Der Kerryway Mai 2019

Vorwort:

Was hat uns dazu gebracht, diesen Weg in die Planung zu nehmen? Vorweg: Die Butter war´s nicht! Irland war schon lange auf dem Schirm, nachdem es uns in Schottland so gut gefallen hatte. Also wurde das Netz durchforstet nach Berichten und Videos. Und was ich bereits wusste, das irische Wetter gleicht leider dem schottischen: Zwischen den Schauern leichter Nieselregen, selten mal Sonne und fast immer Wind. Schottische wie irische Sprichworte ähneln sich deshalb und beschreiben eigentlich das gleiche Wetter: Wenn es dir nicht gefällt, warte 5 Minuten! – Was mich nun wieder etwas versönlicher stimmt, besteht doch die reelle Chance auch mal blauen Himmel zu sehen.


Dass wir uns richtig verstehen, ich habe kein Problem mit Regen. Dagegen kann man sich anders anziehen. Aber man sieht halt nichts – und das mir als Fotografen! Das wäre doch wirklich schade und wenn ich ehrlich bin, dann bräuchte ich nicht hunderte Kilometer fliegen, um durch Irland zu wandern, dann könnte ich das auch bei Großkorbetha tun (Großkorbethaer mögen es mir verzeihen. Insider meiner Familie kennen diesen Ausspruch). Also verlasse ich mich auf mein Wetterglück, welches wir oft hatten auf längeren Wegen, habe aber sicherheitshalber Killarney in meiner Wetterapp aufgenommen und schaue nun jeden Tag nach, wie denn dort das Wetter so ist und wird. Als ob ich daran was ändern könnte…? Einen Trend konnte ich bisher nicht feststellen. Und wenn, dann hatte Andrea´s App einen ganz anderen. Also nehmen wir halt einfach die App mit dem besseren Wetter. 

Eigentlich stehen noch so viele schöne Wege auf unserer Agenda. Aber wir sind leider gezwungen Prioritäten zu setzen und zuerst das zu machen, was unsere körperliche Verfassung noch zulässt. Denn man spürt hier und da doch, dass man nicht mehr in einem 20 jährigen Korpus zu Hause ist. Da zwickt es hier… Da zwackt es da… So lange es am nächsten Tag wieder weg ist oder wo anders auftaucht, kann man ja beruhigt sein. Dann ist es nichts Schlimmes. Aber so ein stetiges Zipperlein kann einem schon die ganze Freude am Wandern gehörig verderben. 

Und so stehen die Dinge so kurz vor unserem Kerryway alles andere als gut. Andrea hat Probleme mit den Zähnen und ich plage mich mit diversen Schmerzen im Rücken, in den Füßen und im Knie herum. Von intensiver Vorbereitung auf diesen Weg kann also wieder keine Rede sein. Und da ich weiß, wie das ausgeht, habe ich gehörigen Respekt vor diesem Weg. In Portugal wollte ich nach zwei Tagen aufgeben, weil ich nur noch Schmerzen hatte. Da war ich auch nicht vorbereitet. Warum wir es trotzdem nicht lassen können, mit einem Rucksack auf den Rücken und Wanderschuhen an den Füßen durch die Gegend zu latschen, wo es doch viel bequemer wäre, seinen Urlaub in einem Liegestuhl in wärmeren Gefilden zu verdösen, kann ich eigentlich auch nicht so genau sagen. Wie oft haben wir uns in den letzten Jahren gefragt: Warum tust Du dir das an? Was machst Du hier eigentlich?? Man ist kaum zu Hause und alle Zweifel sind verflogen. Es ist ein Phänomen, dass man Schmerzen so schnell verdrängen kann, dass man vergisst, wie sehr man bei diesem und jenem Anstieg außer Puste war und schon schwarze Punkte sah, dass man vergisst, wie das Wasser in die Schuhe lief und das Knie bei jedem Schritt bergab schmerzte, so dass man laut schreien möchte. Übrig bleiben nur die schönen Erlebnisse, die wahnsinnig schönen Landschaften, die Eindrücke der neunen und andersartigen Umgebung und natürlich die Menschen, die man unterwegs kennen lernte und von denen heute einige gute Freunde geworden sind. Eigentlich können uns nur diejenigen so richtig verstehen, die die gleiche Macke haben. Vom Rest ernten wir meist nur ungläubiges Lächeln, wenn wir von unseren Vorhaben oder vom Erlebten erzählen. In jedem Fall aber ist jeder absolvierte Schritt für uns eine Bestätigung noch nicht aufzugeben, den Körper zu fordern und sich zu bestätigen: Das schaffst du noch!! Und da sind wir ein wenig stolz drauf. Denn manch 40 jähriger traut sich das nicht mehr zu. Nun will ich uns nicht älter machen, als wir sind, kennen wir doch Leute, die einiges mehr auf dem Buckel haben und uns davon laufen auf dem Weg. Zum Glück ist es kein Wettlauf. Jeder kann sich die Zeit und den Weg so einteilen, wie er mag. Und da gibt es halt den Marathon Läufer und den Blümchen Fotografierer. Wer mehr vom Weg hat, erklärt eine chinesische Weisheit: „Schildkröten können mehr über den Weg erzählen als Hasen.“ Und glaubt mir, ich hab zum Glück viel zu erzählen….

