ökumenischer Pilgerweg 2. Teil – Der Tag der Pilze

Ohne Kenntnis des Wetterberichtes merke ich heute Morgen, dass irgend was anders ist. Nicht nur, dass es trocken draußen ist, der Wind hat sich gedreht. Und das ist ein ausgesprochen gutes Zeichen.
Frühstück in Kamenz

Frühstück in Kamenz

Doch bevor wir heute losgehen, setzen wir uns zunächst an den reich gedeckten Frühstückstisch. Frau Wendländer hat sich wirklich viel Mühe gegeben und wir haben es nicht sonderlich eilig mit dem Aufbruch. Heute gehen wir gemeinsam und Betina wagt es nicht, noch einmal zu fragen, ob sie sich uns anschließen darf. Wir verabschieden uns also von Frau Wendländer und gehen durch das von der Morgensonne durchflutete Kamenz. Wir schauen noch mal in die Fleischerei hinein und treffen die nette Verkäuferin an, die bereits wieder im Laden steht. Der Weg ist gut ausgeschildert in Kamenz und wir entschließen uns, nicht über den Hutberg zu gehen, sondern rechts an ihm vorbei, was keinen Umweg darstellt aber nicht gleich am Morgen unsere Kondition heraus fordert.

der Nebel steigt aus dem Wald auf

der Nebel steigt aus dem Wald auf

Aus dem Wald steigt im Gegenlicht die Feuchtigkeit der letzten Tage auf und hinterlässt ein interessantes Schattenspiel. Einige Laubbäume beginnen sich bereits bunt zu färben, was bei Sonnenschein natürlich sehr viel schöner aussieht als bei Regenwetter. Eine Weile gehen wir noch auf einer asphaltierten Nebenstraße, bevor wir auf einem Schotterweg in den Wald eintauchen. Es ist was ganz anderes, wenn man sich keine Sorgen darum machen muss, ob man seine Klamotten irgend wie wieder trocken bekommt. Und es macht natürlich auch viel mehr Spaß, unbelastet in den Tag hinein zu laufen.

Panorama hinter Kamenz

Panorama hinter Kamenz

im Wald vor Schwosdorf

im Wald vor Schwosdorf

Und so laufen wir vertieft ins Gespräch oder auch mal schweigend, in jedem Fall aber bester Laune und entspannt durch den üppigen grünen Wald auf Schwosdorf zu. Schwosdorf zeigt sich zunächst als recht weitläufiges Dorf mit sehr weit auseinander stehenden Bauernhäusern. Hier gibt es eine Pilgerherberge, wie der Pilgerführer verrät. Der Verein PRO Wal- und Wüsteberg e.V. unterhält diese Herberge, vor der wir jetzt stehen und in dessen Garten wir einen Mann beobachten, der sich angeleitet von den Anweisungen einer davor stehenden jungen Frau, an einer Trockenmauer zu schaffen macht. Er sagt nicht viel, bzw.gar nichts. Sie dafür um so mehr.

Herberge Schwosdorf

Herberge Schwosdorf

Wir können ihr nicht entrinnen. Schnell bittet sie uns herein und ich kann gerade noch sagen, dass wir bei ihr nicht übernachten wollen. Wäre sie aber sicher auch selbst drauf gekommen so früh am Tage. Ein Kaffee wäre nicht schlecht, sagt Betina. Und schon stehen wir im Büro der Herberge und schauen zu, wie die Dame des Hauses ihre Kaffeemaschine in Gang setzt. Wir können nur gucken in dem kleinen Büro, in dem man auch einiges einkaufen kann. Denn zu Wort kommen wir eh nicht. Wortreich bekommen wir alle Informationen zum Haus und den Umständen, wie es zu dem wurde, was es ist.

