Der Kerryway 3. Etappe Lough Acoose – Glenbeigh

Es sind heute wieder nur etwas mehr als 18 Kilometer auf der Strecke nach Glenbeigh. Heute geht’s zurück ans Meer. Jedenfalls müsste man es sehen, wenn man kurz vor dem Ort über das Windy Gap geht. In Erinnerung an die gestrige Etappe macht mir dieser Pass etwas Sorgen. Nun ja, man könnte ihn auch umgehen, indem man kurz vorher rechts abbiegt und um den Berg Seefin herum läuft. Allerdings mit den Pferdefüßen, dass die Strecke länger ist und dass man die letzten Kilometer direkt an der viel befahrenen N70, dem „Ring off Kerry“ entlang laufen muss – keine  so gute Idee. Also lasse ich es auf mich zukommen. Morgen wird es besser – da bin ich fest von überzeugt. Doch der Reihe nach….


So früh ins Bett zu gehen, bin ich wirklich nicht gewohnt. Ewig hab ich mich wieder von einer Seite zur anderen gewälzt. Auch Andrea hat dazu beigetragen. Wir hatten wieder Hitze im Bett. Und um die Phantasie wieder in sichere Bahnen zu lenken: Auf Andrea´s Seite befand sich direkt neben dem Bett ein großer Heizkörper und der ballerte ab 20 Uhr dermaßen los, dass man sehr aufpassen musste, um sich nicht zu verbrühen. Das winzige Knöpfchen, um den Heizkörper zuzudrehen war schwer zu finden und als ich es gefunden hatte, fiel es ab und rollte unters Bett. Natürlich dorthin, wo man es unmöglich erreichen kann, ohne das breite Bett auseinander zu bauen. Ich gebe auf…. Ahh gucke, da ist noch so ein Knöpfchen am anderen Ende des Heizkörpers…. Ich versuche mal…. Mit Mühe und Not bekomme ich den Hahn zu. Nicht ganz, wodurch der Heizkörper die ganze Nacht vor sich hin rauscht. Macht auch nichts, denn das Geräusch wird eh vom Geschrei des Pfauen – Hahns übertönt, der draußen auf dem Hof herum stolziert und auch nicht schlafen kann. Und wer das schon mal gehört hat, der weiß, was das für ein eindringliches Geschrei ist. Kurz und gut – irgendwann schliefen wir trotzdem ein und ich wurde wieder pünktlich um Fünf Uhr wach. Das ist so drin im Körper. Frühstück gibt’s aber erst wieder um 8 Uhr. Viel Zeit für irre Gedanken und die Morgentoilette. Ich fülle schon mal die Kofferanhänger mit der Adresse des heutigen Etappenzieles aus für den Gepäcktransport und die Wasserflaschen müssen auch noch verstaut werden. Einschlafen ist nicht mehr und so bin ich ganz froh, als es endlich 8 Uhr ist. Ich nehme diesmal keine scrambled Eggs sondern fried Eggs. Andrea versucht es mit Pancakes, was sich auch als gute Alternative erweist. Der Kaffee ist hier besonders gut und überhaupt kümmert sich die Chefin rührend um uns. Sind schon sehr freundlich die Iren….

Gegen 9 Uhr verlassen wir das Grundstück. Vor uns liegen viele Kilometer Asphaltstraße. Bis zum Climbers Inn, einer recht bekannten Absteige in Glencar. Das Cimbers Inn ist zugleich B&B, Lebensmittelladen, Poststelle und Pup und eine der ältesten Herbergen in Irland. Bis dorthin werden wir schon mal 6 Kilometer abreißen. Denn Asphalt ist für Wanderer zwar kein angenehmer Untergrund, man kommt jedoch sehr schnell voran. Die sehr schmale Straße ist um diese Zeit recht stark befahren. Und wir müssen sehr aufpassen, um nicht mit den Autos in Konflikt zu geraten. Immer wieder wechseln wir die Straßenseite, um vor einer Kurve weiter vorausschauen zu können und damit uns die Autofahrer früher sehen. Die sind hier aber recht rücksichtsvoll. Denn sobald sie uns bemerken, fangen die Meisten an zu blinken und weichen auf die andere Straßenseite aus. Ich bedanke mich regelmäßig, in dem ich einen Stock hebe oder nicke. Nee… sind wirklich freundlich diese Iren…. .

