzer ergattert, schreibt sie. Ich muss schmunzeln und an den Bierkrieg zu Delitzsch denken. Andrea schlummert schon und ich gehe nachdem ich mein Bier ausgetrunken habe auch auf die Matratze. Das Radio singt uns in den Schlaf und dudelt die ganze Nacht vor sich hin.

Morgen ist unser letzter Tag.

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