Einladung zum Kaffee

Einladung zum Kaffee

Der Verein hat sich mal gegründet, weil ein sogenannter Investor in der Nähe, also am Wal- und am Wüsteberg einen Steinbruch eröffnen wollte. Die Einwohner schlossen sich in ihrem Protest dagegen zusammen und hatten Erfolg. Die Berge gibt es noch aber der Inhalt und das Ziel des Vereins waren verloren gegangen. Also entschloss man sich das Haus zur Pilgerherberge zu machen. Und seit dem wird hier gebaut. Ob es jemals fertig wird, da habe ich meine Zweifel. Das Engagement ist aber ungebrochen und in großem Maß vorhanden. Der Kaffee ist bald fertig und auch etwas Kuchen steht auf dem Tisch. Der Monolog ist aber immer noch nicht beendet. Der Trockenmauerbauer hat bisher nichts gesagt – wie auch. Mir klingen die Ohren und ich suche eine Möglichkeit mich höflich zu verabschieden und zu flüchten. Meine Gedanken kreisen darum was wäre, wenn wir hier übernachtet hätten. Nicht dass das falsch verstanden wird, die Frau war durchaus sehr nett und verfolgt die besten Absichten, aber eben mit etwas zu vielen Worten. Auch Andrea grinst mich immer mal an. Sie denkt wahrscheinlich das gleiche. Betina „kümmert“ sich unterdessen um den Trockenmaurer, der wieder seinem Werk nachgeht. Später erfahre ich den Inhalt des Gesprächs. Angesprochen wegen seiner Schweigsamkeit und Betinas Bemerkung, dass er ja eine gute Unterstützung habe, sagte er nur: „ja, aber sie redet nur.“ Der gute Mann hatte sich mit seinem Schicksal abgefunden. Er gehört übrigens nicht wie ich zunächst annahm zu der Frau, sondern war so eine Art Gemeindearbeiter des Dorfes.

die alte Poststraße nach Reichenau

die alte Poststraße nach Reichenau

Viel später finden wir dann endlich den Mut, den Redeschwall zu unterbrechen und uns zu verabschieden, was zunächst wenig Eindruck auf unsere Gastgeberin machte. Erst als wir den Rucksack wieder auf haben, gelingt es uns Dankeschön zu sagen und davon zu ziehen. „Na die war ja aber überhaupt nicht maulfaul“ sage ich nach einigen Minuten. Lächelnd aber wortlos kommentieren es meine beiden Begleiterinnen. Sie wollen mein Ohrensausen sicher nicht weiter verstärken. Ehe ich hier einen falschen Eindruck verbreite, dies alles schreibe ich mit einem Lächeln auf den Lippen und mit einem Augenzwinkern. Ich will da wirklich niemanden abschrecken und meine diese Beschreibung keinesfalls böse. Es war aber eine recht lustige Begegnung mit einer Frau am Weg, die ihre Begeisterung nicht im Zaum halten kann.

endlich in Reichenau

endlich in Reichenau

Nun geht es wieder auf einem breiten Sandweg in den Wald. Es ist die alte Poststraße und wir wandern auf der originalen Wegführung der Via Regia. Etliche Kilometer sind es bis nach Reichenau, auf denen wir die Ruhe des Waldes genießen, die nur von ein paar Pilzsuchern unterbrochen wird. Schon vom Weg aus sind viele Pilze zu sehen, von denen ich auch einige als essbar einstufe. Für Pilze haben wir heute aber keine Verwendung. Dazu haben wir das falsche Ziel. Denn wir wollen ins Armenhaus in Stenz, einem Ortsteil von Königsbrück. Ob wir dort die Pilze zubereiten können, wissen wir nicht. Und so lassen wir die Pilze lieber im Wald.

Herberge Reichenau

Herberge Reichenau

Schon lange vor Reichenau verspüre ich ein natürliches Bedürfnis, das keinen längeren Aufschub duldet. Im Wissen um das Vorhandensein einer Herberge in Reichenau kneife ich den Hintern also etwas zusammen, mache kleiner Schritte, in der Hoffnung nicht in den Busch zu müssen. Mit Schweißperlen auf der Stirn schaffe ich es bis Reichenau. An der Herberge hängt ein Zettel mit Adressen und Telefonnummern und ich bin froh, dass eine Adresse gleich über die Straße liegt und auf mein Klingeln auch jemand öffnet. „Wir wollen hier nicht übernachten. Aber wäre es möglich, dass ich mal die Toilette der Herberge benutzen könnte?, frage ich etwas verkniffen. „Aber natürlich“ sagt die Frau und drückt mir den Schlüssel zur Herberge in die Hand. Mann, was für ne Erleichterung!

vor der Herberge in Reichenau

vor der Herberge in Reichenau

Alles hat aber seinen tieferen Sinn, kann man denken, wenn man erfährt, was darauf geschieht. Nur weil ich mal auf´s Klo musste, haben wir nicht nur die sehr schöne Herberge besichtigen können, wir werden auch auf einen anderen Weg verwiesen, der wie sich heraus stellt, einer der schönsten Abschnitte auf unserer Tour sein wird. „Wenn sie hier links den Weg weiter gehen und nicht weiter nach den Schildern, kommen sie nach etwas 600 Metern an ein Holzschild, dass nach rechts ins „Tiefetal“ weist“ sagte uns die nette Dame. „Der Weg führt direkt an der Pulsnitz entlang durch ein romantisches Tal.“

