ökumenischer Pilgerweg 2. Teil – Der Tag der Begegnungen

ein Lichtblick am Morgen: Wolkenlücken

ein Lichtblick am Morgen: Wolkenlücken

Mein erster Gang heute Morgen ist zum Fenster. Noch ein Regentag ließe sich schwer ertragen. Doch da keimt Hoffnung auf. Zwischen einzelnen Nebelfeldern blitzt hier und da etwas Blaues am Himmel auf. Das macht Hoffnung und man ist doch schon für ein klein wenig Sonnenschein dankbar nach diesen zwei Tagen. Schnell ist alles gepackt und wir verabschieden uns von Christoph. Unser sonst eher improvisiertes Frühstück können wir uns heute sparen. Denn in einer relativ großen Stadt wie Bautzen sollte sich doch eine Bäckerei finden lassen, in der wir ein Frühstück bekommen. Wir haben heute viel Zeit, denn wir kürzen die Etappe etwas ein. Wie im vorigen Post bereits geschrieben, hat uns Uwe aus Görlitz geraten, in Crostwitz in der Pilgeroase bei Monika Gerdes zu bleiben und nicht wie geplant, die 3 Kilometer weiter bis Panschwitz Kuckau zu gehen.

der Morgen in Bautzen

der Morgen in Bautzen

Wir geben also unseren Schlüssel in der Bäckerei ab. Es ist aber unmöglich hier einen Kaffee zu trinken und was zu essen. Wenn außer uns noch zwei weitere Kunden in den Laden kommen, ist er voll. Dann müssten unsere Rucksäcke raus aus dem Laden. Also suchen wir uns was anderes. In der Reichstraße sehen wir eine Bäckerei, in der wir uns erst mal orientieren müssen. Denn hier ist alles Selbstbedienung. Es gibt nur noch an der Kasse eine Beschäftigte, die nur noch nach Vorne kommt, wenn man sich was auf seinem Tablett zusammen gesucht hat und in den Kassenbereich tritt. Fehlt eigentlich nur noch ein Drive In für Autos wie in der Schachtelwirtschaft, wie letztens ein Freund das Restaurant mit dem großen „M“ zu meiner Erheiterung umschrieb. Am liebsten würde ich wieder gehen und eine schöne alte Bäckerei suchen, in der noch das Mehl an den Fingern der Verkäuferin klebt und der man ansieht, dass sie sich schon mindestens seit 4 Uhr in der Backstube zu schaffen macht. Doch die Bequemlichkeit siegt und ein Pilger ist ja bekanntlich lauffaul. Das mag paradox klingen. Doch jeder Schritt abseits vom Weg gilt es zu verhindern. Man weiß ja nie, was noch kommt. Und so bleiben wir halt hier, gewinnen den Kampf mit der Kaffeemaschine und finden auch was zu Essen.

schöner morgendlicher Blick ins Spreetal

schöner morgendlicher Blick ins Spreetal

Draußen bekommt die Straße ganz helle Flecken. In der Sonne trocknet sie stellenweise ab. Jahh, die Sonne lässt sich mal blicken, auch wenn es nur ein kurzes Intermezzo werden sollte. Wir haben so aber die Möglichkeit, das gestern bei tristem Wetter besichtigte nun in einem anderen Licht zu betrachten. Wir gehen also über den Markt noch einmal zur Wasserkunst und laufen vor der alten Stadtbefestigung oberhalb der Spree um die Altstadt, bevor wir hinter dem Schloss eine steile Treppe hinunter zur Spree nehmen. Wir wandern über die Spreebrücke, unter der B96 und unter der Autobahn A4 hindurch aus der Stadt heraus.
die Stadt liegt schon weit hinter uns

die Stadt liegt schon weit hinter uns

Bald sehen wir die Stadt mit den vielen Türmen als graue Silhouette hinter uns liegen. Die nahe Autobahn und die vielen Fahrzeuge auf der Landstraße nerven etwas und stören die morgendliche Idylle. Doch wir werden sogar gegrüßt aus einem entgegen kommenden Kleinwagen. Wie sich am Abend herausstellte, war das Monika Gerdes, die ihre abendlichen Gäste grüßte. Sie wusste bereits, dass wir kommen, denn ich hatte uns angemeldet. Der Ort Salzenforst, den wir nun durchlaufen und an dessen Ortseingang eine große Recycling – Anlage befindet, stellt sich als schönes Wohndorf heraus für Betuchte, die außerhalb von Bautzen sich ein großes Haus auf einem noch größeren Grundstück leisten können – alles sehr nett und sehr einfallsreich.

