ökumenischer Pilgerweg 2. Teil – Der Tag der Anreise

Vor einer Reise hat man doch immer so Bilder im Kopf und möchte sich vorstellen, wie es dort wo man hin will aussieht und wie es sein wird. Und da die Wirklichkeit meist noch schöner oder zumindest anders ist, als das, was man sich ersponnen hat, laufen wir nun schon zum 5. Mal los, um die Bilder gerade zu rücken. Und nach 10 Tagen wollen wir wieder zu Hause anzukommen. Doch zuerst laufen wir mal zum unteren Bahnhof von Delitzsch. Es ist noch dunkel, das Haus ist kalt und der gestrige Tag steckt mir noch in den Knochen. Gestern war nämlich bei uns im Ort Landes – Erntedankfest. Eine Veranstaltung fand zusammen mit dem schon traditionsreichen Hoffest bei unserem ortsansässigen Kartoffelbauern statt. Schon Tradition ist es dabei auch, dass wir als Heimatverein und Freiwillige Feuerwehr bei der Ausrichtung helfen. Und so hatte ich etliche Meter Kabel verlegt, Lautsprecheranlagen installiert und am Abend wieder abgebaut. Da waren sicher wieder einige Kilometer zusammen gekommen und spät war es auch geworden.
und das nehmen wir alles mit

und das nehmen wir alles mit

Und das bedeutete, dass die letzten Vorbereitungen für unsere Reise erst spät am Abend statt fanden. Dazu hatte ich wie immer den gesamten Inhalt der Rucksäcke auf dem Boden verteilt, um ja nichts zu vergessen. Am Morgen dann noch mal ein prüfender Blick – alles da. Der Rucksack scheint nur halb voll zu sein, obwohl wir unser Abendessen und die Wegzehrung schon dabei haben. Vielleicht hätte es auch der kleinere Deuter getan, der allerdings 400 g schwerer ist. Na egal, nun ist alles gepackt, die frisch gewachsten Wanderschuhe, die mich die nächsten Tage durch Sachsen tragen werden, sind geschnürt. Schon klappert die Tür im Schloss und ein letzter Blick zurück lässt unser Haus im Dunkel verschwinden. Irgend etwas kneift noch. Es wird noch etwas dauern, bis ich die optimale Einstellung der Rucksack – Riemen gefunden habe. Stumm laufen wir nebeneinander her, noch etwas müde aber in froher Erwartung auf die kommenden Tage.

 

Es ist nicht weit bis zum unteren Bahnhof. Nach 20 Minuten rennen wir die letzten Meter zum Zug, der bereits am Bahnsteig abfahrtbereit da steht. Es ist ein Zug vor unserem, den wir gerade noch erwischt haben – eigentlich Quatsch, da wir in Leipzig genügend Aufenthalt haben und nun dort länger warten müssen. Auf dem modernen und lebendigen Hauptbahnhof in Leipzig sollte das aber kurzweiliger sein.

im Zug nach Leipzig

im Zug nach Leipzig

Andrea fragt ängstlich, ob wir mit diesem Zug überhaupt fahren dürfen. Prüfend schaue ich noch mal in meine Tasche und stelle beruhigt fest, dass das ausgedruckte Ticket darin ist. „Ja, ja, das wird schon gehen“ sage ich. „Das kurze Stück wird´s die Bahn schon nicht so eng sehen“ – obwohl ich weiß, dass auf meinem ausgedruckten Zugticket steht, dass nur die ausgewiesenen Beförderungsmittel benutzt werden dürfen. Schnell ist Leipzig erreicht und wir steigen unkontrolliert aus. Nee, nee, nicht so! Wir wurden nicht kontrolliert im Zug meine ich. Und so werden wir nie erfahren, ob unser Ticket gültig war oder nicht. So, nun haben wir also noch über ne Dreiviertelstunde Zeit.

