Der Kerryway 2. Etappe Black Valley – Lough Acoose

im Black Valley

8 Uhr gibt es heute Frühstück. Das ist für unsere Verhältnisse recht spät. Die Strecke heute sieht erst mal nicht so schwierig aus. Und mit 18 Kilometern ist sie auch nicht sehr lang. Das sollte doch ein recht entspannter Tag werden, denke ich mir noch. Wie man sich doch täuschen kann. Denn die zwei Pässe, die wir heute überwinden müssen, habe ich gehörig unterschätzt. Zudem ist es bereits am Morgen relativ warm, vor allem in der Sonne, die wieder von einem strahlend blauen Himmel scheint.


Die Nacht verlief recht unruhig. Eigentlich kann ich fast überall gut schlafen. Aber dieses Bett war nicht nur sehr weich sondern auch sehr heiß. Mitten in der Nacht fragte mich Andrea, ob mir auch so warm ist. Ja genau aus dem Grund war ich auch wach. Mit der flachen Hand prüfe ich das Laken unter mir. Diese Hitze kann unmöglich von meinem Körper stammen. Und dann macht es Klick. Auf der Suche nach dem Schalter der Nachttischbeleuchtung hatte ich gestern Abend diverse Schalter ausprobiert. In Irland braucht man nicht nur einen Adapter, um seine Geräte einstecken zu können, die meisten Steckdosen sind auch abschaltbar. Und so hatte ich wahrscheinlich den Schalter für die Bettheizung erwischt. Ja… dieses Bett hat in der Tat eine Heizung! Nachdem ich den Schalter gefunden hatte, verlief dann die Nacht auch wesentlich entspannter.

Nach dem gestrigen etwas überdimensionierten Frühstück lassen wir es heute etwas weniger üppig angehen. Es gibt nur Rührei mit ein paar Streifen gebratenem Schinken. Man nimmt hier in Irland wirklich recht mageren Schinken. Und der wird beim Braten dann recht trocken und zäh. Für Andrea mit ihren provisorischen Zähnen ist das hier eine echte Herausforderung. Auf dem gesamten Weg sind wir immer auf der Suche nach etwas, was sie auch beißen kann, was gar nicht so einfach ist, wenn man die Sprache nicht so ganz beherrscht. Meist geht es jedoch gut mit Marions tatkräftiger Unterstützung (Nein sie kaut nicht vor – sie übersetzt…. J ).

Heute ordern wir ein Lunchpaket, da es möglich sein könnte, dass wir am heutigen Ziel nichts zu essen bekommen. Das Paket enthält 2 Sandwiches, ein paar klebrige Riegel (bei denen drohen selbst mir die Plomben raus zu fallen!) eine Banane, eine kleine Tüte Chips und ne 0,5er Flasche Wasser. 8 Euro ist schon ein wenig happig, wie überhaupt die Preise hier im Black Valley. Man weiß halt die Abgeschiedenheit gut zu vermarkten. Trotzdem muss ich an dieser Stelle anmerken, dass wir hier sehr nett aufgenommen und bewirtet wurden.

Von der Hausherrin und von den beiden Hunden werden wir gegen 9 Uhr verabschiedet. Das ist für mich schon mitten am Tag. Die ersten Kilometer geht es über eine kleine Asphaltstraße in westlicher Richtung durch das Black Valley. Die Talflanken sind hier recht steil und nur wenige Häuser säumen den Weg. Wir sehen viele Schafe und ein paar Pferde am Wegesrand grasen. Das Grün der Wiesen ist fast unwirklich. Einige üppig blühende Bäume bilden einen schönen Kontrast zum übermächtigen Grün in seinen vielen Schattierungen. Während die abgefressenen Weiden im Grün des jungen Grases leuchten, gibt es dazwischen regelmäßig hohe dichte Büschel aus sehr harten Gräsern, die die Schafe zu verschmähen scheinen. Das scheinbare Ende des Tales kommt langsam in Sicht und wir verlassen die kleine Asphaltstraße nach rechts. Auf einem Pfad geht es auf einen Waldrand zu.

Und da steht er, der erste Zaunüberstieg auf dem Kerryway. Diese Überstiege werden uns ab jetzt ein ständiger Begleiter werden und manchmal auch etwas nerven. Die meisten bestehen aus recycelter schwarzer Plaste. Die verrottet nicht so schnell, was ja erst mal gut ist. Die Stäbe, die man seitlich angebracht hat, damit man sich beim Überstieg daran festhalten kann, machen allerdings keinen sehr stabilen Eindruck. Dieser Überstieg hier bietet ein doppeltes Handicap. Denn genau hinter der Leiter liegt eine fette Fichte, die dem letzten Sturm wahrscheinlich nicht mehr trotzen konnte oder einfach umgefallen war, weil es im morastigen Untergrund keinen Halt mehr gab. Jedenfalls müssen wir uns ganz schön durch die Äste wühlen, die uns den Weg versperren. 

