ökumenischer Pilgerweg 2. Teil – Der Tag der Berge

Endlich ist es soweit. Es geht nun richtig los. Doch zuvor ein Lob an meinen neuen Schlafsack: Viel Platz für meinen Astralleib, angenehme Temperaturen darin, angenehmes Material und wenig Platz, den er im Rucksack verbraucht. Im morgendlichen Ablauf sind wir beide bereits Profis. Da bedarf es nur noch weniger Worte, um den Ablauf zu organisieren. Wir sind eh am Morgen keine Plaudertaschen. Jeder hat da seinen Ablauf. Ich stehe meist als erster auf und mache Toilette, dann halte ich den Kulturbeutel vor Andrea´s Nase und in der Zeit, in der sie sich schön macht, packe ich die Schlafsäcke und mache die Wasserflaschen fertig. Alleine auf so einem Weg würde nicht nur sie mir fehlen, sondern auch die automatisierten Handgriffe.
Frühstück in der Stadtmission

Frühstück in der Stadtmission

Pfeifend verzieht sich die Luft aus dem praktischen Kompressionsbeutel mit meinen Sachen, als ich ihn zusammenrolle. Das ist ein Geräusch, das ich den Mitpilgern in einem gut belegten Schlafsaal, wie man ihn von den spanischen Wegen kennt, am Morgen nicht zumuten möchte. Aus diesem Grund mache ich das in jenen Fällen immer schon am Abend. Hier in Deutschland muss man keine missbilligenden Blicke aus verschlafenen Pilgeraugen fürchten.Wir sind wie so oft allein und ich konnte auch gestern niemanden in der Stadt erblicken, der im entferntesten aussieht wie ein Pilger oder Wanderer. Um das Frühstück müssen wir uns heute erfreulicherweise nicht kümmern. Ein Stockwerk unter uns steht es bereits auf dem Tisch. Dessen war ich mir sicher, da ich im Haus bereits vor unserem Aufstehen Unruhe vernahm.

Und wie der Tisch gedeckt ist! „Sie können sich ruhig was einpacken für den Weg.“ Das lassen wir uns nicht zwei mal sagen und ich packe uns zwei belegte Brötchen ein. Um es vorweg zu nehmen: Ich trage sie bis zum Etappenziel und sie dienen uns als Abendessen. Ich mag solche „gereiften“ Semmeln, die das Aroma des Belages während des gesamten Tages in sich aufnehmen konnten. Schon als Kind war das so, wenn ich meinen Vater von der Arbeit abholte und er seine Schnitten aus der Aktentasche zog um sie mir zu geben. Die hatten einen ganz besonderen Geschmack, den man schwer beschreiben kann: Nach einem Gemisch aus dem Leder dieser Tasche, dem Butterbrotpapier und den Akten, die er so mit sich herum trug. Schwer vorstellbar? Für mich aber eine schöne Kindheitserinnerung. Überhaupt gibt es Geschmäcke, Aromen oder Gerüche, die mich sofort zu Begebenheiten aus der Kindheit zurück führen.

im Regen nach Ebersbach

im Regen nach Ebersbach

Doch zurück nach Görlitz. Eine kurze Verabschiedung und einen Dank an die Dame des Hauses, schon stehen wir auf der Straße. Oh Mist! Es regnet. Beide haben wir noch nicht raus geschaut oder hatten es bisher nicht bemerkt. Nun ja, die Regenjacken haben wir eh an und so können wir uns unverzüglich auf den Weg machen. Uwe hatte diesen am Vortag recht gut beschrieben und wir haben wenig Mühe, den Weg aus der Stadt zu finden. Schade, dass uns Görlitz mit diesem Wetter verabschiedet. Bei Sonnenschein bekommt auch die langweiligste Strecke schöne Seiten. Wir aber gehen beständig im Nieselregen bergauf (oder es scheint nur so, weil die Beine noch nicht so richtig wollen) am Krankenhaus vorbei bis zur Stadtgrenze. Dort verlassen wir die stark befahrene Straße endlich nach links auf einen Feldweg, um kurz darauf wieder auf diese zu stoßen. Doch alles kein Problem, denn alsbald finden wir uns auf einem einsamen Radweg wieder, dessen Asphalt vor Nässe trieft. Denn es regnet nun noch stärker.