Leipzig Hauptbahnhof

Leipzig Hauptbahnhof

Die Bänke auf dem Bahnsteig sind hart und glatt. Ich rutsche mit meiner neuen Wanderhose von Lidl (9,99€ !!) hin und her auf dem lackierten Holz. Die vielen Reisenden um uns herum warten auf einen anderen Zug. Und als dieser den Bahnhof verlässt, sind wir fast allein auf dem Bahnsteig. Das ändert sich auch kaum, als man den ICE nach Dresden bereit stellt. Es ist das erste mal, dass ich der bekennende Auto – Junkie mit einem ICE fahren werde. Andrea ist noch auf Toilette, als ich neugierig durch die Scheiben des Bistrowagens schaue. Ich nehme also die beiden Rucksäcke und gehe etwas nach vorn, am 1. Klasse Wagen vorbei. Andrea wird mich schon sehen auf dem immer noch fast leeren Bahnsteig. Als sie endlich zurück kommt, kann ich den unbequemen Bahnsteigsitz gegen den weichen des ICE tauschen.

ICE Torgau

ICE Torgau

Kindisch freue ich mich über die gläsernen Abteiltüren, die wie auf dem Raumschiff Enterprise zischende Geräusche machen, als sie wie von Geisterhand bewegt vor uns zur Seite verschwinden. Pfffft macht es auch wieder hinter uns und es ist ….. Ruhe. Das ist das erste, was mir auffällt. Wir wählen einen Platz mit Tisch, an dem wir uns gegenüber hinsetzen. Andrea hat Kaffee und Gebäck mitgebracht und so können wir in dieser angenehm ruhigen Umgebung frühstücken. Das ganze hat etwas vom Innenraum eines Flugzeuges. Ich bin begeistert. Nicht mehr so begeistert bin ich, als es sich eine Schulklasse gerade in unserem Abteil bequem macht. Andrea meint: Zu Hause sind sie maulfaul und man muss ihnen jedes Wort aus der Nase ziehen und hier unter sich ist kein Thema zu blöd, um sich nicht darüber laut schnatternd auszutauschen. Ja, ja die lieben Kinderchen!

die Landschaft gleitet vorbei

die Landschaft gleitet vorbei

Um die Sache abzukürzen – in etwa einer Stunde waren wir in Dresden Neustadt und bis auf das letzte Stück vor dem Neustädter Bahnhof in rasanter Geschwindigkeit. Das ist kein Vergleich zu früher, als ich die Strecke zwei Jahre lang alle 14 Tage, meist im Stehen mit einem D-Zug der Deutschen Reichsbahn zurück legen musste. Ein Viertel meines wertvollen Heimfahrtwochenendes verbrachte ich so in den Fängen der Deutschen Reichsbahn. Was man da alles erleben kann, könnte Bücher füllen. Das ist sicher ein Vorteil des Bahnfahrens gegenüber dem Auto, man hat Zeit sich mit den Umständen und den Leuten um einen herum zu beschäftigen und auseinander zu setzen. Wir beschäftigen uns nun aber mit dem Neustädter Bahnhof. Von Baustellen verursacht gehen wir treppauf und treppab und durch dunkle schmutzige Gänge, um in die Bahnhofshalle zu gelangen.

Dresden Neustadt

Dresden Neustadt

Und wir sind völlig überrascht von dem, was wir da erblicken. Denn so hässlich die Bahnsteige sind, die Halle haben sie schön hin bekommen. Hell und freundlich erscheint sie mir, als wir aus dem Dunkel des schmuddeligen Durchgangs kommend in sie hinein gehen. Sofort fallen mir die zwei Imbissstände auf.