Die Straße folgt zuerst dem nördlichen Ufer des Lough Acoose in westlicher Richtung. Ich blicke immer wieder zurück und schaue auf die majestätischen Gipfel der Macgillycuddy’s Reeks, die sich direkt über dem Lough Acoose erheben. Es sind die höchsten Berge Irlands. Ich laufe mich in eine Art Trance. Denn während am Anfang der Straße man mit dem Blick auf den Lough Acoose noch etwas Ablenkung hatte, ist die restliche Strecke recht langweilig. Es geht durch einen sumpfigen Wald, der die Sicht auf die weitere Umgebung verdeckt. Also konzentriere ich mich auf die Pflanzen direkt an der Straße. Da sind Sachen dabei, die man bei uns nicht ohne weiteres sieht. Der Rhododendron sieht zwar schön aus, ist aber eine Landplage. Er wurde eingeschleppt, gehört hier also nicht hin und verdrängt die einheimische Flora. In einem Fernsehbericht hatte ich mal gesehen, dass große Anstrengungen unternommen werden, um den Sträuchern großflächig den Garaus zu machen. Gruppen von Pfadfindern waren da unterwegs, um die Sträucher zu „impfen“. Es wurde eine Substanz unter die Rinde gespritzt, die die Sträucher absterben lässt. Hier und da hatten wir schon solche abgestorbenen Bereiche gesehen. Von unten sprießen dann einheimische Gewächse durch und nutzen die abgestorbenen Rhododendren als Nahrung. Ich glaube aber, man steht hier auf verlorenem Posten, wenn ich sehe, welch große Flächen hier Lila tragen. Wenn man genauer hinschaut, entdeckt man neben vielen verschiedenen Farnen auch Fingerhut und sogar Orchideenarten am Wegesrand. Hier und da gibt es Gewächse, die man eher im Mittelmeerraum vermutet. Der Golfstrom macht‘s möglich.

Endlich sind wir am Climbers Inn. Ich bestelle mir ne Cola. Das stille Wasser aus den Halbliterflaschen schmeckt wie eingeschlafene Füße. Das trinke ich wirklich nur, wenn ich viel Durst habe und weil ich muss. Cola trinke ich eigentlich nur auf solchen langen Touren. Doch lange halte ich mich auch hier nicht auf. Ich gehe schon mal langsam los, sage ich. Ihr holt mich dann schon ein. Ich gehe langsam. So ist es dann auch.

Der Kerryway verlässt hier die Asphaltstraße und ich gehe parallel zu ihr in einem großen Bogen an einigen Gehöften vorbei über einen Feldweg. Die Zweige der Bäume ragen weit über den Weg. Es wirkt wie ein Tunnel. Von Vorn kommt mir eine Frau mit ihrem Hund entgegen. Sie grüßt freundlich. In solchen Situationen bedaure ich besonders, dass mein Englisch sich auf wenige Vokabeln beschränkt. Ich verstehe recht viel, wenn man langsam und deutlich spricht. Aber selbst? Da ist meine Hemmschwelle zu hoch. Nach ein paar Glas Wein oder Bier wird es dann schon besser. Trotzdem fallen mir die Vokabeln immer erst 10 Minuten zu spät ein. Ich habe für Sprachen irgendwie kein Talent. Kann aber auch sein, dass ich einfach zu faul zum Lernen bin.

Und wie ich so dahin schlurfe und übers Leben nachdenke, erreiche ich wieder die Straße, oder vielmehr einen Abzweig. Hier leitet mich ein Wegweiser gleich hinter der alten Steinbrücke über den River Caragh nach rechts – natürlich über eine Leiter. Der River Caragh entspringt im Lough Caragh und mündet in die Dingle Bay. Er ist einer der saubersten Flüsse in Irland und für hiesige Verhältnisse relativ breit. Am linken Ufer des Caragh führt nun ein sehr malerischer Weg entlang mit schönen Ausblicken auf den kurvenreichen Fluss.