Rast in der Bushaltestelle Oberuhna

Rast in der Bushaltestelle Oberuhna

Hier und da wird gewerkelt und es schien ein Wettbewerb ausgerufen worden zu sein, wessen Rasen und wessen Vorgarten schöner ist. Das was ich sehe, ist ein Muster an Spießigkeit. Über einen einsamen Wirtschaftsweg gehen wir nun nach Oberuhna. Doch so einsam sind wir gar nicht, denn uns entgegen kommen zwei junge Männer, die unverkennbar als Pilger unterwegs sind. Meinen überflüssigen Spruch, dass sie in die falsche Richtung laufen, hätte ich mir sparen sollen. Der ist weder originell noch geistreich und ich ärgere mich sofort nach dem gesagten. Aber was einmal raus ist aus der Gusche….? Obwohl sie sicher diesen Spruch schon mehrfach gehört haben, reagiert der erste von beiden gelassen.

Abzweig hinter Oberuhna

Abzweig hinter Oberuhna

Der zweite kommt etwas schlurfend ein ganzes Stück hinter ihm nach. Sie kommen aus Erfurt und haben eben diese Richtung gewählt. Da sie zu zweit sind, ist die Einsamkeit, die man erfährt, wenn man auf einem Pilgerweg in die falsche Richtung unterwegs ist, sicher auch nicht ganz so schlimm. Jeder, den man auf dem Weg oder in den Herbergen kennen lernt, ist spätestens am nächsten Tag entschwunden, so auch dieses Mal. Wir verabschieden uns und sie geben uns schöne Grüße an Monika mit auf den Weg, in deren Herberge sie die vergangene Nacht untergekommen waren. Wir hatten ihnen gesagt, wo wir hin wollen und so verspreche ich, die Grüße zu übermitteln. Im nächsten Ort Oberuhna machen wir Pause in einer Bushaltestelle (- nein es regnet immer noch nicht!) und schauen dem geschäftigen Treiben auf einem alten Dreiseitenhof zu, dessen Tor weit offen steht.

der Weg hinter Oberuhna

der Weg hinter Oberuhna

Von der Landstraße zweigen wir bald hinter Oberuhna nach links auf einen Feldweg ab, eine Abkürzung wie sich herausstellt. Manchmal kürzt man also auch ab auf einem Pilgerweg. Unsere Erfahrungen bisher sagen aber etwas anderes. Denn meist nimmt man Umwege in Kauf zu Gunsten einer Wegführung weit ab vom tobenden Straßenverkehr oder entlang schöner Natur oder an Andachtsstätten oder Kirchen vorbei. Eine solche Andachtsstätte sehen wir schon von Weitem, das Milleniumsdenkmal. Ich zitiere mal von der Seite viaregia-sachsen.de:

das Milleniumsdenkmal

das Milleniumsdenkmal

Das Denkmal symbolisiert die Ausbreitung der christlichen Botschaft. Cyrill und Methodius sind dargestellt, die von 863 bis 885 im Großmährischen Reich missionierten. Als Zeichen für deren frohe Verkündigung und die Ausbreitung des Glaubens in der Lausitz „gedeihen“ auf dem Areal Kreuze aus der Erde. Die Anlage lädt ein zum Verweilen und ist für Andachten, Feste und Gottesdienste geschaffen.“ Als wir näher kommen, sehen wir einen PKW neben dem Denkmal stehen und auf einer Bank sitzt ein etwas beleibter Mann in Arbeitskleidung, der offensichtlich gerade Pause macht. Ich glaube zunächst an jemanden, der mit Pflegearbeiten am Denkmal beauftragt ist.