Heraus aus dem Wald machen wir eine kurze Rast. An der gegenüberliegenden Talseite sehen wir den Cumeenduff Lough, eingerahmt von üppig blühenden Rothodendren.

Ich gehe nach ein paar Minuten weiter, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass nach langen Rasten ich mich so fühle, als würde ich von neuem starten. Die Füße schmerzen und alles tut irgendwie weh auf den ersten 500 Metern. Da gehe ich lieber weiter. Und so stiefele ich als erster unserer kleinen Gruppe über ein Grundstück mitten durch eine Gruppe von bunt angesprühten Schafen. Richtige Ortschaften gibt es hier nicht. Es sind vielmehr einzelne Gehöfte über deren Grundstücke der Weg führt. Manche Anwesen wurden bereits aufgegeben. Auch in Irland gibt es das Problem der Landflucht. Die Schafzucht ist nicht mehr rentabel zu betreiben. Und an Feldwirtschaft ist in diesem Gelände gar nicht zu denken. Und so sieht man diese verfallenden Häuser. Die zwar irgendwie romantisch in die Landschaft passen aber auch von traurigem Scheitern erzählen.

Der Weg steigt unablässig an, nachdem das Tal einen Knick nach Norden gemacht hat. Das vermeintliche Ende des Black Valley, welches wir am Vormittag zu sehen glaubten, ist noch ein wenig hin. Erst jetzt erblicke ich es weit vor mir. Da müssen wir also drüber, durch diese kleine Scharte, die sich zwischen den Bergen befindet. Es sieht von hier aus wie eine Wand, die sich uns in den Weg stellt. Am letzten Gehöft im Black Valley gehen wir rechts vorbei über ein sehr unwegsames Stück Weg. Nach einer weiteren Kletterei über einen Zaun, machen wir direkt vor dem abschließenden Aufstieg zum Pass erst mal eine längere Pause. Hier stehen auf den sumpfigen Wiesen einige Pferde herum, teilnahmslos in die Gegend blickend. Sie ignorieren uns völlig. Was mich etwas wundert, da ja Wanderer meist etwas Leckeres dabei haben. Ich verspeise meine Banane und trinke etwas, bevor ich mich wiederum als erster an den Aufstieg mache. Dass wir uns richtig verstehen, dass ist hier keine Hochgebirgstour. Aber dass es hier so bergig ist, hätte ich nicht gedacht. Bilder oder Videos geben eben doch nicht exakt die Wirklichkeit wieder. Meine App auf dem Handy zeigt mir zudem ein erschreckendes Höhenprofil, welches ich mir nicht mehr so oft betrachten sollte, um die Lust nicht zu verlieren. So schlimm wie es aussieht, ist es allerdings nun auch nicht.

Blick ins Black Valley vom Birdia Pass

Dieser Birdia Pass, der hier nun vor uns liegt, wird jedoch meine erste Herausforderung heute. Ich habe wieder Schmerzen auf der rechten Seite und bin froh, als ich endlich oben bin. Die Luft war eigentlich nicht das Problem, auch wenn ich gerade mächtig schnaufe. Der Blick ins Black Valley ist phänomenal. Der breite Schotterweg, über den wir eben noch gelaufen sind, liegt nun tief unten als graues Band an der linken Flanke des üppig grünen Tales. Dafür haben Marion und Andrea jetzt keinen Blick. Die beiden quälen sich auch gerade den Hang hinauf. Und ich höre, dass mein Geschnaufe vorhin völlig normal war. Nach einer kurzen Pause, die ich liegend auf dem weichen Gras in der Sonne verbringe, geht es über den breiten Sattel zwischen zwei Findlingen hindurch zum Abstieg in das Birdia Valley.