die hier versprochene Aussicht fällt heute aus

die hier versprochene Aussicht fällt heute aus

Meine Brillengläser lassen nur einen verschwommenen Blick auf die Umgebung zu. Weit kann man bei diesem Mistwetter eh nicht sehen. Na wenigstens ist die Beschilderung gut, so dass ich keine Notwendigkeit verspüre, das GPS Gerät zu bemühen. Ich habe eh damit zu tun, die Kamera einigermaßen trocken zu halten. Denn hier und da mache ich trotz der wenigen Aussicht ein paar Fotos als Gedankenstütze, und um das GPS auszuprobieren. Diese Kamera zeichnet den Track auf und ich bin gespannt, wie sich das auf die Akkulaufzeit auswirkt. In Ermangelung anderer Abwechslungen mache ich mir eben über so etwas Gedanken beim gehen. An den Sinn oder Unsinn, bei Verhältnissen bei denen ich nicht mal meinen Hund vor die Türe jagen würde, mit einem schweren Rucksack auf dem Rücken durch die Gegend zu zu latschen, mag ich im Augenblick gar nicht nachdenken. Das würde meine Laune noch mehr gegen Null sinken lassen. Ja, ich gebe es zu: Ich bin sehr gern ein Schönwetterpilger. Und jetzt habe ich schlechte Laune und ärgere mich über die nicht eingetroffenen guten Wetterprognosen des deutschen Wetterdienstes von voriger Woche. Die wollen den Temperaturanstieg in 100 Jahren berechnet haben, sind aber nicht mal in der Lage die nächsten fünf Tage verlässlich voraus zu sagen – unfassbar! Gerade hier, wo mir ein Schild am Wegesrand eine schöne Aussicht auf die Landeskrone (Hausberg von Görlitz) und das fern im Südosten liegende Isergebirge verspricht, sieht man rein gar nichts außer grauen Wolken aus denen es unerlässlich nieselt. Warum ich das immer wieder betone? Weil ich jetzt ningelich bin. Sehen wir es aber positiv, es könnte auch  Blasen regnen. Die kurzen Pausen in denen es mal nicht nieselt, lassen zumindest meine Hosenbeine wieder trocken werden.

Ebersbach Gemeinde Vierkirchen

Ebersbach Gemeinde Vierkirchen

In all meinem Groll merke ich fast nicht, wie schnell wir Ebersbach erreichen. Kein Wunder, schaue ich doch meistens nach Unten – wie schon geningelt (Sächsisch für beschweren oder selbst bemitleiden) wegen der beschlagenen Brillengläser. Die schön restaurierte im Tagesgrau strahlend gelb leuchtende Kirche lassen wir auf ihrem Hügel links liegen, was nicht abwertend gemeint ist. Das Tor ist nur einfach zu. Und so gehen wir in dem recht hübschen Ort über eine kleine Brücke, von der ich ebenfalls ein paar lohnende Fotomotove entdecke.

auf der Brücke über den Ebersbach

auf der Brücke über den Ebersbach

Kurze Zeit und keine 200 Meter weiter schallt uns ein „Buen Camino“ entgegen. Fast bin ich erschrocken, in jedem Fall aber hoch erfreut – ein Leidensgenosse! Er steht unter dem Vordach einer ehemaligen Konsum – Kaufhalle, die nun nur noch oder wenigstens als Regenschutz für nasse Pilger dienen kann. Es ist Andreas* aus Kassel (*Namen und Wohnort geändert), der ebenfalls heute in Görlitz gestartet ist. Ein kurzes woher und wohin und schon sind wir beim Thema und jeder glaubt den anderen schon lange zu kennen. Es ist halt so auf einem Weg mit dem gleichen Ziel. Er berichtet auch von zwei Frauen, die er in Görlitz getroffen hat. Eine davon sollten wir viel später noch kennen lernen. Er ist gerade beim zweiten Frühstück. Wir warten, bis er fertig ist und gehen gemeinsam weiter. Es geht den Königshainer Bergen zu. Diese sind zwar das kleinste Gebirge Deutschlands aber trotzdem nicht ganz ohne.

ein Sonnenloch vor der Landeskrone

ein Sonnenloch vor der Landeskrone

Doch bevor wir den Gebirgszug erreichen, machen wir dann doch noch einige Sonnenstrahlen aus. Wie ein himmlischer Scheinwerfer setzt die Sonne interessante Lichtflecken in die Landschaft. Schnell die Kamera raus, bevor das Schauspiel wieder zu Ende ist. Im Weitergehen fällt mir Andreas* etwas unrunder Laufstil auf. Er trägt leuchtend blaue Laufschuhe, die ihm offenbar Kummer bereiten. „Wenn was zwickt an deinen Füßen, dann schau lieber gleich mal nach, bevor sich eine Blase bildet“ sage ich zu ihm.