die Pulsnitz im Tiefetal

die Pulsnitz im Tiefetal

Wir erfahren, dass man zunächst den Pilgerweg durch das Tal führen wollte, die Naturschutzbehörde dies aber wegen der zu erwartendeden Schäden durch die Pilger verboten hat. „Es kommen ja auch jeden Tag 100 Pilger, die die Landschaft zerlatschen, alles abreißen und ihren Müll liegen lassen.“ sage ich sarkastisch. Die Leute in Reichenau schicken jedoch jeden Pilger den sie sehen durch das Tal. Und das dies gut so ist, erleben wir wenig später, nach 600 Metern. Nach einer kleinen Brücke über den Fluss Pulsnitz, tauchen wir in einen Märchenwald ein. Einem Urwald gleichend, wächst hier alles so, wie es will und auch was nicht mehr wächst und auf dem Boden liegt, wird so gelassen wie es ist. Mitten hindurch fließt in wilden Kurven, oft angestaut von Felsbrocken oder umgefallenen Bäumen die Pulsnitz mit ihrem klaren Wasser. Ja und warum ich diesen Abschnitt den „Tag der Pilze“ nenne, sieht man auf den folgenden Fotos.

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Eigentlich will ich, dass dieser Weg nie aufhört. Und wir laufen viel langsamer als sonst. Doch die ersten Häuser von Königsbrück künden davon, dass wir unser heutiges Ziel erreicht haben.
Marktplatz von Königsbrück

Marktplatz von Königsbrück

Wir sind dann doch ganz froh da zu sein, da sich in der Magengegend ein hohles Gefühl breit macht. Und so suchen wir auf dem Marktplatz von Königsbrück vergeblich nach einer Möglichkeit etwas zu essen. Doch lange suchen wollen wir auch nicht mehr. Und so entschließen wir uns, in den Döner Laden zu gehen, der um diese Zeit die einzige Möglichkeit hier zu sein scheint, was zu essen zu bekommen. Und es ist besser als zunächst befürchtet. Wir nehmen uns sogar ein paar Knoblauchbrote für den Abend mit. Auf dem Weg nach Stenz kommen wir an der Marienkirche vorbei und gehen hinein.

Marienkirche Königsbrück

Marienkirche Königsbrück

Uns kommen Orgelklänge entgegen und wir gehen auf Zehenspitzen in den Raum. Oben auf der Empore erblicken wir einen jungen Mann, der eine Übungsstunde auf der Orgel abhält. Ab und zu mischen sich ein paar Missklänge in sein Spiel. Erst als er uns bemerkt, beginnt er ein neues Stück, was er dann auch fehlerfrei durch spielt. Wenn man so einen Sakralbau betritt, ändert man sein Verhalten, wie ich bereits schrieb ja sowieso. Den Eindruck, den solch ein Raum, bis zum letzten Winkel erfüllt von Orgelklängen verbreitet, ist unbeschreiblich. Ein Gänsehaut erzeugender Schauer jagt den anderen. Beeindruckt lauschen wir der Musik,bedanken uns nach deren Ende beim Organisten und verlassen die Kirche. Meine Neugier auf das viel gepriesene Armenhaus lässt mich etwas schneller gehen. Im Pilgerführer heißt es sinngemäß: Wer das einfache Leben gewohnt ist, wird sich hier wohl fühlen. Wer Luxus gewohnt ist, wird hier erfahren, wie wenig man benötigt, um sich wohl zu fühlen. Und auf dieses Wenige bin ich gespannt. Dann sehe ich es bereits, ein klitzekleines Fachwerkhaus direkt an der Straße. Die Tür ist mit einem uralten Vorhängeschloss verschlossen. Hinter einem kleinen aufschiebbaren Fenster liegt der Pilgerstempel für durchziehende Pilger und im Fenster hängt ein Zettel mit den Adressen der Kontaktpersonen. Ich mache mich sogleich auf, um das Haus von Werner Lindner zu suchen, während sich Andrea und Betina es sich auf der vor dem Armenhaus stehenden Bank in der Sonne bequem machen. Schnell habe ich ihn gefunden. Ein älterer Mann in Arbeitskleidung tritt mir entgegen und begrüßt mich etwas feierlich in Stenz.

das Armenhaus in Stenz

das Armenhaus in Stenz

Diese feierliche Miene setzt er auch auf, als wir alle zusammen im Haus an dem rustikalen Tisch sitzen und er uns den Unterschied zwischen den anderen Herbergen am Weg und diesem Haus klar macht. „In den übrigen Herbergen seid ihr zu Gast. Das hier ist für heute euer Haus.“ Betina fällt immer wieder ins „Sie“, was Werner energisch berichtigt. Hier ist wirklich einiges anders. Es gibt keinen Strom und damit auch kein elektrisches Licht. Es gibt kein fließendes Wasser. Es gibt keine Dusche oder ein Waschbecken. Es gibt aber ein Plumpsklo hinter dem Haus, einen gemauerten Ofen mit Röhre, und mit Stroh gepolsterte Bettstellen auf dem Spitzboden.