Blick ins Birdia Valley

Hier oben haben wir eine phantastische Aussicht über das Tal aber auch auf den sehr steilen Abstieg dort hin. Ohne meine Stöcke wäre ich hier aufgeschmissen. Einen richtigen Weg gibt es eigentlich nicht. Den müssen wir uns zwischen Felsbrocken und Grasbüscheln selbst suchen. Man muss dabei auf jeden Tritt achten, was auch mental ziemlich anstrengend ist, da man sich sehr darauf konzentriert.

der steile Abstieg

Einen Blick für die Umgebung habe ich hier kaum. Nur ab und zu schaue ich nach oben und wundere mich immer wieder von neuem, dass ich bis hier her heile runter gekommen bin. Man sieht auch von unten keine Anzeichen für einen Weg. Nur hier und da stehen braun gestrichene Kanthölzer mit dem keinen gelben Wanderer und Pfeilen in der Landschaft herum. An diese Kanthölzer sollte man sich tunlichst halten, um nicht gänzlich die Richtung zu verlieren. Gerade bei Abstiegen kann man sich sehr schnell versteigen und plötzlich vor einer Stelle stehen, die die eigenen alpinistischen Fähigkeiten übersteigen. Dann bleibt nur noch der Rückzug nach oben und neu ansetzen. Weiter unten wird dann vieles klarer. Hier sehen wir wieder deutliche Trampelpfade über die abgeweideten Wiesen. Über einen kleinen Bach führt eine Brücke, die ebenfalls als Orientierungshilfe dient. Wenig später und nach ein paar weiteren Zaunüberstiegen gelangen wir auf eine schmale Schotterstraße. Hier wird bereits auf das nächste Ziel und in dem Zusammenhang auch auf die nächste Herausforderung hingewiesen.

Cookie Monster

Der Name „Stepping Stone“ für den Einstieg zur nächsten Passüberquerung kommt nicht von ungefähr. Hier geht es sehr steil hinauf zum Pass Beann Dhearg. Der ist noch 100 Meter höher als der Pass, den wir gerade überwunden hatten. Zuvor jedoch kehren wir im „Cookie Monster“ ein. Das ist ein kleines Cafe direkt am Einstieg zum Pass, strategisch also sehr gut gelegen. Einige bekannte Gesichter vom Weg haben ebenfalls hier her gefunden. Da sind 2 junge Pärchen aus Deutschland und ein älteres Ehepaar, welches ein Tempo vorlegt, dem wir keinesfalls gewachsen wären. Obwohl sie ihr gesamtes Gepäck auf dem Rücken tragen, sind sie wesentlich schneller als wir, die wir nur Tagesrucksäcke auf haben. Aber wie schon gesagt: Es ist ja kein Wettrennen. Wir sind eher die Genießer. Wir setzen uns draußen an einen schmiedeeisernen Tisch und ich bitte Andrea mir das Pflaster zu geben, weil ich eine entstehende Blase am rechten großen Zeh vermute und diese sofort bekämpfen will. Kaum hat Andrea den Rucksack offen, wir hatten noch keine Möglichkeit überhaupt was zu bestellen, stürzt der Betreiber aus der Tür und herrscht uns an, dass hier Picknick verboten ist. Hatten wir auch gar nicht vor. Wir hätten nur gern einen Kaffee! Da wagt Marion doch ihre Zigaretten raus zu holen. In noch schärferem Ton wird sie auf die Raucherinsel verwiesen, obwohl wir im Freien sitzen! Die Raucherinsel befindet sich direkt neben einem alten Traktor, der schon bessere Tage erlebt hat. Raucherinsel direkt neben dem Treibstofftank! Die Iren oder besser dieser spezielle Typ hier hat einen seltsamen Humor. Später in der Unterkunft bestätigt uns die Hausherrin des B&B mit kreisenden Bewegungen ihrer Handfläche vor dem Kopf, dass der Typ hier wirklich sehr speziell ist. Wir nehmen es mit Humor, haben wir doch ganz andere Sorgen.

auf dem Pass Beann Dhearg

Wie soll ich da nur rauf kommen? Meine Schmerzen werden immer schlimmer. Es ist wie damals in Portugal. Da waren der zweite und dritte Tag die schlimmsten. Ich bemühe mich ganz langsam aber stetig hinauf zu steigen, muss aber immer wieder Pause machen und mich hin setzen. In vielen Serpentinen führt der Weg unablässig steil nach oben. Ganz klein und ganz oben sehe ich nochmal das deutsche Ehepaar mit den großen Rucksäcken, welches nach uns losgegangen war und uns weiter unten an einer Bank überholte. Das ist schon deprimierend, wenn man will aber nicht so richtig kann. Andrea, die sicher schneller könnte, aber bei mir geblieben ist, sagt, dass wir gleich oben sind. Denn da vorn sitzt Marion in ihrem roten Shirt. Sie will mir Mut machen. Es stellt sich jedoch heraus, dass es nicht Marion ist, die oben auf uns wartet, sondern eines dieser bunt besprühten Schafe. „Oben“ ist noch lange nicht erreicht. Doch irgendwie schaffe ich es bis hier rauf, in der Gewissheit, dass es nun bis zum Lough Acoose fast nur noch bergab geht. Den morgigen Tag muss ich noch durchhalten. Dann wird es besser…. Da bin ich mir ganz sicher.

