ökumenischer Pilgerweg 2. Teil – Der Tag in Görlitz

Die breite Straße, in die sie alle gehen, scheint die richtige zu sein, sagte ich zu Andrea als wir aus dem Bahnhof kommen.. Berliner Straße, das klingt auch sehr bedeutend. Und schon folgten wir der Fußgängergruppe. Fast hätte ich die Grünphase verpasst, weil ich noch schnell ein Foto vom Bahnhof machen wollte. Schnell renne ich noch über die Straße.
Jugendstil Portal in der Berliner Straße

Jugendstil Portal in der Berliner Straße

Ja, das muss richtig sein hier. Denn die Straße geht in eine Fußgängerzone über – ein Indiz dafür, dass man sich dem Stadtzentrum nähert. Bis auf ein paar graue Überbleibsel, die auf Sanierung warten, waren bereits hier die Straßenzeilen schön anzusehen. Mir fällt ein großes Portal im Jugendstil auf der rechten Straßenseite auf, welches weit aus der Häuserflucht heraus ragt. Und schon habe ich wieder den Fotoapparat in der Hand. Da, ein Wegweiser! Wir befinden uns also auf dem Postplatz, gut sichtbar das Postgebäude in diesem Stil, in dem um die Gründerzeit wahrscheinlich alle Postgebäude in Deutschland gleichzeitig gebaut wurden.

Wir lassen uns von einem Schild „Theaterpassage“ zu einem kleinen Umweg verleiten, um dann doch auf dem Marienplatz zu landen. „Jetzt gucke ich erst mal, wo wir sind und wo wir hin müssen und rufe in der Herberge an“, sage ich zu Andrea und steure eine freie Bank an. Und während das GPS Gerät startet, tippe ich die Rufnummer der Herberge in mein Handy. Leider meldet sich nur der Anrufbeantworter. Artig sage ich meinen Spruch, dass wir die zwei Pilger sind, die sich vor einigen Tagen hier angemeldet haben und dass dies hier meine Rückrufnummer wäre. Ha, ich hab´s gefunden: Langenstraße 43, da müssen wir hin. Und schon stiefeln wir weiter. Eigentlich hätte ich genügend Zeit dazu gehabt. Aber ein Foto vom berühmten Kaufhaus mit der Jugendstilfassade am Marienplatz fehlt mir leider in meiner Fotosammlung.

auf dem Obermarkt

auf dem Obermarkt

Zwischen den parkenden Autos hindurch gehen wir über den Obermarkt und ich habe mein GPS Gerät vor der Nase. Hier gibt es halt noch keine Muscheln, die einen zur Herberge leiten und Papierkarten sind mir zuwider. Erstens ist Papier verdammt schwer und zweitens habe ich immer schon Probleme damit gehabt, die Dinger wieder richtig zusammen zu falten. Natürlich schaue ich mich schon nach Fotomotiven um. Und da fällt mir ein sehr schlanker Kirchturm auf. Es ist der Turm der Dreifaltigkeitskirche, einem ehemaligen Franziskanerkloster. Nur von Weitem bekomme ich ihn im Querformat ganz auf´s Foto. Man ist der lang und schmal, irgendwie ganz anders als die Kirchtürme, die ich sonst so kenne.

Georgsbrunnen am Obermarkt

Georgsbrunnen am Obermarkt

Davor ein schöner Brunnen mit einem Stadtknecht, der eine Hellebarde trägt. Solcher Art Brunnen kannte ich bisher nur aus der Schweiz und ich erinnere mich an einen sehr ähnlichen in Sion. Das wäre ein guter Treffpunkt mit Uwe, denn laut GPS Gerät war unsere Herberge nicht mehr weit. Uwe kenne ich aus dem Pilgerforum. Er ist Görlitzer, ist den öP ebenfalls schon gelaufen und hat sich spontan bereit erklärt, uns seine Stadt zu zeigen. Per SMS hatte ich uns bereits auf dem Marienplatz bei ihm angekündigt.