schöne Allee

schöne Allee

Doch wie sich im Gespräch herausstellt, ist es ein Pilzsammler, der hier seine „Zentrale“ aufgebaut hat, um seine vollen Körbe in Eimer umzufüllen, die im Kombi bereit stehen. Doch so groß ist die Ausbeute am heutigen Tag noch nicht.Denn auf meine neugierige Frage nach dem Ergebnis, zeigt er mir nur wenige Rotkappen und einen Steinpilz. Er scheint es aber auch nicht so verbissen zu sehen, ein Genuss – Sammler sozusagen. Das übliche Gespräch nimmt seinen Lauf, woher, wohin und woher ursprünglich – also unser Wohnort. Als wir nun Delitzsch sagen, steht der Mann unvermittelt auf, gibt mir die Hand und meint willkommen Landsmann. Er hat seine Kindheit in Delitzsch in der Karl Liebknecht Straße (heute wieder Bismarckstraße) verbracht. Und so haben wir plötzlich viel zu erzählen. Denn er macht mit uns einen Abgleich seiner Kenntnisse darüber, was sich in Delitzsch so alles verändert hat im Laufe der Zeit. Vieles weiß er schon, was mir zeigt, dass er immer noch großes Interesse an seiner ehemaligen Heimatstadt hat.

Wegweiser an der Via Regia

Wegweiser an der Via Regia

Nebenher mache ich noch einige Aufnahmen vom Denkmal. Auf den angebrachten Schrifttafeln erfahre ich auch, weshalb gerade hier solch eine große Anlage angelegt wurde, abseits von großen Siedlungen und abseits großer Verbindungsstraßen. Es ist die Via Regia, als völkerverbindende Handelsstraße, die diesen Platz als geeignet erscheinen ließ, dieses Denkmal im Jahr 2000 gerade hier zu erreichten. Seit Jahrhunderten steht dieser Weg für friedlichen Handel. Und heute sind es Pilger und Wanderer, die ihren Glauben und ihre Geschichte in die Welt tragen und die hier vorbei kommen, um in Andacht zu verweilen oder nur um auszuruhen. Ein uralter restaurierter Wegweiser ist ein Zeugnis der langen Geschichte dieses Weges.

Trauerweiden in Dreikrezscham

Trauerweiden in Dreikrezscham

Wir verabschieden uns vom Pilzsammler aus Delitzsch und wandern weiter durch eine schöne Allee in Richtung Dreikretscham. Hier fällt mir eine lange imposante Baumreihe aus Trauerweiden auf, die entlang des Hoyerswerdaer Schwarzwasser angelegt wurde. Sowas sieht man echt selten. Was leider auch selten ist, sind hier offene Gastwirtschaften. Die in Dreikretscham sieht sehr einladend aber auch sehr geschlossen aus. Na wenn die Pilgerzahlen auf der Via Regia dann erst Bereiche annehmen, die es lohnend machen, nicht erst am Abend zu öffnen, wird das sicher anders. So müssen wir weiter von unseren eisernen Reserven leben, also aus dem Rucksack. Noch bleibt er aber zu, denn wir gehen erst mal weiter bis nach Storcha.

in der Pfarrkirche in Storcha

in der Pfarrkirche in Storcha

In Storcha befindet sich die von weithin sichtbare neugotische Pfarrkirche Herz Jesu. Die Kirche wurde im Jahr 1870 auf Initiative des sorbisch-katholischen Cyrill-Methodius-Vereins gebaut. Cyrill und Methodius haben wir am Milleniumsdenkmal bereits als Statuen verewigt kennen gelernt. Die Pfarrkirche ist offen und so treten wir ein in die Ruhe des für den keinen Ort sehr großen Gotteshauses. Für uns ist es immer noch wie das Betreten einer anderen Welt. Man wir ganz still und ganz klein, bewegt sich plötzlich langsamer und flüstert nur noch.