Hier und da geht es über Holzbohlen durch sumpfiges Gelände. Leider ist dieser Abschnitt des Weges schnell vorbei. Marion und Andrea haben mich längst eingeholt. Wir zweigen auf einen breiten Waldweg ab. In leichtem Auf und Ab zieht der sich etwa 2 Kilometer durch den Hochwald bis uns ein Wegweiser nach links oben schickt. Hier setzen wir uns noch mal hin, trinken was und ein paar Sachen vom gestrigen Lunchpaket müssen auch noch weg. Die Riegel sind nicht schlecht, kleben zwar fürchterlich im Mund, schmecken aber frisch nach Kirsche.

Ich stehe wieder als erster auf und mache mich an den Aufstieg. Wir sind hier im Lickeen Forest. Der Wald scheint sich selbst überlassen zu sein. Überall liegen die vermoosten Stämme abgestorbener Bäume. Auf einem Pfad geht es über Steinblöcke treppenartig sehr steil nach oben. Am höchsten Punkt des Weges liegt ein großer Findling, den ich mit Mühe erklimme. Vor mir breitet sich ein herrliches Panorama aus. Ich blicke über das Tal des River Caragh zum Lough Caragh. Den Hintergrund bildet die Bergkette der Macgillycuddy’s Reeks. Es ist wie auf einem kitschigen Ölgemälde über einem Kanapee. Nur der röhrende Hirsch im Vordergrund fehlt.

Durch eine Art Schlucht geht es danach sehr steil bergab. Die Landschaft wechselt wieder dramatisch. Man glaubt in einem Felsengebirge zu sein. Grobe Treppenstufen erleichtern dem Wanderer das Vorwärtskommen auf diesen steilen Ab- und Aufstiegen.

Windy Gap

Dann schlängelt sich der Pfad durch einen leuchtend blühenden Korridor aus Rhododendren. Irgendwie schade, dass dieser Abschnitt auch schnell zu Ende ist und wir uns auf einer Asphaltstraße wiederfinden. Diese führt 2,5 Kilometer bis zum Abzweig an der alten Bunglasha School. Der Wald liegt hinter uns und der Blick ist frei auf eine Bergkette. Rechts türmt sich der Seefin auf und links daneben zeichnet sich bereits schon deutlich der Aufstieg zum Windy Gap ab. Eine diagonal zum Hang verlaufende Rampe verheißt einiges an Schweiß, der dort vergossen werden muss. Bis dahin ist es aber noch ein Stück Weg. Eine kleine Pause legen wir am Straßenrand ein. Links und rechts der Straße – alles Weideland.

auf dem Windy Gap

Ich bin wiederum der erste, der langsam weiter geht. Die Strecke kommt mir ewig lang vor. Wobei es auch daran liegen könnte, dass es immer mehr bergan geht und ich extrem langsam laufe. Direkt vor dem „Einstieg“ zur Windy Gap sitzen ein paar Landarbeiter und machen Pause. Die wissen mehr und lächeln mich etwas verschmitzt an, wünschen mir aber einen guten Weg. Der Aufstieg ist recht gut, fast auf seiner ganzen Länge einzusehen. Die uns bekannten 2 deutschen Pärchen haben uns kurz nach dem Wald überholt und ich sehe sie nun als kleine Punkte oben auf etwa zwei Drittel des Aufstieges. Ich öffne das große Gatter und beginne damit hinterher zu steigen. Der Weg ist breit und die Oberfläche eben. So kann man sehr gleichmäßig gehen. Ich bemühe mich auch ganz gleichmäßig und tief durchzuatmen. Das klappt bisher ganz gut. Ich habe in einem Zug mindestens die Hälfte des Aufstiegs bewältigt, als ich das erste Mal anhalte und mich umblicke. Marion und Andrea sind gerade unten am Gatter. Hinter ihnen breitet sich die phantastische Landschaft aus. Vom Birdia Valley, welches hier halb rechts noch zu sehen ist über das Tal des River Caragh bis zu den Macgillycuddy´s Reeks liegt mir hier ein Großteil der Strecke zu Füßen, die wir gestern und heute gegangen sind. Und der Aufstieg bis hierher ist gar nicht so schlimm wie befürchtet. Ich laufe sofort weiter, als ich wieder bei Puste bin. Oben angekommen macht das Windy Gap seinem Namen keine Ehre. Es ist fast windstill.