Gesucht und gefunden haben wir unsere Tour wie auch schon den West Highland Way bei der Agentur Vividus Reisen, mit denen wir ja sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Diese Buchung beinhaltet die Unterkünfte, das Frühstück und den Gepäcktransport. Die direkte Buchung bei den B&B´s hätte uns sicher diesen oder jenen Euro erspart. Aber bei eventuell auftauchenden Problemen ist unser Englisch einfach zu schlecht, um diese vor Ort klären zu können. Wir wählten also die bequeme Variante, womit ich jedoch nicht meine, dass wir unser großes Gepäck wieder transportieren lassen wollen. Das hatte sich bereits in Schottland als sehr gute Idee heraus gestellt. 

Gebucht haben wir wieder sehr zeitig, auch die Flüge. Von Berlin Schönefeld aus fliegt Ryanair zwei mal in der Woche nach Kerry Airport, was uns die Anreise sehr erleichtert, da der kleine Flugplatz nur wenige Kilometer vom Anfang und Ende des Kerryway entfernt ist. Und…. wir fliegen nicht allein. Uns begleitet auf dem Weg eine gute Freundin, die aufmerksame Leser dieses Blogs bereits kennen. Es ist Marion aus Rheinfelden/Schweiz, die wir 2015 auf dem Camino Portugues von Porto nach Santiago de Compostela kennen lernten. Wir haben seither immer Kontakt gehalten und uns auch schon gegenseitig besucht. Ich berichtete ihr über WhatsApp von unserem Vorhaben mit der Bemerkung „Komm doch einfach mit…“ Und ohne lange Überlegung war ihr Entschluss gefasst. Innerhalb von 2 Stunden war alles geregelt und gebucht. Sie kommt mit dem Auto zu uns und wir fahren zusammen nach Berlin zum Flugplatz. Mein Auto lasse ich für die Zeit auf einem bereits gebuchten Parkplatz stehen.