die evangelische Stadtmission in der Langenstraße 43

die evangelische Stadtmission in der Langenstraße 43

Doch nun ab zur Herberge. Die präsentiert sich in einem sehr schönen Gewandt. Das Haus repräsentiert in seiner Form die Görlitzer Barockarchitektur und war das Wohnhaus des Begründers der Obelausitzschen Gesellschaft der Wissenschaft Karl Gottlob Anton (nachgelesen). Heute beherbergt es die evangelische Stadtmission und gibt Pilgern eine Unterkunft. Am Eingang hängt ein Zettel. Das ist ein gutes Zeichen. Und auf dem steht, bei wem wir klingeln sollen. Völlig überrascht lässt uns die Dame eintreten und meinte, dass sie uns erst morgen erwarten würde. Nee, nee, ich habe uns für heute angemeldet und habe auch schon angerufen und auf den AB gesprochen. Sie sagt, dass sich nur für morgen zwei Personen mit dem Namen Kleinschmidt angemeldet hatten. Da sind bestimmt wir gemeint, meine ich mit der Bemerkung, dass unser Name schon oft verhohnepiepelt wurde. Erst als es ans bezahlen geht, erkenne ich unseren oder besser meinen Irrtum. Wir sind im falschen Haus. Auch auf meine Frage, ob wir hier im Gästehaus Peregrinus sind, meint die Frau ja ja. Sie hatte mich wohl nicht richtig verstanden.

unser Zimmer

unser Zimmer

Ich bin auf einen Fehler in meiner eigenen, von anderen Nutzern hoch gelobten Tabelle herein gefallen. Online ist die Tabelle mit der richtigen Adresse. Ich hatte eine frühere Version als Ausdruck eingepackt. Für alle, die es noch nicht wissen, ich habe mich mal hingesetzt und alle relevanten Infos wie Adresse, Telefonnummern, Ansprechpartner, Besonderheiten, Ausstattung, Kosten und Sehenswürdigkeiten am Ort für die Pilgerherbergen am ökumenischen Pilgerweg zusammengetragen und in einer Exel Tabelle zusammengefügt. Der Pilgerführer ist zwar sehr schön gestaltet aber eben auch ziemlich schwer. Für jemanden, der die Gramm zählt wie ich ein NoGo. Ja und in dieser Tabelle gibt es eben die Hausnummer 43 in der Langenstraße zwei mal. Richtig wären wir jedoch in der 47 gewesen. Dort befindet sich das Gästehaus Peregrinus, in dem wir uns angemeldet hatten. Hmm und das kostet die Hälfte. Aber 20 Euro inklusive Frühstück ist auch sehr preiswert und so waren wir uns nach einem zustimmenden Blick einig hier zu bleiben und den Irrtum nicht weiter aufzuklären. (Ich rief dann aber noch im Peregrinus an, um mich zu entschuldigen.) Ist ja auch kompliziert, zwei Herbergen in einer Straße, die eine nicht erreichbar, eine nahezu Namensgleichheit mit zwei anderen angemeldeten Gästen und dann auch noch das offensichtliche Missverständnis der Frau, die uns eingelassen hat.

Andrea in der Herbergsküche

Andrea in der Herbergsküche

Na das geht ja gut los, denke ich. Als ich aber das Haus und das Zimmer sehe, meine ich aber: Na das hätten wir auch schlechter treffen können. Sogar ein Fernseher ist auf dem Zweibettzimmer, was heute nicht ganz unbedeutend ist, denn es sind Bundestagswahlen. Wir hatten unsere Stimme schon per Brief abgegeben. (ein seltsamer Ausdruck finde ich. Hat man dann keine mehr??) Sonst meiden wir eigentlich auf einem Pilgerweg jede Konfrontation mit den Massenmedien, was sehr befreiend und beruhigend wirkt. Aber an so einem Tag will man schon wissen, wie die Wahl ausgegangen ist. Wir richten uns häuslich ein – das heißt, wir breiten die Schlafsäcke auf den Betten aus, essen etwas und gehen zu besagtem Brunnen, an dem wir uns mit Uwe per SMS verabredet hatten. Uwe war als Stadtangestellter zum Dienst im Wahlbüro vergattert und hatte sich für uns ein paar Stunden frei genommen.