Dresdener Eierschecke

Dresdener Eierschecke

Alte Pilgerweisheit: Iss dann, wenn es was gibt, nicht wenn du Hunger hast. Später könnte es keine Gelegenheit mehr geben. Und schon stehen zwei Pötte Kaffee und zwei Teller mit Dresdener Eierschecke vor uns. Wer Dresdener Eierschecke noch nicht gegessen hat oder sie sogar überhaupt nicht kennt, was kaum vorstellbar ist, hat nie gelebt! Mit dem letzten Löffel stelle ich jedoch fest – zu viel! Die Augen waren wieder größer als der Magen. Ich ärgere mich dann immer maßlos, trage ich damit natürlich dazu bei, meinen Körper in die falsche Richtung wachsen zu lassen. Ich muss abnehmen! Beim Gepäck knausere ich mit jedem Gramm und ich selbst trage kiloweise überflüssiges Gewicht mit mir rum. Aber der innere Schweinehund will erst mal besiegt werden. Und ob die Pilgerei mich dabei weiter bringt, dazu bin ich inzwischen geteilter Meinung. Auf dem ersten Weg (800 km in 5 Wochen) habe ich fast 10 kg gelassen, die aber schnell wieder drauf waren. Bei den anderen Wegen war es entschieden weniger Gewichtsverlust. Vielleicht ist die alte Pilgerweisheit dran schuld, zu essen wenn es was gibt. Oder es gibt eben doch zu viele Möglichkeiten. Ehe ich weiter darüber grübele, ist die Zeit gekommen, sich den Wartenden auf dem Bahnsteig anzuschließen. „Achtung eine Durchsage: Der Regionalzug nach Görlitz hat voraussichtlich….“ Na endlich, so kommt sie mir bekannter vor, die Bahn, kommt mir ohne Überraschung in den Sinn. Die Verspätung hielt sich jedoch in Grenzen. Ein Dieseltriebwagen fährt dröhnend in die Bahnhofshalle und es ensteht ein kleines Gedränge, bevor wir unseren Sitzplatz erreichen. Als der Zug los fährt, wird mir sofort klar, weshalb mir meinen Platz kaum jemand streitig machen wollte. Ich muss hier direkt auf dem Dieselmotor sitzen, sagte ich Andrea. Was für ein Kontrast zum ICE. Man versteht sein eigenes Wort kaum. Die Strecke nach Görlitz über Bischofswerda und Bautzen ist nicht elektrifiziert und so setzt man diese Dieseltriebwagen ein, die wohl einen gehörigen Teil ihres Kraftstoffes zum Krachschlagen verwenden. Mit dem Gedanken, das alles da draußen wieder zurück laufen zu müssen schaue ich aus dem Fenster und entdecke neben Neuem auch vieles alt Bekannte. Bischofswerda und die Silhouette von Bautzen sind mir vertraut.

Bahnhof Görlitz

Bahnhof Görlitz

In Görlitz war ich jedoch noch nie. Ich hatte schon vieles über Görlitz gehört. Sie ist die östlichste Stadt Deutschlands, hat einen fast vollständig erhaltenen Stadtkern, weswegen Hollywood die Stadt gern als Filmkulisse nutzt und schon viele international bekannte Filme hier gedreht wurden. Das die Stadt von einem edlen aber unbekannten Spender jedes Jahr 500 Tausend Euro für die Stadtsanierung erhält, habe ich auch schon gehört und finde es bemerkens- und bewundernswert, dass der Wohltäter kein Denkmal in der Stadt wünscht und die Zahlungen sofort einstellen will, wenn jemand seine Identität aufdeckt. Auch den Hickack um das wunderschöne Jugendstil – Kaufhaus kenne ich aus den Meldungen in Presse und Fernsehen. Das Bild, das ich mir von der Stadt mache, habe ich hauptsächlich von Fotos oder aus dem Fernsehen. Das verstärkt natürlich meine Neugier, als ich auf dem Bahnhofsvorplatz stehe und mich versuche zu orientieren. Ich schaue genauer hin und ich bemerke wieder einmal recht schnell: Die Bilder in meinem Kopf weichen gehörig von der Wirklichkeit ab.
Ich mag zu Hause keine schief hängenden Bilder an den Wänden und bin dauernd am geraderücken.
Machen wir uns also nun wieder mal dazu auf, die Bilder im Kopf gerade zu rücken.

 

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