Camino Finisterre 18. Tag 23.9.2012 Negreira – Olveiroa

So, nun habe ich genug Neugier erzeugt. Zweimal habe ich schon auf diesen Tag in meinem Bericht verwiesen, gerade eben und in Bezug auf meine Füße/Socken/Schuhe – Kombination.

nur noch 2 Kilometer

In der Nacht hörte man schon, dass der Wind stark aufgefrischt hatte. Und auch etwas Regen schien schon zu fallen.

Nachdem Jana und ich den Rest Nudeln als Frühstück vertilgt haben (ich kann gar nicht verstehen, weshalb da einige den Kopf schütteln?), gehen wir nach draußen und ahnen nichts Gutes, als wir den Himmel sehen. Dicke schwere Wolken werden von einem stark böigen Wind über den Himmel getrieben. In der Stadt ist dieser noch kaum zu spüren. Aber das sollte sich ändern.

Ganz unten das Video zur Etappe (diesmal etwas verwackelt) !

bedrohliche Wolken am Ortsausgang von Negreira

bedrohliche Wolken am Ortsausgang von Negreira

Nachdem der Rest der Mannschaft in einer bereits offenen Bar in Negreira auch noch ihr Frühstück eingenommen hat (Jana und ich sind ja von den Nudeln noch papp – satt!), gehen wir aus der Stadt heraus und spüren alsbald den heftigen Wind, der von der schräg von vorn kommt. Na wenigstens regnet es nicht… Doch kaum ist der Gedanke zu Ende gedacht, geht es auch schon los, in einer Heftigkeit, dass wir den Balkonvorsprung eines Hauses nutzen müssen, um den Poncho anzulegen. Mit diesem preiswerten (19,90€) Pocho von Decathlon bin ich übrigens ganz zufrieden, denn der hat richtige Ärmel und man kann ihn mittels eines Reißverschlusses vorn komplett öffnen. Eigentlich sollte man ihn somit auch ganz allein anziehen können, was mir aber (wahrscheinlich wegen meiner Ungelenkigkeit) nie so richtig gelingt. Selbst beim Ausziehen brauche ich Hilfe. Irgendwie bekomme ich ihn immer nicht allein über den Rucksack. Ob er wirklich dicht ist, vermag ich nicht zu sagen, da ich so sehr schwitze, dass es innen fast immer genau so nass war wie außen. Zu Hause habe ich ihn unter der Dusche ausprobiert und da war er dicht. Aber was heute auf uns zu kam, war der ultimative Härtetest für jede Outdoor – Ausrüstung. Und ich glaube, an diesem Tag wäre jede Ausrüstung an ihre Grenzen gestoßen. Es gab Böen bis 70 km/h und der Regen kam eher waagerecht als von oben. Es war oft so, als ob jemand einem eine Schüssel Wasser ins Gesicht kippt. Ich hatte unter dem Poncho kurze Hosen an. Lange wären eh in Sekunden durch gewesen.

heftige Regenschauer und Sturm

heftige Regenschauer und Sturm

Bis jetzt sind meine Schuhe dicht. Damit das so bleibt, hole ich die Gamaschen raus, die ich von Martin aus dem Pilgerforum geschenkt bekommen habe. Das geht auch die erste Zeit ganz gut. Sie sind dicht und ich habe warme Waden, auch wenn ich damit richtig komisch aussehe. (Das bemerkte ich jedenfalls später beim Betrachten der Fotos.) Doch ich bemerke nicht, dass sich die Bänder, mit denen die Gamaschen oben über den Waden zugebunden sind langsam lösen und das Wasser, das in Strömen kurz darüber vom Poncho auf das Bein fließt, so freie Bahn bis zu den Socken hat.

meine Gamaschen und ich

meine Gamaschen und ich

Die Wirkung der Gamaschen kehrt sich in kürzester Zeit um. Schützten sie eben noch den Schuh von außen, wirken sie nun wie ein Trichter, der das Wasser in die Schuhe befördert. Es kommt mir vor, als hätte ich volle Wassereimer an den Füßen. Doch den anderen ergeht es auch nicht besser. Kaum sind die Hosenbeine in einer Schauerpause durch den heftigen Wind getrocknet, kommt der nächste Guss. Und der Wind wird immer heftiger. Da etliche große Äste bereits auf der Straße liegen, vermeiden wir es ab sofort durch den Wald zu laufen. Wir verlassen die ausgeschilderten Wege, bleiben also auf den Straßen, auf die Gefahr hin, dass eine Böe uns auf die Fahrbahn treibt. Die großen Rucksäcke und Ponchos wirken wie Segel, so dass man sich mit den Wanderstöcken auf der Straße abstützen muss. Besonders Andrea also leichteste von uns, muss immer wieder gegen die Böen ankämpfen und sich mit ihren Stöcken abstützen. Ein zügiges Vorankommen ist so natürlich ausgeschlossen. Und ausgerechnet heute sind es 34 Kilometer bis zum Zielort. Zum Glück hat Jörg eine GPS Anwendung und den GPS Track des Caminos  auf seinem iPhone, so dass wir nicht auch noch Gefahr laufen, dass der Weg heute noch länger wird. Die Straßen sind schlecht beschildert und die Gefahr, dass wir uns verlaufen ist ohne die gelben Pfeile recht groß. Eine längere Pause zum Verschnaufen gönnen wir uns hinter Santa Marina in einer Bar.