in der Dreifaltigkeitskirche

in der Dreifaltigkeitskirche

Wir sind natürlich etwas zu früh dran und nutzen die Zeit, um uns die Dreifaltigkeitskirche anzusehen. Ich frage nach einer Fotoerlaubnis, die man für 1,50€ bekommt. „Wenn Sie gleich drei Euro bezahlen, bekommen sie von mir einen Schein, mit dem sie in allen Kirchen der Stadt eine Fotoerlaubnis haben“, sagt der Bedienstete am Tresen. Natürlich machen wir das so. Und schon stehen wir mitten in dem riesigen Raum. Und ehe ich hier alles haarfein beschreibe, setze ich lieber einen Link. Natürlich nutze ich meine gerade erworbene Fotoerlaubnis und finde viele interessante Motive. Dann wird es Zeit und wir stellen uns gut sichtbar neben dem Brunnen auf. Ich erkenne Uwe sofort, obwohl ich ihn nur auf einem Portrait im Internet mal gesehen habe. Wir begrüßen uns wie alte Freunde und schon fängt er an zu erzählen über seine Stadt. Der Stolz auf sie, ist in jedem seiner Worte bemerkbar. Am liebsten würde ich ein Diktaphon mitlaufen lassen. Denn merken kann man sich das eh alles nicht auf einmal. Ich werde mich hüten, hier zu versuchen, alles nach zu erzählen. Fahrt selbst hin nach Görlitz. Schaut es euch an und ihr werdet begreifen, dass man aus einem mittelalterlichen Stadtzentrum auch etwas anderes machen kann, als eine gesichtslose und austauschbare Einkaufsmeile, die sich von Stadt zu Stadt nur dadurch unterscheidet, dass die  Reihenfolge der Konsumtempel eine andere ist. Und auch ohne dieses überdimensionierte Konsumangebot kann so eine Stadt lebendig wirken.

Rathaus am Untermarkt

Rathaus am Untermarkt

Zu jedem Haus weiß Uwe eine Anekdote zu erzählen und ich frage ihn, was er beruflich macht. „Ich bin der Feuerwehrchef der Stadt“, entgegnet er. Na nun ist mir auch klar, warum er soviel von der Stadt weiß. Wer sonst, wenn nicht die Feuerwehr sollte sich gut in solch einem Wirrwar von verwinkelten, über Jahrhunderte um- und ausgebauten Altstadthäusern auskennen. Und schon klagt er mir sein Leid, welche Probleme es bereitet, in einer solchen Stadt den Brandschutz durchzusetzen. Er führt uns über den Untermarkt, erzählt etwas zur sehr interessanten Rathausuhr und weist auf den Kopf hin, der heraus schaut und bei jeder vollen Minute den Mund öffnet und der Rathaustreppe, an der eine Justitia auf einer Säule steht und warum diese Justitia keine Augenbinde trägt, wie sonst üblich.

der Flüsterbogen in Aktion

der Flüsterbogen in Aktion

Er führt uns an den Flüsterbogen und lässt uns die beeindruckende Wirkung selbst ausprobieren. Wir gehen in einen der Hinterhöfe, deren Hausdurchgänge immer so bemessen waren, dass Kutschen voller Waren hindurch passten. Überall sieht man, dass dies im Mittelalter eine bedeutende Handelsmetropole war. Dies ist der Lage an der Neiße und natürlich der Via Regia zu verdanken. Die Gestaltung und Ausstattung der Häuser verrät, dass hier viel Geld in der Stadt war und die Bürger stellten das stolz zur Schau. Heute kommt unter anderem Geld in die Stadt aus unbekannter Quelle. Denn in jedem Jahr gibt es eine Altstadtspende durch einen großzügigen Unbekannten. Früher waren es eine Million D-Mark und heute fünfhundert-tausend Euro. Ein Denkmal wünscht der Spender nicht und nur kleine Schildchen aus Aluminium verraten, dass dieses Haus mit Hilfe der Alstadtspende saniert wurde. Die Görlitzer hoffen natürlich, dass der Spender oder die Spenderin noch lange bei bester Gesundheit bleibt.