Pfarrkirche Storcha

Pfarrkirche Storcha

Ob es Ehrfurcht vor der Bestimmung des Hauses oder Rücksicht auf die Gläubigen ist, die hier die Nähe zu Gott suchen und sicher auch finden, wir werden beide anders in dieser Umgebung. Auch ohne geistigen Zugang zum Glauben erzielt ein Sakralbau also auch bei uns seine Wirkung, eine sehr schöne und gute, wie ich finde. Doch wir haben heute erst 12 Kilometer geschafft und wir wollen das ausgesprochen gute Wetter nutzen, um den Weg weiter zu genießen. Es ist 12 Uhr und als wir aus dem Ort laufen, läuten die Glocken der Pfarrkirche wie zur Verabschiedung und als Antrieb. Doch sehr weit ist es heute nicht mehr und so nehmen wir uns die Zeit, nochmals in einem Buswartehäuschen kurz vor Prautitz Rast zu machen. Am Ortsausgang von Prautitz sehen wir bereits den Kirchturm der Pfarrkirche St. Simon und Juda in Crostwitz. Ich kenne Crostwitz aus der Zeit, als in im benachbarten Panschwitz Kuckau zwei Jahre im Lehrlingswohnheim verbrachte. Crostwitz hatte damals ein Freibad (heute leider nicht mehr) und im Sommer nahmen wir gern den 3 Kilometer langen Fußmarsch in Kauf, um in dieses Freibad zu gelangen. Gerade die Wochenenden, an denen wir nicht nach Hause fuhren, wurde so etwas erträglicher.

Wegweiser zur Pilgeroase in Crostwitz

Wegweiser zur Pilgeroase in Crostwitz

Kurz vor dem Ort zweigt der Weg nach links von der Straße ab, für mich etwas unverständlich, da man so nicht direkt durch den Ort und an der Kirche vorbei kommt. Auf einem Feldweg geht man südlich an Crostwitz vorbei, was eigentlich sehr schade ist. Denn man verpasst nicht nur den sehr schönen Ort und die imposante Pfarrkirche sondern auch die Pilgeroase bei Monika Gerdes. Zum Glück gibt es ein kleines hölzernes Schild, welches den Pilger vom Weg lockt. Auf dem liest man „Kaffee, Tee, Kuchen, Gebäck, Obst“. Wenn es nicht sowieso unser Ziel gewesen wäre, wir wären hier sowieso abgebogen. Denn so ein Schild macht neugierig, vor allem auf die Menschen, die sich hier so rührend um die Pilger kümmern und etwas organisieren, was eigentlich außerhalb der Norm liegt. Quer über eine Weide gehen wir dem Ort zu.

Andrea in Monikas Pilgeroase

Andrea in Monikas Pilgeroase

Vorbei an der Kirche und dem Gemeindehaus finden wir von Herbergsschildern geleitet sehr schnell das gesuchte Haus. Weit offen steht das Gartentor mit dem Schild, auf dem man „Pilgeroase“ lesen kann. Unter einem hölzernen Dach stehen Bänke und ein Tisch, auf dem zwei Isolierkannen, Blechschachteln, Tassen, Teller und eine Kuchenglocke stehen. Also wirklich – eine Oase. Vom Initiator weit und breit nichts zu sehen. Dafür hängt ein Schild an der Terrassentür, auf dem zu lesen ist, dass man diese ruhig aufdrücken soll, um die Wasserflaschen auffüllen zu können, sich mit Getränken einzudecken oder die Toilette zu benutzen. Leider hatten die jungen Männer die uns begegnet waren, entgegen der Instruktion von Monika die Tür von Innen vor dem Verlassen der Herberge verschlossen, so dass wir auf Monika warten müssen. Wir machen es uns bequem, nutzen das Angebot an Kaffee und Kuchen, lesen im Pilgertagebuch und ich streiche etwas um das Haus.

