ökumenischer Pilgerweg 2. Teil – Der Tag des Abschiedes

Diese Nacht war viel zu kurz. Ich bin trotzdem bereits vor meinem Wecker munter. Im Halbdunkel suche ich verzweifelt nach meiner Schlafsackhülle. Irgend wie stehe ich heute neben den Schuhen. War wohl doch etwas lange gestern Abend. Ich war auch regelmäßig wach. Und zwar wenn der Heizlüfter sich halbstündlich automatisch einschaltete. Ich schaffe es dann doch noch alle meine Sachen zusammen zu suchen und im Rucksack zu verstauen. Dieser ist heute wesentlich leichter als gestern.
der Weg hinter Skassa

der Weg hinter Skassa

Es ist Montag und der Zielort Strehla ist eine Kleinstadt, in der es ganz sicher eine Einkaufsmöglichkeit gibt. Andrea kommt auch nicht so recht aus dem Knick. Nach einem Kaffee sieht die Welt aber schon besser aus. Wir verabschieden uns von unserer Gastgeberin, die sicher schon länger munter ist, da sie die Kinder in die Schule bringen muss. Das Wetter beschließt auch heute uns mit Sonnenschein zu verwöhnen. Und so laufen wir uns warm auf den ersten Kilometern, die über einen schmalen, fast zugewachsenen Wirtschaftsweg führen. Ich brauche am Morgen sowieso immer mindestens eine halbe Stunde, bis die Beine das machen, was sie sollen. Es ist aber kein Vergleich mehr zu den ersten Etappen, als sie das den ganzen Tag nicht so recht wussten.

am Horizont die Wacker Chemie in Nünchritz

am Horizont die Wacker Chemie in Nünchritz

Wacker Chemie Nünchritz hüllt sich am Horizont in dicke Rauchwolken. Ich bin schon oft an dem Werk vorbei gefahren. Aber so viel Rauch habe ich dort noch nie gesehen. Das Werk liegt direkt an der Elbe vor Riesa und in den letzten Jahren wurde es stark erweitert. Unsere sechs wackeren Mitstreiter waren gestern noch dort hin gegangen. Sehr idyllisch sieht das aber nicht aus. Wir schwenken nach rechts, lassen also Nünchritz links liegen und gehen über Weißig nach Roda. Dort im Dorfkrug gibt es bei Familie Linke ab 11 Uhr ein Pilgermahl. Leider sind wir viel zu zeitig dort.

Sonnenblumenfeld hinter Roda

Sonnenblumenfeld hinter Roda

Das Wegstück ab Roda gilt es zu genießen. Denn danach gibt es lange keine Gelegenheit mehr dazu. Wir wandern vorbei an großen Sonnenblumenfeldern, die schon erntereif sind und deswegen einen recht traurigen Anblick bieten. Das anschließende Waldstück wird heute das letzte sein. Und so verschwindet jeder noch einmal hinters Gebüsch. Wir hören bereits die stark befahrene B98, der wir an den letzen beiden Tagen immer wieder begegneten. An ihr müssen wir nun ein ganzes Stück bis Zeithain auf einem Radweg entlang laufen. Doch zuerst kommen wir nach Glaubitz. Mitten im Ort, gegenüber des Teiches sehen wir einen kleinen Laden, der geöffnet hat.

Imbiss in Glaubitz

Imbiss in Glaubitz

Was haben wir gelernt? 1. Direktive beim Pilgern: Nutze die Gelegenheit! Und schon sind wir drin. Es ist fast eine kleine Kaufhalle mit angeschlossenem Imbiss. Der Imbiss ist aber noch geschlossen. Wir fragen nach einem Kaffee und die nette Betreiberin öffnet für uns ihren Imbiss. Etwas Gebäck nehmen wir uns aus dem Laden mit und so sitzen wir allein im Gastraum und machen Pause. Die Frauen schnattern angeregt. Es geht irgendwie um Katzen, bekomme ich gerade so mit, während ich mit den Augen zu kämpfen habe. Ich schrieb ja schon: Irgend wie stehe ich heute neben den Schuhen. Müde bin ich. Das ist es. Da hilft nur eins: Weiter laufen.