In der Ferne sehen wir inmitten eines Wahnsinns Panorama den Lough Acoose, an dessen nördlichem Ufer unsere Unterkunft liegt. Es sieht so nah aus. Wir haben jedoch nur etwas mehr als zwei Drittel der heutigen Etappe geschafft. Wir sind nun auf 387 Meter und sitzen die Gegend genießend in der Sonne. An den Abstieg will ich noch nicht denken. Hier mache ich heute eigentlich die erste größere Pause. Die Aussicht habe ich mir schwer erkämpft. Und das will ich nun auch genießen. Wir sprechen darüber, wie es denen gehen könnte, die sich hier rauf gequält haben und wegen des Wetters überhaupt nichts sehen. Und uns wird bewusst, dass wir bisher unglaubliches Glück mit dem Wetter haben.

Blick zurück zum Pass Beann Dhearg

Dann müssen wir wohl oder übel doch hinunter. Dieser Abstieg ist noch viel steiler als der vom Birida Pass. Hier gibt es aber wenigstens einen Pfad, dem man folgen kann. Trotzdem muss ich sehr aufpassen und jeden Schritt überlegen. Ein falscher Tritt und das rechte Knie ist hinüber. Das würde mich den ganzen restlichen Weg ärgern. Also gehe ich sehr langsam. Mich stört es mittlerweile gar nicht mehr, wenn die anderen voraus laufen. Das war früher anders. Da bin ich immer hinterher gehetzt, wenn ich wegen Fotos oder dem Film weit nach hinten geraten war. Hetzen geht einfach nicht mehr….

Unten an einem breiten Bach sitzen Marion und Andrea und warten auf mich. Ich setze mich nur kurz dazu und gehe aus bekanntem Grund gleich weiter. Zurück blickend sehe ich die „Wand“ an der wir uns gerade zu Tal bewegt haben. Auf einem breiten von einer Steinmauer gesäumten Weg geht es bis zu einer Abzweigung. Hier könnte man nach Glencar weiter gehen. Wir wollen aber zum Lough Acoose, da sich dort ja unsere Unterkunft befindet und gehen nach rechts. Es ist eine recht eintönige Asphaltstraße, die uns die nächsten Kilometer bis zum Lough Acoose und an ihm entlang bis zu einer kleinen Siedlung führt.

Glencar Lough Acoose House

Gleich das erste Gehöft ist das Glencar Lough Acoose House. Die Hausherrin und ihr Hofhund begrüßen uns. Sie weist uns die Zimmer in einem Nebengebäude zu und wir fragen sie nach  einem kleinen Abendessen. Mit Freude vernehmen wir, dass das möglich ist. Nach der Dusche und ein paar Minuten Füße hoch legen, gehen wir zum Essen. Vorher muss ich aber noch Marion aus ihrem Zimmer befreien. Das Schloss der großen Glasschiebetür ist sehr eigenwillig. Um ein Haar hätte sie hungrig ins Bett gehen müssen. Ich weiß, ich bin ein Held!! 🙂

Die Chefin hat ein leckeres Gulasch gezaubert und ein paar Büchsen eisgekühltes Guinness hat sich auch für uns eingefunden. So ist die Welt in Ordnung. Selbst Andrea, die sonst nie Bier trinkt, hat sich an diese dunkelbraune Brühe, die etwas nach Holzkohle riecht gewöhnt. Wir genießen das im Vergleich zum Black Valley recht preiswerte Abendessen in einer hellen Veranda im Wohnhaus der Besitzer. Mit uns sind nur noch drei Amerikaner, ein junger Mann mit seiner Freundin und seiner Schwester hier untergebracht. Sie sind aber (noch) nicht sehr kommunikativ.

Nach dem Essen bleiben wir bei einem Guinness noch eine Weile im rustikal eingerichteten Aufenthaltsraum sitzen. Hier gibt es übrigens die einzige Stelle, an der man ein Handynetz hat. An der Stelle steht auf dem Fensterbrett eine Art Handy – Liegestuhl, auf dem man sein Handy ablegen kann, bis es irgendwann eine Verbindung zum Netz aufbaut. Am besten man lässt es dort liegen und stellt auf Freisprechen. Wenn man Glück hat, klappt das irgendwann.  Für mich ist das wenig relevant, habe ich doch keinen Grund irgend wen anzurufen oder mein fotografiertes Essen zu posten. Wir gehen wieder sehr zeitig zu Bett. Es ist jedenfalls noch hell, was für uns sehr ungewohnt ist. Hoffentlich wird diese Nacht ruhiger….

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