Und so sitzen wir nun im Auto auf dem Weg über die A9 nach Berlin. Marion war gestern Nachmittag eingetroffen und wir haben noch lange zusammen gesessen und gequatscht. Zum Glück geht der Flieger erst nach 15 Uhr. So konnten wir wenigstens ausschlafen. Den Parkplatz, etwa 7 Kilometer vom Flughafen entfernt an der A13, kenne ich bereits. Da wir das Auto auch schon dort stehen hatten, als wir in Portugal waren. Nach den Formalitäten sitzen wir im Shuttle Bus und lassen uns zum Flughafen chauffieren. Wir sind noch nicht ganz am Terminal, da fragt mich Andrea, wo ich meine Jacke habe. Es durchfährt mich wie ein Blitz. „Die liegt im Auto!! Auch du Schei….“ . Ich hatte mir extra für das irische Wetter diese neue Jacke zugelegt. 20 000 mm Wassersäule! – das sollte reichen für die zu erwartenden Regengüsse. Irland ohne Regenschutz? das geht auf keinen Fall. Und so überlege ich mir die Optionen: Hier am Flughafen nach ner neuen Jacke suchen wäre sicher unverhältnismäßig teuer und sicher nur ein unzureichender Kompromiss. Die Zeit in Killarney zu verplämpern auf der Suche nach einem Laden, der Outdoor Klamotten verkauft, erscheint mir auch nicht zielführend. Also höre ich mich den Fahrer fragen, ob er jetzt noch ne Tour hat zum Flughafen und ob er mich mitnehmen würde zurück zum Parkplatz. Das Risiko den Flug zu verpassen erscheint mir gering, da ich treu meiner Gewohnheiten wieder mal viel zu zeitig hier war. Nun ist bewiesen, das ist manchmal gar nicht so schlecht. Aber eins sei gesagt aus meiner Erfahrung: Ein pünktlicher Mensch verbringt sehr viel Zeit mit warten. Der Fahrer meint, dass er noch ne Tour hat, wir aber erst mal einchecken könnten. Also los zum Terminal… Mist, der Flug ist noch nicht aufgerufen. Wer aber anruft, ist der Fahrer. Um mir mitzuteilen, dass ich zum Kurzzeitparkplatz kommen soll und es los gehen kann. Ich sitze wie auf Kohlen. Denn Andrea ist auf Toilette und Marion checkt gerade die örtlichen Einkaufsmöglichkeiten. Das Gepäck kann ich nicht allein lassen, ohne einen Bombenalarm auszulösen. Mein Hals wird immer länger bis ich endlich die beiden Damen entdecke. Ohne viel zu erklären, verschwinde ich durch die Pendeltür und renne zum Parkplatz. 15 Minuten später nehme ich meine Jacke aus dem Auto. Ich hinterlasse einen Schein im Shuttle für die Bemühungen des Fahrers und stehe noch vor Öffnung des Schalters wieder im Terminal. Eine neue Jacke wäre sicher teurer geworden. Na das fängt ja gut an. Ich sollte aber viel ruhiger werden. Andrea und Marion waren auch etwas verwirrt über mein Verschwinden, da ich eine Rückfahrt zunächst ausgeschlossen hatte. Die Gefahr in einen Stau zu geraten, erschien mir zunächst zu hoch, da es auf der A13 kurz nach der Abfahrt zum Parkplatz eine Baustelle gibt. Mein spontaner Entschluss, doch noch mal zurück zu fahren, hatte meine Begleitung irgendwie nicht erreicht. Aber es ist ja alles gut gegangen. Und auch unser Aufgabegepäck, welches mir ein paar Sorgen bereitete, sind wir los geworden. Ryanair hat wieder mal die Bestimmungen für das Gepäck geändert. Wir hatten nur ein 10 kg Aufgabegepäck zum Flug gebucht, vor allem wegen der Treckingstöcke und der Flüssigkeiten. Die Maße sollen neuerdings recht streng kontrolliert werden. Nun ja, bei den Dumpingpreisen von Ryanair versucht man auf diese Weise etwas zusätzlich zu verdienen. (fast verständlich)

Nach den üblichen Prozeduren beim Sicherheitspersonal (ich musste diesmal nicht mal die Wanderschuhe ausziehen und auch kein Taschenmesser hatte ich im Handgepäck vergessen) sitzen wir nun im Flieger und rollen zur Startbahn. Das dauert in Schönefeld immer etwas länger und man ist geneigt zu glauben, dass sie einen nach Irland fahren wollen. Plötzlich steht der Flieger und eine Ansage ertönt mit der Frage, ob sich ein Arzt in der Maschine befindet. Es ist wie im Film: Natürlich ist ein Arzt an Bord. Und der behandelt nun einen Passagier, der augenscheinlich Probleme mit dem Kreislauf hat. Während die Maschine nun zurück zum Terminal rollt. Die Flughafenfeuerwehr übernimmt den Patienten und glücklicherweise hat er nur Handgepäck dabei, was die Verzögerung in Grenzen hält. Der Flug verläuft dann ohne nennenswerte Störungen. Nun ja – an Schlaf ist natürlich nicht zu denken, da man glaubt, auf einer Verkaufsveranstaltung zu sein. Das ist der Preis des Billigfliegers. Ständig wird man zu getextet. Die Landbahn von Kerryairport scheint recht kurz zu sein, so sehr haut es uns nach vorn kurz nach dem Aufsetzen.