Zwangspause vor Zeithain

Zwangspause vor Zeithain

Wir zahlen also und machen uns auf zu einem der hässlichsten und nervigsten Wegabschnitte unserer Wanderung. Immer auf dem asphaltierten Radweg geht es entlang der B98 auf Zeithain zu. Einige Autoinsassen blicken seltsam mitleidig oder verständnislos zu uns rüber, wenn sie vorbei rauschen. Wir würden auch lieber wo anders lang laufen, möchte ich ihnen zurufen. Kurz vor dem Ort verlässt uns der tosende Verkehr in Richtung Riesa. An einer Bahnschranke warten wir, in den Ort eingelassen zu werden. Zeithain ist ein recht ansehnlicher und großer Ort. Was sich dann aber anschließt, ist eine Zumutung. Hier heißt es nur Augen zu und durch. Denn es gibt nun nicht mal mehr einen Radweg, den wir benutzen könnten. Es ist zwar eine Nebenstraße. Auf dieser verkehren aber jede Menge Fahrzeuge. Davon viele große Kipper, die massenweise Baumaterial aus der Kiesgrube Zeithain holen, an der wir auf dieser Straße vor bei hasten.

Lockerungsübungen

Lockerungsübungen

Ich ertappe mich dabei, immer schneller zu werden, um diesem Wahnsinn möglichst schnell zu entfliehen. So zieht sich unsere kleine Gruppe etwas auseinander. Ein ganzes Stück nach mir kommt Betina und viel später auch Andrea angetrottet, während ich am Abzweig nach Gohlis auf die Frauen warte. Betina bleibt auf der anderen Straßeneite mit hoch gestreckten Beinen liegen. Sie macht Lockerungsübungen. Vielleicht bin ich das Stück wirklich zu schnell gelaufen. Andrea macht auch kein glückliches Gesicht, als sie nach kommt. Als wir wieder zusammen sind, verspreche ich aber, dass es nun besser wird. „In Gohlis kommen wir an die Elbe und dann gehen wir auf dem Elberadweg weiter. Das wird sicher schöner.“, sage ich zuversichtlich. Zunächst jedoch heißt es weiter auf Asphalt zu laufen bis nach Gohlis.

Panorama an der Elbe bei Gohlis

Panorama an der Elbe bei Gohlis

In Gohlis wird viel gebaut. Die Kanalisation wir erneuert. Aber auch in den Grundstücken sieht man viele Baustellen. Hier war im Juni diesen Jahres wieder einmal die Elbe ein ungebetener Gast. Nach dem Jahrhunderthochwasser von 2002, dessen Wasserstandsmarken man an vielen Hauswänden sieht, stieg in diesem Jahr das Hochwasser wiederum auf fast die gleiche Höhe. Es ist zu sehen, dass einige im Ort danach aufgegeben haben und weg gezogen sind. Wir gehen weg von der Hauptstraße und sind nun auf dem Elberadweg.
alle wollen aufs Foto

alle wollen aufs Foto

Links von uns glitzert der Fluss in der Sonne und auf den saftigen Elbwiesen stehen einige Ponys, die sich aufs Bild drängen, als wir sie fotografieren.. Wenn man das so sieht, kann man sich das kaum vorstellen, wie es möglich ist, dass dieser Fluss so weit ansteigt. Es liegen etliche Höhenmeter zwischen der Wasseroberfläche und dem Weg. Vor einigen Grundstücken haben die Besitzer selbst Flutmauern mit Spundwänden errichtet. Diese haben aber auch in diesem Jahr nicht verhindern können, dass die Erdgeschosse der Häuser geflutet wurden. Bei vielen Häusern sieht man, dass die untere Etage immer noch nicht bewohnt ist und die Fenster zur Lüftung offen stehen. Der Putz ist abgeschlagen und wird erst erneuert, wenn die Wände wieder ausgetrocknet sind.