Andrea und Franz bei einer Rast in Santa Marina

Andrea und Franz bei einer Rast in Santa Marina

Was heißt eigentlich Grog auf Spanisch? Das wäre hier das Richtige gewesen bei diesem Mistwetter. Jeder Versuch die Socken oder Schuheinlagen trocken zu bekommen hat überhaupt keinen Sinn. Es ist einfach alles nur nass und schlimmer kann es eigentlich nicht mehr kommen. Auf der Toilette kippe ich meine Schuhe aus und versuche mit Toilettenpapier die Einlagen etwas trockener zu bekommen – natürlich völlig aussichtslos. Beim auswringen der Socken schießt eine dunkle Brühe ins Waschbecken. Besonders ekelig ist es, die nassen ausgekühlten Klamotten wieder anzuziehen. In der Bar hinterlassen wir große Pfützen an den Plätzen, an denen wir saßen und am Kleiderständer.

Das alles ist auch der Grund, warum wir nicht in die Herberge hier in Santa Marina bleiben, sondern weitere 12 Kilometer bis nach Olveiroa gehen. Nasser können wir nicht mehr werden. Bis in die Unterhosen ist der Regen vorgedrungen und später in der Herberge kommt aus diesen genau so viel Wasser wie aus den Socken. Es kümmert jedoch niemanden mehr. Mit so einer Mischung von Trotz und Galgenhumor ziehen wir weiter.

angekommen - nass aber grücklich

angekommen – nass aber glücklich

Wie gut die Entscheidung weiter zu gehen ist, erfahren wir erst am nächsten Tag. Denn die Meisten waren entweder per Anhalter weiter gekommen oder hatten in Santa Marina aufgegeben. Dort gab es aber keinen Strom und damit auch keine Heizung, kein warmes Wasser und keine Möglichkeit die Sachen zu trocknen, denn der Hospitalero hatte weder Holz für den Ofen noch Zeitung zum trocknen der Schuhe.

Ganz anders in Olveiroa, wo wir in der privaten Herberge „Horreo“ einkehren. Dort liegen die Zeitungen schon bereit und ein Müllsack, in den wir die nassen Sachen für die Waschmaschine und den Trockner legen sollen. Noch ehe wir die Herberge bezahlt haben steht dank Jörg eine Flasche Rum auf dem Tisch. Nach diesem Kampf, ja ich möchte es so bezeichnen, haben wir uns das verdient. Franz ist auch froh, dass er Begleitung an diesem Tag hatte und Hartmut begrüßt uns freudestrahlend an der Tür. Ihn können nach über 3000 Kilometern solche Wetter Kapriolen kaum noch schocken.

Mehrfach habe ich mich auf dieser Etappe gefragt, warum ich mir das antue und bin trotzdem weiter gelaufen. Andrea meint da immer:“Nützt doch nüscht, weiter geht´s!“ Und mit dieser Einstellung treibt man sich voran. Am Abend ist man dann stolz das geschafft zu haben und hat noch ewig was zu erzählen. Wenn alles im Leben leicht wäre, würde es glaube ich auch schnell langweilig werden.

"Aufwärmrunde"

„Aufwärmrunde“

Aber etwas mehr Langeweile wünschen wir uns dann schon für die nächsten Tage, vor allem dass der Sturm aufhört. Doch das ist jetzt erst mal in die Ferne gerückt. Wir sitzen in der kleinen Bar der Herberge bei einem Glas Rum und werten den vergangenen Tag aus.

Übrigens, entgegen der Meldung, dass es in Olveiroa keine Einkaufsmöglichkeit mehr gibt (im Update des Pilgerführers von Raimund Joos), kann ich verkünden, dass man in der Herberge „Horreo“ eine kleine Tienda betreibt und dass so auch Pilger aus anderen Herbergen sich dort versorgen können. (Update 2015: Dort wo hier noch die kleine Bar war, sind jetzt noch Schlafräume. Auf dem Hof wurde eine große Scheune zu einem richtigen Restaurant umgebaut.)

Ach ja, meine Füße/Socken/Schuhe – Kombination: Die hat funktioniert, auch wenn die Socken nass waren. Ich hatte die Befürchtung, dass ich mir in den nassen Socken Blasen laufe. Doch nach einer Kontrolle konnte ich Entwarnung geben.

Hier das Video zur Etappe (aus lizenzrechtlichen Gründen leider ohne Hintergrundmusik):

 

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