Hinterhof mit Filmrequisit

Hinterhof mit Filmrequisit

In einem Hinterhof fällt ein Schild auf, das eigentlich gar nicht in diese mittelalterliche Kulisse passt. Es ist das Überbleibsel einer Filmkulisse. Alle Szenen des Hollywood – Films In 80 Tagen um die Welt mit Jackie Chan, die in Paris spielen, wurden hier gedreht. Hollywood hat Gefallen an Görlitz gefunden. Die Kulisse ist authentisch und es bedarf weniger Veränderungen. Vielen Filmen diente Görlitz so als Kulisse, weswegen man auch von Görlywood spricht. Ihre sensationelle Kulisse mit Renaissance-Gebäuden, Barockbauten oder Gründerzeithäusern lässt die Stadt wie einen historischen Themenpark erscheinen, in der sich jede Epoche nachspielen lässt. Zur Freude der Location Scouts – jenen Leuten, die Drehorte auskundschaften – gibt es im Stadtkern keine moderne Architektur, die die Authentizität stören könnte. Filme wie „Der Vorleser“ oder der schon erwähnte „In 80 Tagen um die Welt“, „Inglourious Basterds“ oder die deutsche Produktion „Goethe“ wurden ganz oder teilweise hier gedreht. Viele Bürger verdienen sich als Komparsen ein paar Euro nebenbei. Ich stelle mir das sehr spannend vor.

vorbildlich sanierte Häuser am Karpfengrund

vorbildlich sanierte Häuser am Karpfengrund

Plötzlich bleibt Uwe vor einem eigentlich unscheinbaren Haus stehen und fragt uns, was uns daran auffällt. Ich schaue angestrengt auf das Haus, um das wahrscheinlich wahnsinnig interessante Detail zu entdecken. Es ist etwas unsymetrisch gebaut, meine ich. „Schau noch mal genauer. Was fällt dir an den Fenstern auf?“ „Die sind alle neu bis auf eines.“ „Und??““Es ist nicht geputzt.“ Erst beim zweiten Hinsehen erkannte man es. Und schon erzählt Uwe die Geschichte vom Gropius (ich hoffe, ich habe den Namen richtig verstanden), einem stadtbekannten Geizhals Marke Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens Weihnachtsgeschichte. Er war so geizig, das er selbst für seine eigene Beerdigung vorgab, wofür und wie viel Geld auszugeben ist. Um das zu kontrollieren, schaute der Gropius selbst bei seiner eigenen Beerdigung aus besagtem Fenster zu. Jeder, der danach aus dem Fenster schaute, starb kurze Zeit später, weswegen seither dies niemand mehr tat und es auch seither nie mehr geputzt wurde. Eine schaurige Geschichte, an die sich später noch weitere anschließen sollten. Doch zunächst gehen wir weiter durch den Karpfengrund, in dem Häuser stehen, die sehr denen in der Altstadt unserer Heimatstadt ähneln, zur Peters – oder auch St. Peter und Paul Kirche. Für diese haben wir aber noch später Zeit, sage ich zu Uwe.

das Waidhaus

das Waidhaus

An der steilen Straße hinunter zur Neiße fällt ein mehrstöckiges graues Haus auf, das Waidhaus. Waidhaus heißt es, weil dort früher Waid, ein Färbemittel gelagert wurde. Doch es ist schon viel älter als es scheint, denn es war ab der ersten Hälfte des 12.Jahrhunderts Bestandteil der Burg des Landesherren und besaß auch einen Turm. Doch wie vieles im Mittelalter brannte das Haus ab und wurde nach dem Wiederaufbau als Schule und als besagte Lagerhalle für Waid genutzt. Später war es sogar Feuerwehrwache. Und nun beherbergt es das Görlitzer Fortbildungszentrums für Handwerk und Denkmalpflege e.V. – wie passend.

hier beginnt unser Weg

hier beginnt unser Weg

Uwe zeigt uns einen Stein, an denen zwei Wegzeichen angebracht sind, eines für den Zittauer Jakobsweg in Richtung Prag und eines für den ökumenischen Pilgerweg, dem wir nun für 10 Tage folgen wollen. Eigentlich müssen wir morgen früh genau hier her, um wirklich vom Ursprung des Weges los zu gehen. Aber weil wir doch nun mal schon hier sind, können wir sicher darauf verzichten. Die Etappe wird eh eine der längsten und dann auch noch die Königshainer Berge dazwischen. Da werten wir das heute mal als Startzeichen. Na und gelaufen sind wir heute ja auch schon einige Kilometer. Über die Neiße gehen wir nun noch nach Polen. Das ist wirklich unspektakulär und man merkt kaum, dass man in einem anderen Land ist. Das ist halt Europa. Und es ist gut so. Hier macht uns Uwe auf eine große Tafel aufmerksam, auf der die verschiedenen hier sich kreuzenden oder beginnenden Wege erklärt werden.