Herberge in Crostwitz

Herberge in Crostwitz

Da sehe ich am vorderen Eingang einen großen Zettel. Eine ganze Liste von Kontaktmöglichkeiten ist dort aufgeschrieben „im unwahrscheinlichen Fall“, dass die Herberge mal verschlossen ist. Genau gerade rüber ist es ein Uhrmacher, der mit seiner Lupenbrille aus der Tür tritt, nachdem ich bei ihm geklingelt habe. „Bei der Monika ist zu und auf dem Schild…..“ sage ich. Der Uhrmacher lugt über den Brillenrand, mustert mich und sagt „Du siehst aber nicht wie ein Pilger aus“. Ich weiß nicht, ob er meine Körperfülle meint oder den Umstand, dass ich in Strandsandalen vor ihm stehe. „Ich habe schon die Schuhe gewechselt“ sage ich in dem Glauben er meint das letztere. Bereitwillig überreicht er mir den Schlüssel mit der Anweisung diesen morgen bevor wir los gehen, diesen bei ihm in den Briefkasten zu werfen. „Natürlich“ sage ich und stiefele wieder zur Herberge, um die Terrassentür von innen zu öffnen. Andrea geht nach oben, während ich mir ein Bier aus dem bereit stehenden Kasten nehme, um mit hoch gelegten Beinen den „Feierabend“ zu genießen.

ab heute unsere nette Begleitung (nicht die Katze sondern Betina!)

ab heute unsere nette Begleitung (nicht die Katze sondern Betina!)

Plötzlich steht eine schlanke, groß gewachsene Frau in roter Jacke und großem blauen Rucksack vor mir. Ihr offenes freundliches Gesicht strahlt förmlich. „Endlich ein Pilger!“ ruft sie aus. „Ich hätte das nicht mehr lange ausgehalten so allein.“ sagt sie. So ganz überraschend tauchte Betina (ja, mit einem t) aus der Nähe von Darmstadt nicht auf. Monika hat am Telefon als ich uns anmeldete schon von ihr erzählt. Und meinte, dass sich die angemeldete Pilgerin sicher freuen wird, nicht mehr allein zu sein. „Wir sind sogar zwei“ sagte ich und schnell entspann sich ein nettes Gespräch. Ich glaube, wir waren uns von Anfang an sympatisch.

in der Herberge Crostwitz

in der Herberge Crostwitz

Andrea kommt mit der Bemerkung von oben: „Ich glaube, ich habe jetzt die Küche und das Bad der Hausbesitzerin benutzt“. Aber da steht eindeutig „hinter der Glastür“. Da oben ist nur eine Glastür. Wir haben eine ganze Wohnung zur Verfügung – Wahnsinn! So viel Vertrauen, so viel Hilfsbereitschaft, so viel Liebe – wir sind überwältigt und sehr gespannt auf diese Frau. Unterdessen unterhält uns eine kleine Katze, die es sich in Betinas Rucksack bequem gemacht hat und nun unter keinen Umständen diesen wieder verlassen will. Betina will ebenfalls heute hier bleiben. Alles andere hätte mich auch gewundert, so wie sie sich über unsere Gesellschaft gefreut hat. Sie verschwindet mit Andrea, um ihre Sachen in der Herberge zu verstauen. Zur Feier des Tages trinke ich noch ein Bier. Später gehen Andrea und ich noch durch den Ort.

in der Pfarrkirche Crostwitz

in der Pfarrkirche Crostwitz

Wir besuchen die Pfarrkirche und versuchen uns in der kleinen Kaufhalle mit Lebensmitteln für den nächsten Tag einzudecken. Warum schreibe ich „versuchen“? Schon als ich den klitzekleinen Einkaufswagen aus der Reihe nehme, fühle ich mich in längst vergangene Zeiten zurück versetzt. Das Sortiment und die Darbietung dieses erinnert mich sehr stark eine eine Kaufhalle zu DDR Zeiten. Fünf Tüten Zucker nebeneinander, daneben Senfdosen ebenfalls in Reih und Glied, dahinter Leere im Regal. Und so setzt sich das in jeder Regalreihe fort. Hauptsache es steht überall etwas. Später ist es Betina, die ebenfalls den Laden findet, ein Foto wert, was den Besitzer sehr verwundert.