unsere Schlafstätten auf dem Dachboden

unsere Schlafstätten auf dem Dachboden

Wir folgen Werner auf den Boden und sehen einen Bettkasten und ein Doppelbett, gepolstert mit Stroh und bedeckt mit riesigen Federbetten. „Wir wechseln die Bettwäsche alle 14 Tage. Wem das nicht passt, der soll seinen Schlafsack nehmen.“ Das sind klare Ansagen und ich meine, dass wir nicht so pingelich sind. Unter einem Hocker steht die Mitternachtsvase (Nachttopf). Ich muss schmunzeln bei diesem Anblick und bin gespannt, wie sich die lange Betina heute Abend in den kleinen Bettkasten knüllt. Für uns zwei ist natürlich das Ehebett reserviert. Wieder unten im „Wohnzimmer“ heizt uns Werner noch den Ofen an und sagt, dass wahrscheinlich nicht er, sondern Sigmar kommt, um uns das Wasser zu bringen.

Werner mach Feuer

Werner mach Feuer

Das Wasser kommt in einer großen Milchkanne und davon muss man alles machen, den Abwasch, den Kaffee und die Abend- bzw. Morgentoilette. Werner weist uns noch in den Umgang mit dem Ofen und mit offenem Licht ein, nicht ganz unwichtig in Bezug auf den Brandschutz. Und schon lässt er uns allein. Ein kleines Problem haben wir aber noch. Für den Abend brauchen wir noch was zu trinken und für den nächsten Tag unseren Wegproviant. Die Frauen machen also das Haus wohnlich, während ich noch einmal zurück in die Innenstadt von Königsbrück gehe, um einen Supermarkt zu finden. Der ist natürlich genau am anderen Ende des Ortes. Und so hole ich mir fast einen Krampf im Arm. Weil ich Angst habe, dass die Flaschen den Plastikbeutel zerreißen, klemme ich diesen unter den Arm. Es wäre auch sehr schade gewesen um die Rotweinflaschen.

am Abend im "Wohnzimmer"

am Abend im „Wohnzimmer“

Als ich zurück komme, sitzen Andrea und Betina schon wieder in der Sonne. Außer das Feuer nicht aus gehen zu lassen und Wasser für den Kaffee heiß zu machen, gibt es ja auch nicht viel zu tun. Am Abend kommt dann Sigmar mit der Wasserkanne und einer Flasche Wein und erzählt uns die spannende Geschichte des Armenhauses Stenz. Die beiden Freunde Werner und Sigmar haben denke ich maßgeblichen Anteil, dass dieses Kleinod vor dem Abriss gerettet wurde. Wir sind sehr beeindruckt von der Geschichte und vom Engagement der beiden Männer. Und wir hätten Sigmar noch lange zuhören können. Aber er verabschiedet sich alsbald mit dem Hinweis, dass er morgen Früh wieder kommt und uns das Frühstück bringt. Das hören wir natürlich sehr gern. Er wünscht uns eine gute Nacht und wir sind nun gespannt, ob die wirklich so gut wird.

was braucht man mehr?

was braucht man mehr?

Wir trinken unseren restlichen Wein und den von Sigmar mitgebrachten im Schein der brennenden Wachskerzen. Die Stimmung ist gut und wir verleben einen kuschligen Abend am bullernden Ofen. Nur der Gang aufs Plumpsklo ist etwas gewöhnungsbedürftig. Ich kenne solch einen Einrichtung aus längst vergangenen Tagen. Meine Großeltern hatten auf dem Hof solch ein Klo und auch während meines Wehrdienstes mussten wir im Feldlager auf so eine Latrine. Witzig finde ich das Körbchen mit dem in rechteckige Stücke zerissenen Papier von Illustrierten. Das ist Hochglanzpapier! Das putzt ganz ganz schlecht! Irgend wann, ich habe nicht auf die Uhr gesehen, wird es Zeit nach Oben zu gehen. Betina kriecht unter die dicke Federdecke in ihre Kiste und wir schlüpfen in die unsere. Die Unterlage aus Stroh ist angenehm hart und das dicke Federbett scheint einen zu erdrücken. Aber schön warm wird es, ohne dass es unangenehm und schwitzig wird. Einziges Problem, meine Seite ist leicht abschüssig zur Mitte und ich rolle immer wieder dort hin, wo Andrea ihren Platz behauptet. Ja und ich ahne jetzt, warum es nicht nur der fehlende Fernseher ist, warum früher die Leute mehr Kinder hatten….

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