Der Flughafen ist als solcher kaum zu erkennen. Ein kleines flaches Gebäude mit einem kleinen Türmchen drauf, in denen die Lotsen sitzen. Die Wege sind kurz, viel kürzer als im Labyrinth des Flughafens Berlin Schönefeld, der in meiner Wahrnehmung als Folge des BER Desasters immer mehr zu einem Provisorium verkommt. Hier in Irland stehen wir nun sehr schnell draußen und finden auch gleich die Bushaltestelle. Es gibt nur eine. Die 16 sollte nach Killarney fahren. Doch das dauert noch und so fragen wir beim einzigen hier vorgefundenen Taxi nach dem Preis. 30 Euro für die 17 Kilometer und die Fahrt direkt zur Unterkunft – das ist annehmbar. Fast wäre ich auf der Fahrerseite eingestiegen. Nee, das ist schon sehr gewöhnungsbedürftig mit diesem Linksverkehr. Ich bin auf der Fahrt dabei, auf der linken Seite eine Beule ins Bodenblech zu treten. Mag auch daran liegen, dass ich sowieso ein sehr schlechter Beifahrer bin. Das Sleeve Bloom Menor B&B ist unsere erste Unterkunft. Wir werden sehr nett von einer jungen dunkelhäutigen Dame empfangen. Was für eine Erscheinung! Was für ein Auftreten! Wir sind sowas von begeistert (ich jedenfalls…). Leider gibt es ein kleines Problem. Man hat uns ein Dreibettzimmer gebucht. Marion hatte jedoch den erheblichen Aufpreis für ein Einzelzimmer in den Unterkünften gezahlt. Der Voucher bringt den Beweis. Während wir im Speiseraum Kaffee trinken, bemüht sich die Dame um eine Lösung, die kurze Zeit später darin aussieht, dass wir schräg gegenüber in einem anderen B&B unterkommen. Ich kontaktiere sicherheitshalber trotzdem nochmal die Agentur, damit solche Probleme in den weiteren Unterkünften ausgeschlossen bleiben. Kurze Zeit später bekomme ich die Bestätigung, dass alles geprüft wurde. 

Killarney ist eine kleine Stadt am Lough Leane im County Kerry mit knapp 15 Tausend Einwohnern und einer recht hübschen Altstadt. Ein Pup neben dem anderen reiht sich in der High Street, die wir auf der Suche nach unserem Abendessen durchstreifen. Schließlich landen wir im „Treyvaud´s„. Das ist eher ein Restaurant also kein richtiger Pup. Der wäre heute sicher zu verführerisch. Denn erstens sind wir von der Reise doch recht müde, zweitens haben wir morgen ne lange schwere Tour vor uns und drittes wissen wir doch, wie das enden kann in so einem Pup. 

Von einer netten Begebenheit beim Abendessen muss ich noch berichten. Ich sitze entgegen meiner Gewohnheit mit dem Gesicht zum Fenster. Die Tür habe ich also im Rücken, was mir für Gewöhnlich Unbehagen bereitet. Da schaut eine Frau von draußen durch den Lamellenvorhang sicher auch auf der Suche nach einem Abendessen. Mann, die kommt mir sehr bekannt vor. Auch die Frau scheint mich zu kennen, so wie sie ungläubig zurück schaut. Nun gibt es ja Doppelgänger und man ist sich oft nicht sicher – aber auf beiden Seiten und so weit weg von zu Hause? So schnell sie da ist, ist sie auch wieder verschwunden, um wenig später mit Verstärkung wieder durchs Fenster zu schauen. Hey, den kenne ich auch! Es sind Carmen und ihr Mann, beides Kollegen bzw. Ex – Kollegen von mir. ich stürze auf die Straße, um die beiden zu begrüßen. So ein Zufall aber auch. Die Welt ist ein Dorf….

Zum Schluss noch eine Bemerkung zum Essen: Viel besser als sein Ruf! Oft wissen wir zwar nicht genau, was wir bestellen. Aber es ist immer sehr gut und meist auch viel preiswerter als auf dem Rest der Inseln. Beim Bier scheiden sich allerdings die Geister. Wir bleiben wie schon in Schottland beim Guinness. Das kennen wir und die Experimente mit anderen einheimischen Sorten sind immer schief gegangen. 

Bis morgen, Gert….

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