der Weg in die Königshainer Berge

der Weg in die Königshainer Berge

Er stimmt mir zu und schnell haben wir an einem Hochstand eine günstige Stelle gefunden, um die Schuhe und Socken auszuziehen. „Ich habe immer Kinesiotape mit. Das hält gut und beugt Blasen an reibenden Stellen vor.“ Schnell haben wir die gefährdete Stelle lokalisiert. Die Einlagen in den Schuhen verursachen diese Schmerzen und ich verarzte seine geröteten Fußballen, in dem ich mein blaues Tape darüber klebe. Ich hoffe, dass es nicht zu spät ist. Ich kann mir auch eine Bemerkung nicht verkneifen, ob die Schuhwahl nicht etwas gewagt ist. Andreas* meinte, dass er die Schuhe mal ausprobieren wollte. Er arbeitet selbst in einem Outdoorladen und scheint mir auch nicht zum ersten mal zu Fuß unterwegs zu sein. Um so unverständlicher ist mir die Wahl dieser Schuhe. Die Wege werden mit jedem Tropfen vom Himmel matschiger und der anfängliche Asphalt ist längst steinigen Feldwegen mit vielen fiesen Pfützen gewichen. Und nun beginnt auch noch der Anstieg in die Königshainer Berge.

der Aufstieg

der Aufstieg

Der Weg wird nun auch immer steiler und meine Atmung immer schwerer.“ Nur noch ein Stück und wir sind auf dem Hochstein. Dort ist eine Baude, da können wir was essen und trinken“ so meine aufmunternden Worte, die etwas keuchend klingen. Um Andrea mache ich mir keine Sorgen. Aber Andreas* geht immer schwerer. Er hustet auch viel und auf meine Frage wie es ihm geht, antwortet er, dass er gerade eine Bronchitis hinter sich hat – nicht gerade die besten Voraussetzungen einen Pilgerweg zu gehen, noch dazu bei diesem Wetter. „Noch ein paar hundert Meter auf einer steilen Asphaltstraße und wir müssten an der Baude sein“ beruhige ich.

der Hochsteinfelsen

der Hochsteinfelsen

Gespenstisch taucht aus dem Nebel die massige Felsformation auf dem Gipfel des Hochsteins auf. Zuerst hielten wir es für ein Gebäude. Doch dann sah ich den quer gerillten ausgewaschenen Fels. Erst dahinter taucht die Hochsteinbaude auf, zum Glück geöffnet. Sicher hat man von den Felsen, auf die man mittels Eisentreppen steigen kann, einen fantastischen Ausblick. „Hätte“ hätte ich hier schreiben sollen, denn der Aufstieg wäre völlig sinnlos gewesen.

die Hochsteinbaude

die Hochsteinbaude

Durchnässt und nun auch noch frierend betreten wir die Baude und werden freundlich begrüßt. Wir sind die einzigen Gäste und haben die freie Tischwahl. Um der Chefin Wege zu ersparen, setzen wir uns nicht ganz so weit weg vom Tresen. Ein Bier hab ich mir nach diesem Aufstieg doch sicher verdient und auch Andreas* bestellt sich eins. Obwohl für ihn sicher Hustentee besser gewesen wäre. Extra für uns steht auf der Karte eine Pilgersuppe und wir sind uns einig, dass so eine Gemüsesuppe genau das richtige jetzt ist. Alles andere würde zu schwer im Magen liegen, denn wir haben noch nicht mal die Hälfte des heutigen Weges geschafft. Andreas* ist zwar der Meinung, dass es nach dem Abstieg vom Hochstein noch einmal auf die gleiche Höhe gehen würde. Ich bin aber der Überzeugung, dass er sich irrt.

Arnsdorf in Sicht

Arnsdorf in Sicht

Zum Glück behalte ich Recht. Auf rutschigen nassen Wegen geht es nun steil bergab durch den triefenden Wald. Von fern ist die Autobahn A4 zu hören, die in einem Tunnel die Königshainer Bergen unterquert. Dann endlich raus aus dem Wald in dem der Nieselregen zu großen Tropfen gesammelt, uns dauernd auf die Köpfe klatscht. Hinter einem großen Maisfeld kommt Arnsdorf in Sicht. Hier gibt es eine Herberge, für uns aber viel zu zeitig auf dem heutigen Weg. Nun sind wir eh nass und wer weiß, wie es morgen ist. Die Füße sind noch gut und so entschließen wir uns, wie geplant hier nicht in die Herberge zu gehen. Für Andreas* wäre das vielleicht besser gewesen. Sein Husten verschlimmert sich und ehrlich gesagt, habe ich etwas Bedenken wegen der bevorstehenden Nacht. An Schnarcher habe ich mich gewöhnt (ich weiß, was Andrea jetzt dazu sagt – von wegen Glashaus und so!) aber sein Husten würde uns die Nachtruhe rauben.

in der Kirche von Arnsdorf

in der Kirche von Arnsdorf

Bevor wir jedoch Arnsdorf verlassen, besichtigen wir noch die offene Kirche, in der vor allem die schön bemalte Decke und die alten in der Apsis frei gelegten Fresken ins Auge fallen und etwas besonderes sind.