Blick zur Dingle Bay

Ich schaue mich noch mal um, denn nach der Scharte geht es sofort nach unten. Und da sieht es nun völlig anders aus. An einer Stelle kann man hier nur indem man sich um 180 Grad dreht, zwei völlig verschiedene Landschaften betrachten. Hinter mir liegt das Gebirge und die weiten grünen Täler und vor mir die Dingle Bay mit breiten hellen Stränden, davor liegend – der Ort Glenbeigh, unser heutiges Ziel. Schade, dass es sich heute etwas zu gezogen hat.

Eine dichte Wolkendecke verdeckt zunehmend das Himmelblau, welches wir gestern noch hatten. Schade aber nicht zu ändern.

Etwas weiter unten am Weg erblicke ich eine Bank. Auf ihr sitzen jedoch schon die jungen Leute. Ich gehe schnurstracks auf sie zu und beginne eine kurze Unterhaltung. Als Andrea und Marion nachkommen, räumen sie das Feld und machen uns Platz. Diese Bank sollte eine Webcam bekommen! Was für eine Aussicht! Ich lege mich ins weiche Gras und lasse es im Rückgrat knacken. Einige Fotos entstehen und eigentlich will hier keiner weg. Nützd ja nüschd!

Weiter geht´s. Zuerst noch auf Wiesenwegen, dann auf Asphalt geht es auf Glenbeigh zu. Durch ein Spalier Grün wandern wir bergab. Am Straßenrand sehen wir das Mammut Blatt, eine imposante bis zu drei Meter hoch werdende Pflanze, die dem Rhabarber ähnelt, mit ihm aber nicht verwandt ist. Die Pflanze stammt aus den Nebelwäldern Brasiliens und verträgt keinen Frost. Der sollte hier in Meeresnähe wegen des Golfstroms sowieso sehr selten sein. Sogar einige Palmenarten können wir in den Vorgärten erblicken.

Unser B&B finden wir sehr schnell. Inzwischen hat es angefangen zu regnen. Endlich irisches Wetter! Dafür habe ich das Theater mit meiner Regenjacke am Anfang der Reise auf mich genommen. Trotzdem könnte ich gern drauf verzichten. Bei der Begrüßung im Emir View B&B muss ich neben den Ohren auch Maul und Nase aufsperren. „Please  speak slowly“ fällt mir sofort ein. Eine Redewendung, die ich öfter benötige. Die Dame des Hauses schnattert unablässig auf uns ein und viel verstehe ich nicht. Muss ich auch nicht, da ja eigentlich alles klar ist. Ob wir was trinken wollen, verstehe ich sehr deutlich. Und sehr deutlich fällt auch die Wahl aus: Guinness!

Die Zimmer sind groß und freundlich, der Frühstücksraum ist ausgestattet wie vor einem Fest. Von der Tochter des Hauses werden wir noch in die etwas seltsame Schließtechnik der Haustür eingewiesen, bevor wir uns auf die Suche nach einem Abendessen in den Ort begeben.

Die Kleinstadt Glenbeigh liegt direkt am Ring off Kerry und verfügt über eine größere Anzahl an Übernachtungsmöglichkeiten und PuP´s. Der Ort ist nicht der Hit. Er macht bei dem Wetter einen eher tristen Eindruck. Wir sind schnell entschlossen die Besichtigungsrunde zu beenden und kehren in der Towers Old Bar ein. Platz ist noch genug und das Guinness schmeckt überall gleich. Vom Essen lasse ich mich überraschen. Irgendwas mit Fisch sollte es in Meeresnähe heute mal sein. Und so suche ich nicht lange und bestelle Fish and Chips in der gehobenen Variante also nicht als Imbiss. Mir schmeckt das richtig gut und ich kann immer weniger verstehen, weshalb man das Essen auf den Inseln immer so schlecht macht.

Nach zwei drei Guinness geht’s zurück zum B&B und gleich ins Bett. Schade, dass das Wetter nicht weiter schön geblieben ist. Morgen geht es auf einer sehr langen Etappe nach Caherseveen. Der erste Teil des Weges führt uns hoch über die Küste mit tollen Aussichten auf die Dingle Halbinsel und das Meer. Na mal sehen, ob wir überhaupt was sehen….

Gute Nacht!

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