barockes "Durchhaus" mit zwei Höfen nach Leipziger Vorbild

barockes „Durchhaus“ mit zwei Höfen nach Leipziger Vorbild

Zurück auf der deutschen Seite wird es leider Zeit, sich von Uwe zu verabschieden. Er muss wieder zurück ins Rathaus, zur Auszählung der Stimmzettel. Doch zuvor führt er uns, vorbei an herrlichen Barockhäusern in der Neißestraße, noch einmal zur Brüderstraße an den Georgenbrunnen, und erzählt uns die Geschichte vom Klötzelmönch, eine schaurig traurige Geschichte von einer Jungfrau, die von einem Mönch (besagter Klötzelmönch wegen des Geräusches, was seine Holzpantinen machen, wenn er eine Frauenleiche an den Haren hinter sich her zieht) umgebracht und in der Kirche vergraben wird. Der aber von einem Landstreicher wieder erkannt wird, welcher sich in der Kirche einschließen ließ, um Obdach zu finden. Der böse Mönch wurde verurteilt und lebendig eingemauert. Zu allem Überfluss und als hätte ich es geahnt, wurde natürlich viel später ein eingemauertes Skelet im Franziskanerkloster gefunden. Wer die Geschichte viel ausführlicher, eindrucksvoller und gruseliger hören möchte, sollte sich einer nächtlichen Stadtführung mit Darstellern anschließen, die regelmäßig veranstaltet wird. Zum Schluss geht es noch in die Verrätergasse, in der uns Uwe erzählt, warum die Uhr der Dreifaltigkeitskirche 7 Minuten vor geht: Einst schmiedeten Aufrührer ein Komplott gegen den Stadtrat und wollte diesen stürzen. Eine kleine Gruppe Aufrührer befand sich innerhalb der Stadtmauern, die auf Verabredung die Tore für eine größere bewaffnete Gruppe öffnen sollte. Und wie es oft bei solch einem Komplott ist, gibt es einen Verräter, der dem Rat alles steckt. Dieser ersinnt eine List und lässt die Kirchturmuhr 7 Minuten vor stellen. Vor den Toren hörte man diese Uhr nicht. Es schlägt z.B. Neune, die Gruppe in der Stadt kommt aus dem Versteck und will die Stadttore öffnen, wird aber in besagter Verrätergasse von den Stadtsoldaten geschnappt. Nun musste man am Stadttor nur noch auf den wirklichen Stundenschlag warten. die Tore öffnen und die übrigen Unholde dingfest machen. Alle wurden zum Tode verurteilt und die Uhr schlägt seit der Zeit 7 Minuten früher als die restlichen in der Stadt.

Nachbildung der Grabeskirche

Nachbildung der Grabeskirche

Mit dieser Geschichte und dem Hinweis unbedingt noch das heilige Grab zu besuchen, verabschieden wir uns von Uwe mit den Worten „Man sieht sich immer zwei mal im Leben“. Und so hoffe ich, dass wir uns irgend wann mal wieder treffen, entweder auf einem der vielen Wege oder noch besser als Stadtführer in Görlitz. Ich habe da auch schon einen Plan, will ihn aber nicht gleich damit überrumpeln, in dem ich hier darüber berichte. Kommt Zeit, kommt Rat.
Natürlich gehen wir nun zum heiligen Grab, wie es Uwe vorgeschlagen hatte. Es gibt in Europa viele Nachbauten dieser Pilgerstätte. Einzigartig ist bei dieser in Görlitz, dass sie in ihrer Anordnung bestehend aus Adams- und Golgathakapelle, Salbstein und dem Grab selbst, hier unter freiem Himmel steht und nicht wie z.B. in Jerusalem seit Kaiser Konstantin in einer baulichen Hülle. Aufbau und Geschichte des Grabes ist unter diesem Link recht gut erklärt. Natürlich frage ich nach einem Pilgerstempel vom Heiligen Grab und bekomme diesen prompt eingestempelt.