ausgedehnte Pause an der Elbe

ausgedehnte Pause an der Elbe

Wir blicken zur anderen Seite und sehen das Idyll des dahin fließenden Stromes. An einer windgeschützten Stelle unter einem Baum machen wir Rast, legen uns ins Gras, essen etwas und schlummern ein. Die Sonne brennt uns aufs Gesicht und am Abend gibt es einen Sonnenbrand auf der Nasenspitze. Diese Ruhe ist herrlich nach der lauten Straße. Wir genießen die Zeit und sagen nicht viel,um die Ruhe nicht zu stören. Die Wanderschuhe liegen im Gras und die Socken können ausdampfen. Ich weiß nicht, wie lange wir da gelegen haben. Und wenn ich nicht zum Aufbruch gemahnt hätte, wären wir bis zum Abend geblieben. Beim Aufstehen kann ich ein Stöhnen nicht unterdrücken. War doch ganz schön hart auf dem Boden und die Beine spürt man jetzt schon nach diesem Eilmarsch.

auf dem Elbdamm

auf dem Elbdamm

Langsam schlendern wir über den Elbdamm. Strehla unser Ziel ist schon zu sehen und auch die Fähre, mit der wir über den Fluss setzen wollen. Wir gehen über eine sehr breite Wiese, auf der eine ganze Armada von Beleuchtungsmasten steht, scheinbar sinnlos. Denn darunter ist nichts als Gras. Ich beschließe den Fährmann zu fragen, was das zu bedeuten hat. Geduldig warten wir am Steg, bis sich am anderen Ufer was tut und die kleine Motor betriebene Fähre schnell näher kommt. Genau so schnell wie sie herüber kam, gelangen wir dann auch zum gegenüber liegenden Ufer. Ich habe kaum Zeit ein paar Fotos zu schießen.

Personenfähre in Strehla

Personenfähre in Strehla

Schnell frage ich den Fährmann noch nach den Lichtmasten. Zuerst veralbert er mich und meint das wäre ein Golfplatz. „Ja genau!“ sage ich. „Nun aber wirklich!“ mahne ich ihn zur Ehrlichkeit. „Das ist ein Festplatz“. meint er dann. Au, das müssen ja große Feste sein, die hier veranstaltet werden. Da muss ich mal drauf achten. Als wir vom Kahn klettern und die steile Kopfsteinpflasterstraße hinauf steigen, sagt Betina plötzlich, dass ihre Reise wohl heute zu Ende geht. Wir bleiben geschockt stehen und fragen was los ist. Betina hat Probleme mit dem Sprunggelenk und will lieber aufhören, bevor es noch schlimmer wird. Sie hatte uns die Geschichte um ihr Sprunggelenk mal erzählt und wir können ihre Entscheidung, so traurig sie ist, nachvollziehen. Im Stillen mache ich mir Vorwürfe, ob ich nicht doch zu schnell gelaufen bin heute, als die Strecke so öde war.

Rathaus in Strehla

Rathaus in Strehla

Langsam und etwas bedrückt laufen wir zur Stadt hinauf. Auf dem Marktplatz bleibe ich stehen und bemerke, wie die beiden Frauen in einem Laden verschwinden. Mit vollen Tüten kommen sie nach und wir suchen die Adresse der Unterkunft. Diese müsste in der Nähe der Kirche sein, deren Turm unübersehbar vor uns steht. Wir gehen in diese Richtung, über den Friedhof an der Kirche vorbei und stehen vor dem Pfarrhaus. Drinnen ist alles dunkel. Wir klingeln und niemand meldet sich. Im Fenster hängt wie immer ein Zettel mit den Kontaktmöglichkeiten. Zuerst meldet sich der Pfarrer am Telefon, der aber sagt, dass er nicht in Strehla ist. Wir sollen uns gerade rüber bei einer Frau melden. Ich also hin. Aber ohne Erfolg. Sie hört weder auf mein intensives klingeln, noch sehe ich sie hinter dem Haus im Garten, wo ich auf Hinweis des Pfarrers ebenfalls nach sehe.