nostalgishce Kaufhalle - leider bald geschlossen

nostalgishce Kaufhalle – leider bald geschlossen

Die Erklärung folgt auf dem Fuße: Der Besitzer will altershalber aufgeben und nicht unnötig noch Waren horten, die er dann nicht los wird. Es gibt keinen, der die Kaufhalle übernehmen will. Kein Wunder, die Leute die außerhalb arbeiten, kaufen unterwegs mit dem Auto ein und die paar Alte, die auf die örtliche Einkaufsmöglichkeit angewiesen sind, bringen nicht genug Umsatz um die Kosten zu decken. Da helfen auch keine Solidaritätseinkäufe, wie es uns später Monika erzählt, die sichtlich überrascht ist durch die für sie neue Information. Wir nehmen für den Abend noch eine Flasche Rotwein mit und gehen zurück zur Herberge. Dann kommt Monika und nach ihrer Bemerkung, dass sie uns heute schon gesehen hat, erinnere ich mich sofort an die Autofahrerin, die uns kurz hinter Bautzen freundlich zu gewinkt hatte. Monika zieht uns sofort in ihren Bann. Wie ein Wirbelwind reißt sie sehr sympatisch die Aufmerksamkeit an sich und stellt uns sozusagen in ihrer Organisation an. Wir folgen ihr sehr bereitwillig in ihre Küche. Sie lädt uns zum Abendessen ein, unter der Bedingung, dass wir ihr bei der Zubereitung helfen. Was wir noch nicht wissen, wir bereiten nicht das unsere sondern das Mahl für die nächsten Pilger zu. Denn es haben sich für morgen 11 Pilger, Behinderte mit ihren Betreuern angekündigt. Und das bedarf nicht nur einiger Vorbereitungen wegen des Essens, sondern auch einige logistische Strukturänderungen im Haus. Normalerweise gibt es viel Platz im Erdgeschoss. Dieses ist aber im letzten Jahr durch ein Hochwasser sehr in Mitleidenschaft gezogen worden, so dass sich die Herberge in die obere Etage zurück ziehen musste.

wir verewigen uns im Pilgerbuch

wir verewigen uns im Pilgerbuch

Wo nimmt diese Frau nur diese Energie her? Sie hat einen sehr fordernden Beruf als Redakteurin im MDR Radio Studio Bautzen. Sie zeigt dort Verantwortung für das sorbische Programm. Ihre Nacht ist bei Frühdienst oft schon vor vier Uhr vorbei. Zwischendurch verschwindet sie kurz an ihren PC, um einen Beitrag zu bewerten und zu bestätigen. Irgend wie schafft sie das scheinbar spielend alles unter einen Hut zu bekommen und macht trotzdem auf mich einen sehr ruhigen und aufgeräumten Eindruck. Wir sitzen in der Küche und schnippeln Gemüse für die Suppe. „Das ist nicht für euch, das ist für morgen. Für euch machen wir Kartoffeln und Quark“ sagt sie und ich bedaure das fast etwas. Auch Betina kann ein „Ohhhr schade“ nicht unterdrücken. Nicht das ich etwas gegen Kartoffeln mit Quark hätte aber die köchelnde Suppe verbreitet einen Duft in der Küche, der mir eine kleine Pfütze auf die Zunge zaubert. Nebenbei gibt es viel Zeit zum Quatschen, während mein Taschenmesser Möhren und Kohlrabi zerkleinert. Die Themen sind vielfältig, vom Pilgerweg über die Geschichte des Hauses bis hin zu persönlichen Erfahrungen und Einstellungen. Alles findet sein Interesse. Bevor es an den Tisch in Monikas Wohnküche geht, heißt es aber noch Matratzen und Tische bzw. Stühle schleppen. Irgend wie müssen wir auf 11 Schlafplätze kommen. Dazu müssen Matratzen aus dem Erdgeschoss nach ober geschafft werden und in die Küche ein zweiter Tisch und weitere Stühle. Viele Hände schaffen schnelles Ende. Und so sitzen wir bald am Tisch und verzehren unser Abendessen.
Bei netten Gesprächen lassen wir den ereignisreichen Tag ausklingen. Und jetzt erklärt sich auch der Titel dieses Beitrags: Der Tag der Begegnungen. Wir sind heute ein paar Menschen begegnet, die einen nachhaltigen Eindruck bei uns hinterlassen haben. Es sind solche Begegnungen, aus denen Freundschaften wachsen können. So wie wir es auf allen unseren Pilgerwegen bereits erlebt haben.

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