Das Besondere im nächsten Ort Döbschütz ist das Wasserschloss, das sehr romantisch am Ortsrand in einem Wald versteckt, umringt von einem Wassergraben auf Restaurierung wartet.

Wasserschloss Döbschütz

Wasserschloss Döbschütz

Auf dem Dammweg entlang der wild mäandrierenden Schwarzen Schöps erreichen wir Melaune. Am Ortseingang fällt eine große asphaltierte Fläche, eingerahmt von einer Holzbande auf – ein Eisstadion. Davor befindet sich eine überdachte Outdoor – Kegelbahn, für Andrea als aktive Keglerin besonders interessant. Hier in diesem Ort scheint man überhaupt sehr aktiv zu sein. Unter dem Dach eines großen Feuerwehrdepots machen wir eine kurze Verschnaufpause. „Es ist nicht mehr weit bis Buchholz, vielleicht noch fünf, sechs Kilometer, dann haben wir es geschafft“, versuche ich uns aufzubauen, da es wieder anfängt zu regnen.

die Herberge in Melaune

die Herberge in Melaun
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Auch in Melaune gibt es eine Pilgerherberge an der wir jedoch ebenfalls vorüber gehen. Der folgende Weg ist recht hart. Nachdem wir ein kurzes Stück sehr belebte Landstraße überstanden haben, biegen wir links in einen betonierten Feldweg ein, der über freies Gelände an einigen Windkrafträdern vorbei führt. Wer schon mal vor Freyburg / Unstrut auf dem ÖP den Höhenrücken vor der Göhle von Windrad zu Windrad gepilgert ist, weiß wie weit die Dinger auseinander stehen.

der endlose Weg an den Winkrafträdern

der endlose Weg an den Winkrafträdern

Irgend jemand scheint das letzte Rad immer weiter weg zu versetzen. So auch hier auf dem zugigen Betonweg, der kein Ende zu nehmen scheint. Ein großes hölzernes Kreuz am Weg klärt uns auf, dass man vor vielen Jahren vor hatte, hier eine Sondermülldeponie zu errichten. Scheinbar hatten die Proteste Erfolg, denn außer Feldern ist hier weit und breit nichts zu sehen. Nur der Kirchturm von Buchholz ist schon auszumachen. Oder ist es doch erst der von Tetta? Wenig später erkenne ich es. Wir sind erst in Tetta. Hier soll es so kurz vor Buchholz noch eine Einkaufsmöglichkeit geben. Ich frage einen Anwohner bevor er wieder verschwindet danach. Er erzählt mir aber nur von einem Getränkemarkt in Buchholz, der auch andere Waren des täglichen Bedarfs anbietet. Das genügt uns eigentlich und so machen wir uns auf das letzte Stück nach Buchholz hinter uns zu bringen. Die Wegzeichen führen uns kreuz und quer durch den Ort entlang zweier großer Teiche.

die Herberge in Buchholz

die Herberge in Buchholz

Nun ist auch er Kirchturm von Buchholz auszumachen und ich weiß, dass wir gleich da sind. Die beiden hinter mir schauen aber, als wenn ich sie veralbern will und eine Extrarunde drehe. Gleich gegenüber der Kirche steht ein schmuckes restauriertes Haus, die ehemalige Schule des Ortes. Ich entdecke ein Schild im Fenster neben der Tür, auf dem wir willkommen geheißen werden und mitgeteilt bekommen, wie und wo wir den Schlüssel für die Herberge bekommen. Die einfachste Methode nutzte ich, in dem ich zwei Häuser weiter gehe und klingle. Hmm, niemand da. Oben geht aber ein Fenster auf, aus dem mir die heraus schauende Frau bestätigt, dass niemand da wäre, der mich in die Herberge lässt. Also wieder zurück zum Haus. Ich rufe noch mal bei Frau Leubner an, die ich am Vormittag schon mal an der Strippe hatte. Hmmm… Anrufbeantworter…. Ich lege auf, bevor dieser Piep ertönt. Ich rede nicht so gern mit Automaten. Dann entdecke ich noch eine zweite Rufnummer, an der ich jemanden erreiche. Wenig später kommt eine Frau mit ihrem Fahrrad direkt auf uns zu gefahren. Was wir wollen, erkennt wohl jeder und so lässt sie uns ohne weitere Umschweife in das Haus.