die Herberge in Strehla

die Herberge in Strehla

Zur Herberge gelangen wir links vom Pfarrhaus durch eine offen stehende Gittertür. Sie steht sozusagen direkt hinter dem Pfarrhaus. Es ist ein schmuckes zwei stöckiges Gebäude und macht einen guten Eindruck auf uns. Aber was bringt das, wenn wir nicht hinein kommen? In Abständen von 15 Minuten versuche ich es immer wieder an der Klingel von gerade rüber – ohne Erfolg. Dann gehe ich noch ein ganzes Stück auf der Suche nach der Jugendherberge, die hier in Strehla eine Alternative bietet. Aber als es mir dann zu weit erscheint, drehe ich wieder um und rufe nochmals beim Pfarrer an. Dieser erklärt mir freundlich, dass die Frau eigentlich da sein müsste, nennt mir aber noch eine Telefonnummer in Strehla. Ich rufe nun dort an und erkläre die Situation. „Kein Problem!“ bekomme ich zu hören und „Ich bin gleich da“. Ich gehe wieder nach vorn zum Pfarrhaus, um auf unsere Retterin zu warten. Da kommt eine Frau auf mich zu und fragt mich, ob ich bei ihr geklingelt habe. Die Nachbarn hätten ihr mitgeteilt, dass da jemand da gewesen wäre, der fast die Klingel abgerissen hätte. „Na so schlimm habe ich nicht geklingelt und die Klingel ist ja noch dran“, sage ich scherzhaft. Wie abgesprochen kommt natürlich im gleichen Moment auch die eben angerufene um die Ecke. Ich muss mich erneut erklären und entschuldige mich für die Ungeduld.

der Schlafraum

der Schlafraum

Wir werden daraufhin eingelassen und finden im Obergeschoss einen schönen großen und hellen Schlafraum mit 6 Betten vor. Oben ist noch eine große Küche und unten die Toiletten und Duschen. Sogar eine Waschmaschine und ein Trockner sind vorhanden. Diese Herberge ist sehr zu empfehlen, sag ich mal. Während sich die Frauen hübsch machen, nehme ich meinen Fotoapparat und gehe noch mal in die Stadt. Jedes mal, wenn ich durch Strehla gefahren bin, fielen mir da zwei Türme auf. Und ich wollte schon immer mal wissen, wozu diese gehören und mir das ansehen. Nun weiß ich es. Sie gehören zum Schoss Strehla, einer ehemaligen Burganlage, die nach der Albrechtsburg Meissen die älteste Sachsens darstellt.

Schloss Strehla

Schloss Strehla

Bereits vor dem Jahr 900 soll hier eine slavische Wehranlage gestanden haben. Zum Schloss wurde es später erst um 1550. Die Anlage besteht aus einem Sammelsurium verschiedener Epochen, von der Spätgotik bis zur Renaissance. 1945 enteignet, wurde es zu DDR Zeiten als Kinderheim genutzt. Während der Zeit wurden viele Nebengebäude abgerissen. Heute befindet sich das Schloss wieder in Privatbesitz und wurde teil saniert. Teile der Vorburg werden als Wohngebäude genutzt. Vieles ist hier zwar weiterhin sanierungsbedürftig. Aber eine Besichtigung lohnt in jedem Fall. Nachdem ich meinem Chip also wieder ein paar Fotos hinzu gefügt habe, gehe ich zurück zur Herberge.

die beiden Schlosstürme

die beiden Schlosstürme

Zur Feier des Tages beschließen wir heute was zu kochen. Andrea sagt zu Betina: „Damit du noch in den Genuss seiner Kochkünste kommst, bevor wir uns verabschieden“. Uns ist aber eigentlich gar nicht so nach Feiern. Andrea und ich machen uns auf die Socken, um den Supermarkt zu suchen. Nach einigen Umwegen finden wir ihn und ich beschließe nach einigem Überlegen und Suchen zwischen den Regalen, Nudeln zu kochen. Mit denen konnte ich auch schon auf dem Camino Frances bei der Damenwelt punkten, auch wenn die damals alle weit über sechzig waren. Voll bepackt schleppen wir unsere Tüten zurück und ich beginne sofort mit den Vorbereitungen.
Natürlich sind auch ein paar Flaschen Krostitzer und Rotwein dabei. Zu den Nudeln gibt es Salat und ich habe noch ein Stückchen Räucherfisch von Betina bekommen. Das Essen wird förmlich zelebriert. So richtig bin ich mit der Nudelsoße zwar nicht zufrieden (ich hatte den Knoblauch vergessen) aber satt sind wir alle geworden. Wir feiern heute unseren Abschied von Betina und haben trotz des eher traurigen Anlasses noch viel Spaß.
„Wenn dein Fuß wieder ganz ist, laufen wir den Rest zusammen“ sage ich nicht im Scherz.

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