St. Peter und Paul

St. Peter und Pau
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Danach gehen wir zu St. Peter und Paul. Nach Himmelsrichtung durchqueren wir Gassen, die wir bis jetzt noch nicht gesehen hatten und die auch sonst von den Touristenströmen sicher verschont bleiben. Am Ende wartet eine Eisentreppe hinauf zur Ochsenbastei. Von hier hat man einen schönen Ausblick auf die Neiße und die Altstadtbrücke. Die Peterskirche zu beschreiben, damit wäre ich ebenfalls überfordert. Viel besser wird das hier getan. Auch hier erhalten wir einen Stempel in unsern Credencial. Wie jede gotische Kirche zeichnet sich St. Peter und Paul durch die hohen auf schlanken Säulen scheinbar schwebenden Gewölbedecken aus. Hier kann man durch die Bemalung sehr schön die Struktur des Netzrippengewölbes erkennen.

die Sonnenorgel

die Sonnenorgel

Ein besonderer Hingucker und zweifellos auch ein Ohrenschmaus ist die Sonnenorgel. Ihren Namen erhielt sie wegen der 18 Sonnen, die sich im Prospekt auf den Pfeifengruppen finden. Die im Jahre 2004 nach altem Vorbild neu errichtete Orgel (die alte war völlig verschlissen – ein altes Manual wird ausgestellt) schöpft ihre Klangfülle und -Vielfalt aus 6085 Pfeifen, 89 Registern, vier Manual- und zwei Pedalklaviaturen. Die größte der Pfeifen misst 7,82 Meter. Selbst die barocken Register, die in der Lage sind, Vogelstimmen nachahmen, wurden wieder hergestellt. Ein wirklich imposantes Instrument, das ich wirklich gern einmal in Aktion hören möchte. Doch nun habe ich Durst nach so viel Kultur. Ganz in der Nähe, am Neißeufer ragt wie ein Schiffsbug die Terrasse des östlichsten Restaurants Deutschlands in den Fluss, die Vierradenmühle. Na wenn das nicht ein Anlass ist, sich dort einen Platz zu suchen.

das östlichste Restaurant Deutschlands

das östlichste Restaurant Deutschlands

Lange müssen wir nicht suchen, denn das Wetter setzt gerade sein Bestreben fort, sich unbeliebt zu machen. Den ganzen Tag war es schon trübe. Na wenigstens trocken ist es geblieben. Und während sich Andrea einen Kaffee und ein Stück Obstkuchen einverleibt, genieße ich ein frisch gezapftes Landskron Bier aus Görlitz. Doch wenn man so sitzt, ist es doch schon empfindlich kalt und so bezahlen wir rasch und gehen zurück zur Herberge. Dort laufen schon die ersten Hochrechnungen zur Bundestagswahl und es zeichnet sich wiederum ein Sieg für die CDU ab. Dem Land hätte ich eine absolute Mehrheit gewünscht, damit sich mal was bewegt und damit mal jemand wirkliche Verantwortung übernimmt und nicht alles ausgesessen oder die Schuld auf den Koalitionspartner geschoben wird. Doch Schluss damit, Fernseher aus. Ich gehe nochmal in die Stadt, um ein paar Fotos bei Nacht in den Kasten zu bekommen. Gar nicht so einfach, denn die Görlitzer Altstadt ist so authentisch, dass sie auch recht spärlich beleuchtet ist.

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Trotzdem gelingen mir ein paar Schnappschüsse. Meine Fotosafari findet ein jähes Ende, als mein Akku schlapp macht und ich in der Herberge den Ersatzakku liegen gelassen habe. Über sowas könnte ich mich schwarz ärgern. Denn sonst habe ich bei viel unwichtigeren Sachen immer einen geladenen Ersatzakku dabei. Zurück in der Herberge habe ich dann aber auch keine Lust, noch mal los zu gehen. Und so verkriechen wir uns bei Zeiten in unseren Schlafsäcken.
Morgen liegt eine lange Etappe vor uns und das Wetter soll auch nicht so berühmt werden, zwar kein Dauerregen aber trüb und nieselig. Das Hoch, welches uns der Deutsche Wetterdienst noch in der vorigen Woche versprochen hatte, wird noch eine Weile auf sich warten lassen.

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