DSC02799Und das Haus ist eine Wucht! Alles neu und modern eingerichtet, neue saubere Duschen, eine große Küche mit vollem Kühlschrank, Fertigsuppen und Getränkekästen (Wasser, Limo, Bier). Selbst Rotwein und Sekt stehen im Schrank. „Was ihr verbraucht – dort hinten steht die Kasse.“ Das ist umwerfend und den Getränkemarkt brauche ich jetzt nicht mehr im Ort suchen. Selbst eine Haube mit der Aufschrift „selbst gebackener Kuchen für unsere Gäste“ entdecke ich. Meine Sorge wegen des Hustens von Andreas* ist auch schnell zerstreut, denn es gibt drei Zimmer, von denen wir zwei eines beziehen, was offensichtlich sonst als Büro genutzt wird. Die Einrichtung, der betriebsbereite PC auf dem Schreibtisch und die Liege, auf der wir unsere Schlafsäcke ausbreiten, alles wirkt auf mich wie ein Zimmer, das der Sohn des Hauses gerade für uns geräumt hat. Das stehen viele Utensilien, Bücher und Unterlagen, die dann trotzdem verraten, dass dieser Bereich von der Kirchgemeinde intensiv genutzt wird. Andreas* hat das Zimmer neben uns. Er sitzt regungslos auf seinem Bett und starrt gegen die Wand. Er scheint völlig fertig zu sein und erst am Abend ist er wieder ansprechbar.
in der Herberge Buchholz

in der Herberge Buchhol
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Eine Holztreppe führt auf einen schön ausgebauten Spitzboden, in dem sicher noch einmal 6 Pilger auf Matratzen Platz finden könnten. Alles ist liebevoll eingerichtet und modern ausgestattet, so richtig zum Wohlfühlen. Das tue ich jetzt auch.

unser Zimmer

unser Zimmer

Ich sehe keine Veranlassung das Haus bei diesem Wetter noch mal zu verlassen. Nach der Dusche gibt es in der Küche ein Bierchen und wir verspeisen unsere mitgebrachten belegten Semmeln vom Morgen, im schon beschriebenen Zustand. Knusprig ist was anderes – aber schön durchgezogen und weich sind die Semmeln. Später kommt dann auch Andreas* aus seiner Lethargie erwacht in die Küche, um sich sein Abendessen zu bereiten. Und was er da auspackt, versetzt mich in Erstaunen. Da steht neben dem Elektro – Einbauherd sein Camping – Gaskocher und er bereitet Nudeln aus einer Art schock – getrockneten Überlebensration, diese Trockennahrungstüten, die man aus Outdoorläden kennt.

schöner alter Ofen in der Herberge

schöner alter Ofen in der Herberge

Also entweder er hat einen Forschungsauftrag seines Arbeitgebers oder er hat völlig falsche Vorstellungen von Ostdeutschland. Ich traue mich gar nicht zu fragen, mache aber trotzdem eine flapsige Bemerkung, die er mir hoffentlich nicht übel nimmt. Es ist wirklich ein netter Kerl, mit dem wir uns vor dem zu Bett gehen noch angeregt unterhalten. Aber er macht mir irgendwie Sorgen, ob er den nächsten Tag übersteht. Sein Husten ist noch recht schlimm. Seine Füße haben doch noch Blasen bekommen und das wird auch nicht durch das Tape, das ich ihm von meinem angebe besser werden. Und sein Rucksack beinhaltet wahrscheinlich die Nahrung für den gesamten Weg durch den wilden Osten und hat damit ein entsprechendes Gewicht. Ja und das in diesen Schuhen, ich mache mir so meine Gedanken, will ihn aber nicht mit diesen konfrontieren und verunsichern. Irgend wann wird es Zeit für den Schlafsack. Den Wein und den Sekt lassen wir im Schrank. Wir sind nach diesem Tag der Berge auch so müde genug.

Gute Nacht und bis Morgen.

*Den Namen und den Wohnort unseres Begleiters auf dieser Etappe habe ich vorsorglich geändert, da ich nicht weiß, ob es ihm recht ist, dass ich ihn hier erwähne.

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